Egal ob ein Treffen mit den Freunden, ein Termin mit der Chefin oder ein Telefonat mit den Eltern. Sie begleitet uns überall hin und ohne sie wären all diese Dinge schwer vorstellbar: unsere Stimme. „Die Stimme spielt in unserem Leben eine größere Rolle als je zuvor. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Berufswelt verändert hat. Wir haben heute mehr Menschen im Dienstleistungssektor als je zuvor“, sagt Markus Gugatschka Vorstand der HNO-Klinik und Leiter der Abteilung für Phoniatrie der MedUni Graz. Das hat zur Folge, dass die Stimme in vielen Berufen – von der Lehrerin über den Verkäufer bis zum Callcenter-Mitarbeiter – zum zentralen Element der Arbeitswelt geworden ist.

Verschärft wurde dies zusätzlich durch die aktuelle Situation: Masken und Videokonferenzen führen dazu, dass wir unwillkürlich lauter Sprechen: „Dabei wird die Stimme mit der Zeit immer höher, da man die Stimmlippenmuskulatur mehr anspannt“, so der Experte. Umso mehr gilt es auf die eigene Stimme zu achten. Der heutige World-Voice-Day soll darauf aufmerksam machen.

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Zentral für unsere Stimme sind die Stimmlippen. Diese befinden sich im Kehlkopf. Durch Anspannung und Entspannung dieser werden Tonhöhe und Lautstärke der Stimme vorgegeben. Obwohl die Stimmlippen so wichtig für die Lautbildung sind, war es bisher schwer möglich, diese genau unter die Lupe zu nehmen: „Der Arzt hat lediglich die Möglichkeit, diese mittels Kehlkopfspiegelung, oder Endoskopie zu untersuchen. Was aber tatsächlich biologisch in den Stimmlippen vorgeht, weiß man dadurch nicht“, sagt Gugatschka. Auch eine Biopsie an gesunden Stimmlippen sei hier keine Möglichkeit: Die Stimmlippen sind bei Frauen beispielsweise nur ungefähr 1,4 Zentimeter lang. Daher kann man hier keine Probe entnehmen.

Unsichtbares wird sichtbar 

An der MedUni Graz wurde nun ein Weg gefunden, sich die Stimmlippen unter verschiedenen Bedingungen genauer anzuschauen: Ein phonomimetischer Bioreaktor wurde zu diesem Zweck entwickelt. Mittels dieser Apparatur können bestimmte Zelltypen der Stimmlippen unter Vibrationsbedingungen (Anm. Nachahmung des Stimmlippenschwingungen/Sprechens) studiert werden.  „Wir sehen uns spezifische Krankheitsbilder an. So können wir erstmals analysieren was beispielsweise unter Entzündungsbedingungen in den Stimmlippen passiert“, so der HNO-Experte.

HNO-Experte Markus Gugatschka
HNO-Experte Markus Gugatschka
© Marija-Kanizaj

Ein schon weltweit publizierte Studie deutet neue Verhaltensmaßnahmen mit der Stimme nach Operationen oder bei Entzündungen an. Während jahrelang nach Stimmlippenoperationen geraten wurde, drei bis fünf Tage lang nicht zu sprechen, zeigt sich nun im Laborversuch, dass die Vibration die Heilung begünstigt: „Wir empfehlen den Patienten jetzt, von Beginn an die Stimme mäßig zu belasten – sodass keine Schmerzen entstehen, aber keine komplette Stimmruhe herrscht“, so Gugatschka. Denn die Ergebnisse aus dem Bioreaktor haben klar gezeigt: bei Vibration sind die Entzündungswerte niedriger und der Heilungsprozess gelingt besser.

Erkenntnisse zum Reinke-Ödem 

Eine zweite durch die neue Apparatur gewonnen Erkenntnis betrifft das Reinke-Ödem. Dabei handelt es sich um eine gutartige beidseitige Schwellung der Stimmlippen. Meist tritt diese Erkrankung bei Frauen im Alter von rund 50 Jahren auf, die viel rauchen und sprechen. Durch die Schwellungen verändert sich die Stimme und klingt maskulin. Auch diese Situation wurde im Labor im Bioreaktor nachgestellt. Dabei wurde zusätzlich Zigarettenrauch auf die Stimmlippenzellen losgelassen. Das Ergebnis: Das Krankheitsbild zeigt sich dann, wenn Rauchen und Sprechen gemeinsam passieren: „Diese Erkrankung tritt also nur dann auf, wenn Zigarettenrauch und Stimmbelastung zusammenkommen“, so der Experte. Erkenntnisse dieser Art können in herkömmlichen Versuchen mit Patienten nicht gewonnen werden.

Völlig neue Einblicke

Diese ersten Ergebnisse haben gezeigt, dass der Bioreaktor tatsächlich Untersuchungen und Erkenntnisse möglich macht, die es sonst derzeit nicht geben würde. „Uns ist es wichtig die Forschung hier noch weiter voranzutreiben. Wir Menschen nehmen unsere Stimme im Alltag für selbstverständlich hin. Aber ohne ihr wäre vieles nicht möglich“, so Gugatschka.

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