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Was Obduktionen über Covid-19-Todesfälle und Impfschäden verraten

Mit einem Obduktionsregister wollen Pathologen Covid-19 und die Auswirkungen der Erkrankung auf den Körper verstehen. Und daraus Lehren für die nächste Pandemie ziehen.

Was passiert im Körper, wenn man sich mit Sars-CoV-2 ansteckt? Diese Frage versuchen Pathologen mit der Hilfe des Covid-Obduktionsregisters zu beantworten.
© APA/HELMUT FOHRINGER
Was passiert im Körper, wenn man sich mit Sars-CoV-2 ansteckt? Diese Frage versuchen Pathologen mit der Hilfe des Covid-Obduktionsregisters zu beantworten.
Martina Marx
Redakteurin Steiermark-Ressort, Gesundheit

Aus welchem Grund wurde das Covid-19-Obduktionsregister ins Leben gerufen? Wieso braucht es ein solches Register?
PETER BOOR: Am Anfang der Pandemie war schnell klar, dass wir ein Problem haben, weil wir über diese neue Erkrankung zu wenig wussten. Manche meinten, das sei wie eine Grippe. Aber wir hätten von Anfang an wissen müssen, dass dem nicht so ist, denn es gab die Erfahrungen, die mit Sars-CoV-1 Anfang 2002/2003 gesammelt wurden. Dennoch wurde diese Krankheit falsch eingeschätzt. Wir haben uns dann die Frage gestellt: "Was passiert im Körper?" Denn trotz neuer Methoden wussten wir nicht, was genau sich in den Organen abspielt. Die umfassendste Antwort bekommt man durch eine Autopsie. Es war wichtig, diese neue Erkrankung zu beschreiben und zu dokumentieren, was in den Geweben und in den Organen passiert. Genau dafür sind Obduktionen da. Um dies umfassend zu machen und ein möglichst vollständiges Bild zu bekommen, haben wir unsere Erkenntnisse aus den Obduktionen in diesem zentralen Covid-19-Obduktionsregister gesammelt. Somit ist es uns gelungen, die aktuell, international größte multizentrische Obduktionsstudie zu Covid-19 durchzuführen und dadurch besonders robuste Daten zu generieren. Dies hat die medizinische Wissenschaft und Forschung vorangebracht und geholfen, diese Krankheit besser zu verstehen.

Können Sie mir ein Beispiel für eine Erkenntnis aus den Obduktionen nennen?
BOOR: Bereits früh wurde aus Obduktionen klar, dass auch die kleinsten Gefäße betroffen sind. Dies kann man sonst nicht nachweisen. Diese Erkenntnis führte zu einer Änderung der Therapie bei Schwerkranken. Ein anderer wichtiger Aspekt war auch, nicht selten kontrovers politisch und gesellschaftlich diskutierte Fragen zu beantworten. Zum Beispiel gab es den Fall, wo in den Medien berichtet wurde, dass alle Personen, die fünf Wochen nach einer Covid-19-Infektion versterben, nicht an der Infektion versterben. Da konnten wir mit unseren Daten gesichert durch Autopsien sagen, nein, das ist nicht richtig. Es ist in der Tat weiterhin so, dass die Mehrzahl dann an Covid-19 verstorben ist und auch das Virus noch langfristig – insbesondere im Lungengewebe – nachweisbar ist.

Zu den Personen

Peter Boor ist Pathologe am Universitätsklinikum Aachen, er hat im April 2020 das Covid-19-Obduktionsregister ins Leben gerufen. 

Johannes Haybäck leitet das Institut für Pathologie, Neuropathologie und Molekularpathologie an der MedUni Innsbruck. 

Wie ist es dazu gekommen, dass die Pathologie der MedUni Innsbruck als erster österreichischer Vertreter an diesem Register teilnimmt?
JOHANNES HAYBÄCK: Wir arbeiten mit Aachen schon lange sehr gut zusammen, ich kenne Peter Boor auch schon sehr lange – über diesen persönlichen Konnex ist auch unsere Teilnahme am Register entstanden. Einer meiner Beweggründe war, dass der Wert der Obduktion vielfach unterschätzt wird. Wie wertvoll diese aber sein kann, zeigt dieses Register. Wir möchten damit den Sinn schärfen, wie unterschiedliche Erkrankungen mechanistisch funktionieren. Und im Fall von Covid-19 kann man zeigen, die Obduktion ist wichtig, auch epidemiologisch.

Was konnten Sie bisher durch Ihre Arbeit lernen, wie sich eine Covid-19-Erkrankung auf Organe auswirkt?
BOOR: Der Fokus des Registers ist, die akuten Todesursachen von Covid-19 zu analysieren. Die meisten Fälle waren bislang auch aus der ersten und zweiten Welle. Es ist anzunehmen, und erste Daten belegen es, dass sich durch die Omikron-Varianten hier etwas verschieben wird. Und wir haben auch einen Fokus auf Obduktionen, die in Zusammenhang mit der Impfung stehen. Ich muss hier aber darauf verweisen, dass wir vieles noch auswerten und keine vorläufigen Ergebnisse kommunizieren. Was noch hinzukommt, und das kann man als Limitation des Registers ansehen, ist, dass wir nur die schwersten Fälle obduzieren, die, die tatsächlich verstorben sind.

