Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz, doch die Forschung kennt keine genauen Gründe, warum dabei Nervenzellen im Gehirn absterben. Fachleute der Universität Graz haben nun herausgefunden, dass ein bestimmtes Protein, das eigentlich eine Schutzfunktion hat, Verklumpung fördert. So kommt es zu Eiweißablagerungen, die für den Tod der Zellen mitverantwortlich sind, berichtet die Uni Graz. 

Die Erkenntnisse hat das internationale Forschungsteam im Wissenschaftsjournal EMBO Molecular Medicine veröffentlicht. Konkret geht es um die sogenannten Chaperon-Proteine: "Der Name leitet sich vom englischen Begriff für 'Anstandsdame' ab, weil die Chaperone 'unreife' Proteine vor schädlichen Kontakten bewahren." Es gibt allerdings das Chaperon namens DnaJA1. Dieses verhalte sich ganz und gar nicht hilfreich, im Gegenteil: "Durch den Einfluss von DnaJA1 verklumpt ein Peptid namens Beta Amyloid noch stärker. Außerdem wandern die so entstandenen Eiweißablagerungen dank dieses Chaperons zu den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle. Der dort ausgelöste Stress lässt Zellen absterben", erklärte Julia Ring, Co-Erstautorin der Studie.

Neue Therapieansätze

Das untersuchte Chaperon habe also zwei Gesichter. "Das ist ein wichtiger Hinweis für zukünftige Therapieforschung. Denn viele andere Chaperone schützen Neuronen tatsächlich und sind deshalb als mögliche Ansatzpunkte in der Alzheimer-Therapie im Gespräch", sagte Jelena Tadic, ebenfalls Erstautorin der Studie. Ein letztgültiges Urteil über die Doppelrolle des betreffenden Chaperons wird erst möglich sein, wenn genügend Daten aus Humanstudien die mit Modellsystemen gewonnenen Erkenntnisse belegen, hieß es.

Die Ursachen für Morbus Alzheimer sind bis zu 80 Prozent vererbt. Von den vermutlich knapp 100 Risiko-Genorten konnte ein weiteres Forscherkonsortium mit österreichischer Beteiligung nun 75 identifizieren. Die Mehrheit davon (42) war bisher unbekannt. Dadurch lässt sich das Risiko für einen Krankheitsausbruch besser bestimmen, und neue Therapie-Ansatzpunkte wurden gefunden, so die Forscher im Fachmagazin "Nature Genetics".

Erbgut von 111.000 Alzheimer-Patienten

Ein Team um Céline Bellenguez und Jean-Charles Lambert von der Universität Lille (Frankreich) verglich das Erbgut von über 111.000 Alzheimer-Patienten und über 677.000 Menschen ohne diese Demenzerkrankung. "Wir fanden dabei 75 Risiko-Genorte, von denen zur Zeit der Analyse 42 nicht bekannt waren", schrieben die Forscher. An der Studie waren auch Mediziner der Klinik Donaustadt in Wien, der Medizinischen Universität Wien und der Medizinischen Universität Graz beteiligt.

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In den bekannten Risikozonen waren Gene für Eiweißstoffe, die charakteristische Ablagerungen im Gehirn von Alzheimer-Patienten verursachen, nämlich Beta-Amyloid-Plaques und Tau-Fibrillen. Weiters sind viele Risikogene in Immunzellen namens "Mikroglia" aktiv, die normalerweise das Gehirn schützen, indem sie Plaques beseitigen, aber manchmal einen "Kipppunkt" überschreiten und stattdessen Denkzellen zerstören. In den neu entdeckten Risikogebieten liegen Gene für einen Botenstoff namens Tumornekrosefaktor-alpha, der Entzündungsreaktionen fördert. Außerdem sind dort Gene für einen Apparat namens "Lubac", der verhedderte Eiweißstoffe markiert, damit sie von der zellulären Müllabfuhr beseitigt werden und keinen Schaden anrichten.

Jüngste Ergebnisse würden von weniger als 100 Genorte ausgehen, die das vererbte Risiko für Morbus Alzheimer bestimmen, so die Forscher: "Wenn diese Schätzungen richtig sind, hat unsere Studie einen großen Anteil davon bereits charakterisiert." Auf jeden Fall könne man mit den neuen Daten die Vorhersagen verlässlicher gestalten, ob jemand von der Demenzerkrankung gefährdet ist, erklärten sie. Zudem gäbe es nun zusätzliche Angriffsziele für Therapien.