Der 21. Juli ist ein ganz besonderer Tag für Marco (33), Marcel (36) und Michel (25). "Wir haben da praktisch ein Dreifach-Jubiläum gefeiert", erklärt Marcel im Gespräch mit der Kleinen Zeitung. Es ist nicht nur der Geburtstag von Michel und der Tag, an dem die drei sich vor einem Jahr symbolisch das Ja-Wort gegeben haben, sondern auch das Datum, an dem Marco und Marcel vor elf Jahren eine eingetragene Partnerschaft eingegangen sind. "Wir haben den Tag dann einfach zusammengeführt, sodass es jetzt ein gemeinsamer Feiertag für uns ist", erklärt Marcel.

Polyamorie in Österreich rechtlich nicht geregelt

Ein Jahr ist es jetzt her, dass die Steirer symbolisch "Ja" zueinander gesagt haben. Zivilrechtlich gelten die drei in der Konstellation nicht als verheiratet. Im Gespräch mit der Kleinen Zeitung lassen sie Revue passieren: "In unserer Beziehung hat sich seitdem mehr getan als damals, als Marco und ich die eingetragene Partnerschaft eingegangen sind", sagt Marcel. "Wir dachten damals, dass sich nichts verändert hat, es ist ja nur ein 'Stückerl Papier'."

Ein solches "Stückerl Papier" kann dem Trio aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen allerdings nicht zugestanden werden. Aus dem Grund habe ihre symbolische Zeremonie vor einem Jahr einen hohen Stellenwert für sie, erzählen die drei Männer. "Dennoch weiß jetzt jeder, dass wir zusammen gehören. Allein, dass wir alle drei die gleichen Ringe tragen", sagt Marcel. 

Im Juli 2022 haben sich Marco, Michel und Marcel in einer freien Trauung das Ja-Wort gegeben.
Im Juli 2022 haben sich Marco, Michel und Marcel in einer freien Trauung das Ja-Wort gegeben.
© Melanie Eisner (Eisner Fotografie)

Ehen mit mehreren Personen in Österreich verboten

Polyamorie ist in Österreich gesetzlich nicht geregelt. Seit 2019 dürfen gleichgeschlechtliche Paare hierzulande zwar heiraten, gemeint sind damit allerdings Zweierbeziehungen. Wollen mehrere Menschen einander heiraten, machen sie sich strafbar. Im §24 des Ehegesetzes heißt es dazu: "Eine Ehe ist nichtig, wenn ein Teil zur Zeit ihrer Schließung mit einer dritten Person in gültiger Ehe oder eingetragener Partnerschaft lebte."

Wie viele Menschen in Österreich in polyamoren Beziehungen leben, lässt sich nur schwer sagen. Schätzungen aus dem angloamerikanischen Raum gehen davon aus, dass etwa fünf Prozent der Menschen polyamorös leben.

Sexualberaterin: "Polyamore Beziehungen nicht für jeden Menschen passend" 

Aber können Beziehungen abseits der Zweiernorm überhaupt funktionieren? Die Wiener Sexual- und Paarberaterin Beatrix Roidinger beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren mit dem Thema Polyamorie. 2020 hat sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Barbara Zuschnig das Buch "Sexpositiv - Intimität und Beziehung neu verhandelt" veröffentlicht und betreut als Paarberaterin immer wieder auch Menschen in polyamoren Beziehungen. 

Eine Beziehungsform über die andere stellen möchte Beatrix Roidinger nicht. "Ich propagiere weder das Eine noch das Andere." Viel mehr versuche sie ihren Klientinnen und Klienten einen wertfreien Raum zu bieten. "Polyamore Beziehungen sind bestimmt nicht für jeden Menschen die passende Form. Umgekehrt gibt es aber auch Menschen, die sich schwer damit tun, nur einen Menschen zu lieben." 

Polyamore Partnerschaft: Beziehungsregeln aushandeln

Auf den Titel ihres Buches angesprochen, inwiefern Intimität und Beziehung neu zu verhandeln seien, antwortet Roidinger: "Die meisten monogam lebenden Menschen haben das ja nicht ausgehandelt, das war einfach so. Man hat nicht darüber gesprochen, dass man es auch anders machen könnte."

Mittlerweile gebe es aber einige Menschen, die ihre Beziehungen abseits von Monogamie neu definieren. Alternative Beziehungsformen bedeuten Roidinger zufolge allerdings einen erhöhten Kommunikationsaufwand. Elementar sei es, dass die involvierten Partner eine ehrliche Kommunikation etablieren, in der die individuellen Gefühle und Bedürfnisse entsprechend artikuliert werden. "Es ist ein ständiger Prozess. Wer nicht bereit ist, das zu investieren: Dann ist das zum Scheitern verurteilt", so die Sexualberaterin.

Beatrix Roidinger ist Autorin, Sexualberaterin und klinische Sexologin.
Beatrix Roidinger ist Autorin, Sexualberaterin und klinische Sexologin.
© Kai Steinkühler

Wesentlich an alternativen Beziehungsformen ist Roidinger zufolge, dass die "Beziehungsregeln" viel fluider seien als bei monogamen Partnerschaften. "Fluide Regeln müssen erst einmal ausgehandelt werden, da kann man mit ganz unangenehmen Gefühlen in Kontakt kommen." Diese kämen zwar auch bei monogamen Beziehungen hoch, mit mehreren Partnern seien sie jedoch verstärkt. 

"Ihr gehört eingesperrt": Trio mit Hassnachrichten konfrontiert

Mit der von ihnen gewählten Beziehungsform können sich nicht alle anfreunden. Das wissen Marco, Marcel und Michel. Neben zahlreicher positiver Nachrichten ist das Trio auch immer wieder mit Hasskommentaren und -nachrichten auf Social Media konfrontiert. "Man hat uns geschrieben, dass man uns angezeigt hat und dass wir eingesperrt gehören", erzählt Marcel.  

Dass polyamore Beziehungen bei anderen Menschen für Irritationen sorgen können, weiß Sexualberaterin Beatrix Roidinger. Generell sei nicht jede Beziehungsform für jeden Menschen geeignet. Oftmals würden allerdings auch eigene Unsicherheiten und Ängste getriggert. "Damit muss man sich dann auch mal auseinandersetzen. Ansonsten kann man ja tolerant auf andere Menschen schauen und sich sagen: 'Okay, die machen das, interessant. Aber ich muss das ja nicht machen.'"