Die Daten zeigen uns, dass diese Krankheit primär die Lunge betrifft. Ein spezifischer Schaden an anderen Organen ist unterschiedlich häufig, jedoch deutlich weniger ausgeprägt als in der Lunge.

— Peter Boor, Pathologe

Gibt es Erkenntnisse, eine Tendenz, die Sie schon berichten können und möchten – auch wenn diese vorläufig sind?
BOOR: Die Daten zeigen uns, dass diese Krankheit primär die Lunge betrifft. Ein spezifischer Schaden an anderen Organen ist unterschiedlich häufig, jedoch deutlich weniger ausgeprägt als in der Lunge. Also, zusammengefasst: Die Obduktionen bestätigen eindeutig die wichtigste Rolle der Lungenbeteiligung bei schweren Verläufen bei Covid-19.

Herr Haybäck: Welche Erkenntnisse konnten Sie in Innsbruck sammeln?
HAYBÄCK: Wir sehen genauso auch eine Beteiligung von unterschiedlichen Organen, aber Lungenbeteiligungen sind praktisch immer dabei. Immer wieder sehen wir auch eine Beteiligung des zentralen Nervensystems, da ist aber noch nicht klar, wie viele Patientinnen und Patienten das wirklich betrifft. Dafür dient auch so ein Register, weil Sie Fallzahlen bekommen, die Sie als alleiniges Zentrum nie generieren könnten.

Wir sehen keine Fälle, die nicht in das Spektrum fallen würden, die wir als Nebenwirkungen der Vakzine aus dem klinischen Alltag kennen. Dass sehr seltene Fälle davon tödlich verlaufen können, ist bekannt.

— Peter Boor über die Erkenntnisse bei Todesfällen nach Covid-Impfungen

Gibt es etwas, dass Sie in Bezug auf Obduktionen, die in Zusammenhang mit Impfungen stehen, sagen können?
BOOR: Da kommt unser Prinzip ins Spiel, dass wir keine vorläufigen Daten kommunizieren möchten. Wir hoffen, bald die Daten zu veröffentlichen, es werden mehrere Hunderte Fälle sein, also auch hier aktuell die größte Kohorte. Vorsichtig möchte ich formulieren, dass wir insgesamt keine Überraschungen sehen. Wir sehen keine Fälle, die nicht in das Spektrum fallen würden, die wir als Nebenwirkungen der Vakzine aus dem klinischen Alltag kennen. Dass sehr seltene Fälle davon tödlich verlaufen können, ist bekannt.

HAYBÄCK: Ich kann das nur bestätigen. Und möchte als Mitglied des Vorstandes der Österreichischen Gesellschaft für Pathologie anfügen, dass wir auch immer wieder mit Presseanfragen zu diesem Thema konfrontiert waren. Wir haben uns darauf geeinigt, zu Einzelfällen keine Statements abzugeben, weil eben jedes Zentrum so geringe Fallzahlen hatte. Denn wenn sie nur Einzelfallbetrachtungen haben – und so war es etwa zu Beginn der Pandemie –, dann kann zwar stimmen, was dort beschrieben ist, muss aber nicht unbedingt kausal mit Covid-19 in Verbindung stehen.

Können Sie umreißen, wie eine Obduktion abläuft? Was umfasst sie alles?
BOOR: Zunächst untersucht man den Leichnam vom außen, dann untersucht man makroskopisch alle Organe und entnimmt Proben, die dann aufgearbeitet werden müssen, um dies mikroskopisch und gegebenenfalls molekular analysieren zu können. Schließlich bringt man alle diese Daten in Zusammenklang mit der gesamten klinischen Geschichte des Patienten. Hinzu kommt bei Covid-19 etwa der molekulare Test, wo wir den Nachweis auf Sars-CoV-2 durchgeführt haben. Das kann von Fall zu Fall auch zwei Wochen in Anspruch nehmen.

Wir haben in dieser Pandemie auch die massive Verbreitung von Falschmeldung, von unpräzise wiedergegeben Studienergebnissen erlebt. Kann ein solches Register helfen, uns auf etwaige weitere Pandemien oder andere, neue Krankheitserreger vorzubereiten?
BOOR: Ja, absolut, das ist eine der wichtigen Aufgaben unseres Registers, solchen Falschmeldungen mit soliden Daten gegenzuhalten bzw. vorzubeugen. Und auch das ist eine unserer Ziele, dieses Register dauerhaft zu etablieren, damit es auch für zukünftige Pandemien, dann noch schneller und besser direkt verfügbar ist. Wobei, das haben sich die Mediziner schon auch bei Sars-1 vorgenommen, wenn man die Literatur liest. Und Jahre später, als Sars-2 aufkam, mussten wir erkennen, dass diese relativ klaren Empfehlungen der Wissenschaft nicht umgesetzt worden sind, wir haben nichts dazugelernt und keine nachhaltigen Strukturen aufgebaut. Das sollten wir dieses Mal besser machen. Und hier ist die Politik am Zug, dass wir "Pandemic Preparedness"-Strukturen nicht nur aufbauen, aber auch langfristig erhalten. Ich bin kein Prognostiker, aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass sich beim Grad der Globalisierung eine Viruserkrankung wieder sehr schnell ausbreiten kann.

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