Warum greift das Coronavirus die Lunge so stark an?

Michael Barczok: Es gibt eine ganze Familie von Coronaviren. Bisher haben sie nur den Bereich der oberen Atemwege, wie Nase, Augen, großen Bronchien betroffen und sich nicht in der Tiefe eingenistet. Der neue Corona-Typ verhält sich leider sehr viel aggressiver. Er wird entweder in den oberen Atemwegen abgewehrt, dann erkrankt man nur leicht. Bei jedem fünften Patienten dringt er aber tief in die Lunge vor, setzt sich dort fest und führt dann in den Lungenbläschen zu einer heftigen Reaktion. Sie schwellen an, dadurch kann der Sauerstoff nicht mehr richtig aufgenommen werden. Das ist zurzeit die häufigste Ursache für schwere oder tödliche Verläufe. Dieses Hinuntergehen in die tiefen Atemwege scheint auch etwas mit der Müllabfuhr der Lunge zu tun zu haben. Deswegen haben Patienten, die eine schwere Vorerkrankung haben oder auch Raucher einen definitiven Nachteil.

Warum?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Das Rauchen gehört dazu und ließe sich schnell und effektiv beeinflussen. Nach dem Rauchen einer Zigarette funktioniert die Müllabfuhr acht Stunden nicht mehr. Wir haben Flimmerhärchen, die laufend von unten nach oben schlagen und Schleimdrüsen, die Schleim produzieren. Die Flimmerhärchen transportieren den Schleim wie ein Förderband nach oben. Auf dieses Förderband fällt alles, was wir einatmen. Dreck, Bakterien, Viren werden im Idealfall gleich nach oben gespült. Das funktioniert nicht mehr richtig beim Raucher und beim Ex-Raucher oder bei einem Patienten, der kaputte Bronchien hat. Da sind zum Beispiel Narben in den Bronchien, deswegen funktioniert das alles nicht mehr richtig, deshalb zählen sie auch zur Risikogruppe.

Wie das Coronavirus die Lunge angreift
Wie das Coronavirus die Lunge angreift
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Viele Betroffene leiden unter Atemnot und Husten - Symptome, die psychisch sehr belasten. Warum setzt Husten der Psyche so zu?

Das ist eine Urangst. Das Coronavirus ist eine unsichtbare Gefahr, die etwas mit dem Atmen zu tun hat. Und gerade Menschen, die unter Asthma und COPD leiden, also jene, die sowieso stark unter dem Eindruck leben, dass sie zu wenig Luft bekommen, sind zusätzlich verunsichert. Wenn man Ihnen den Mund zuhält und Sie nicht mehr atmen können, dann merken Sie sehr schnell, sehr intensiv, dass das nicht lange gut geht. Beim Atmen ist es ähnlich wie beim Herzen, wenn das Herz aussetzt, hat man nur noch wenige Minuten. Das macht dementsprechend Angst. Mit Atemnot im Bett zu sitzen, ist für die Psyche wesentlich belastender als hoher Blutdruck. 

Wir bemerken unsere Lunge ja solange nicht bis wir Probleme haben. Wieso wird sie so vernachlässigt?

Eigentlich ist das nur ein Hinweis darauf, dass die Lunge supergut in unseren Organismus eingeordnet ist. Wir haben ein Atemzentrum, das vollautomatisch alles, was die Lunge betrifft an den Alltag anpasst. Ob wir liegen, laufen, Treppensteigen – immer wird die Atmung vollautomatisch angepasst. Dadurch kommt es, dass wir die immense Arbeit, die sie leistet, nicht merken, weil alles wie geschmiert läuft. Solange es läuft.

Haben Sie ein anschauliche Beispiele, was unsere Lunge leistet?

Wir atmen Tag für Tag circa 12.000 Liter Luft. Außerdem ist unsere Lunge so kunstvoll gefaltet wie Origami, sodass aus dem ganz beschränkten Volumen, das unser Brustkorb überhaupt bereithält, eine Oberfläche wird, die so groß ist wie ein Fußballfeld. Bei der COPD schrumpft dieses Fußballfeld auf die Fläche eines Elfmeterraums, mit der man dann zurechtkommen muss und weshalb man dann entsprechend Probleme hat. 

Früher schon und jetzt umso mehr: In der Öffentlichkeit wird man schnell schief angesehen, wenn man hustet. Warum?

Es gibt ein großes Problem bei der Wahrnehmung von Atemwegserkrankungen. Was bei den anderen beim Husten früher hochgekommen ist, war: Tuberkulose. Husten wird verbunden mit Schleim und damit, nicht leistungsfähig zu sein. Der, der hustet, ist jemand, um den man lieber einen großen Bogen macht, weil er vielleicht ansteckend ist.

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Also war und ist es um das Image der Lunge nicht gut bestellt?

Der soziale Status der Lunge ist einfach schlecht. In Deutschland haben sie das Problem, dass nur ganz wenige Lungenarzt werden wollen. Deswegen wollte ich in meinem Buch auch darstellen, was für ein tolles Organ sie ist und die Leute dazu bringen, zum Arzt zu gehen.

Sollten denn Raucher die Coronakrise als Chance zum Aufhören nutzen?

Ja, Rauchen ist jetzt für Raucher und Mitraucher das Schlechteste, was man machen kann. Nie war es so sinnvoll, aufzuhören.

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