Nach der ScheidungSo können Kinder bei beiden Eltern wohnen bleiben

Wenn Kinder nach der Scheidung ihrer Eltern je zur Hälfte bei Mama und Papa zu Hause sind: Wie können Kinder von der „Doppelresidenz“ profitieren und was müssen Eltern dabei leisten?

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Eine Scheidung degradiert einen Elternteil meistens zum Besuchs-Papa oder, im selteneren Fall, zur Besuchs-Mama. Daran ändert auch die gemeinsame Obsorge nichts – es sei denn, Eltern einigen sich auf das sogenannte Doppelresidenz-Modell. Dabei verbringt das gemeinsame Kind auch nach der Scheidung annähernd gleich viel Zeit bei beiden Elternteilen.

Anton Pototschnig hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Scheidungs- und Trennungsberatung am Jugendamt Wien, arbeitet als Familiencoach im Rahmen der Jugendwohlfahrt und und ist Obmann der Plattform Doppelresidenz. www.doppelresidenz.at Foto © (c) Luiza Puiu

Der Wiener Familiencoach Anton Pototschnig kennt alle Vater-Varianten aus persönlicher Erfahrung – als Lebenspartner der Mutter seines Sohnes, als Doppelresidenz-Vater und als Alleinerzieher. Als Obmann der Plattform Doppelresidenz und Familiencoach berät er seit vielen Jahren Geschiedene zu Fragen dieses Wohnmodells. „Mir ist dabei wichtig festzuhalten, dass ich Doppelresidenz keinesfalls für ein Allheilmittel halte – aber ist es ein Allheilmittel, wenn sich nach der Scheidung nur ein Elternteil um das Kind kümmert?“, fragt er und ergänzt: „Manche Eltern, die Doppelresidenz wählen, waren sich immer schon einig, dass für sie nur dieses Modell infrage kommt, andere wiederum kommunizieren zwar als Paar nicht mehr, können aber auf Elternebene gut miteinander. Studien aus Norwegen, Schweden und Amerika belegen, dass eine Paarbeziehung sogar hoch konflikthaft sein kann, und trotzdem funktioniert das Doppelresidenzmodell.“ Zum Hauptargument der Doppelresidenz-Gegner, dem Hinweis auf die Bedeutung eines „Hauptnestes“ für das Kind, weil es nicht zwischen zwei Wohnsitzen hin- und hergerissen werden solle, sagt Pototschnig: „Dadurch wird die örtliche Kontinuität höher eingeschätzt als die Beziehungskontinuität. Wenn ein Elternteil ein Kind nur noch alle 14 Tage am Wochenende sieht, ist das aber ein massiver Vertrauensbruch dem Kind gegenüber. Im Optimalfall sollten nach einer Scheidung beide Elternteile gleich präsent sein wie bei einer aufrechten Beziehung.“

Das sagt sich freilich leichter, als es ist. Organisatorisch verlangt die Doppelresidenz Familien einiges ab. Pototschnig sieht es positiv: „Was ich erlebe, ist, dass Eltern bei diesem Modell viel mehr darüber nachdenken, was genau für das Kind passt, an welchen Tagen oder in welchen Wochen es besser beim Papa ist und wann bei der Mama. Das System wird öfter adaptiert.“ Dass sich das Modell umso leichter leben lässt, wenn die geschiedenen Eltern nicht allzu weit voneinander entfernt wohnen, versteht sich von selbst. Aber was ist schon nah? „Für viele Eltern ist es ganz normal, dass ihr Kind täglich eine Stunde zur Schule unterwegs ist. Wenn die Schule des Kindes genau in der Mitte der beiden Wohnorte der Eltern liegt, ist alles kein Problem.“

 

Rund um den Globus sind alle Studien zum Thema Doppelresidenz positiv – und das sind keine kleinen Studien.

Anton Potoschnig

In Einzelfällen funktionieren auch Extreme: „Unlängst hörte ich von einer Zehnjährigen, die jährlich die Kontinente wechselt, samt dazugehörigem Schulwechsel, nur um Kontakt zu beiden Elternteilen zu halten. Das andere Extrem sind Kinder, die bis zur Volljährigkeit täglich den Elternteil wechseln.“ Fazit: „Es geht um das, was das Kind selber will.“

Ein Blick auf Europa

In den meisten Ländern Europas ist das Lebensmodell der Doppelresidenz längst gesetzliche Realität. In Belgien ist sie sogar das sogenannte prioritäre Modell nach der Trennung: Von diesem darf erst abgegangen werden, wenn nachgewiesen wird, dass es dem Kind zum Nachteil gereicht.

Eine norwegische Studie mit rund 7700 Befragten aus dem Jahr 2012 belegt: Kinder, die in Doppelresidenz aufwachsen, können mit Belastung und Stress besser umgehen als Kinder, die nur bei einem Elternteil oder in Stieffamilien aufwachsen. Sie entwickeln sich nahezu gleich wie Kinder in intakten Familien.

 

Die Sorge, dass ein Kind in Doppelresidenz seine beiden Elternteile besonders gut gegeneinander ausspielen kann, lässt sich gut entkräften: „Als Besuchs-Mama oder -Papa ist es leicht, sein Kind zu verwöhnen. Bei der Doppelresidenz müssen hingegen beide Elternteile den Alltag bewältigen: lernen, aufräumen etc.“
Auch bei der Kostenfrage steigt die Doppelresidenz nicht unbedingt schlecht aus – obwohl vieles fürs Kind doppelt gekauft werden muss, will man ihm das ständige Kofferpacken ersparen. „Auch Kontakt-Elternteile richten ihrem Kind in der Regel ein eigenes Zimmer ein, das ist der größte Kostentreiber. Und viele haben sowieso in beiden Haushalten einen Grundstock an Gewand fürs Kind, einfach, weil man dem Kind eh gern etwas kauft“, sagt Pototschnig.

Wenn es ums Geld geht

Freilich gibt es auch Väter, die nur auf das Doppelresidenz-Modell drängen, um ihrer Ex keinen Kindesunterhalt bezahlen zu müssen, wie es die Wiener Rechtsanwältin Katharina Braun im Alltag immer wieder erlebt. „Aber das ist natürlich kein Grund für die Einräumung der Doppelresidenz bzw. dass diese bei einer Nichteinigung der Eltern von der Familiengerichtshilfe dem Gericht empfohlen wird“, sagt die Juristin. In diesen Fällen werde geprüft, wie der Kontakt bisher gelebt wurde, die Kinder werden befragt, ebenso Kindergarten und Schule. „Väter, die viel mehr als ihre Ex-Gattinnen verdienen und Doppelresidenz beantragen möchten, frage ich immer, ob sie nicht zumindest ständige hohe Ausgaben wie etwa die Schulkosten für ihr Kind zur Gänze übernehmen möchten. Die Antwort sagt dann eh schon alles.“ Warnen möchte sie auch vor dem Versuch, ein umfangreiches Kontaktrecht zu erwirken, das mit den eigenen Karriereplänen gar nicht vereinbar ist.

Wie Frauen profitieren können

Im Optimalfall kann Doppelresidenz freilich ein wichtiger Beitrag dazu sein, dass Beruf und Familie für beide Elternteile vereinbar sind. Mütter können verstärkt einem Erwerb nachgehen und haben so auch einmal mehr Pensionsanspruch. Antiquierte Rollenbilder stehen dem nicht selten im Weg. Braun erzählt: „Immer wieder höre ich von Frauen, insbesondere im ländlichen Bereich, dass sie sich insgeheim zwar das Doppelresidenzmodell vorstellen könnten, aber Angst hätten, in den Augen der anderen als Rabenmütter zu gelten.“ Immer wieder falle in Beratungen von Frauen natürlich auch der Satz: „Ich kann es mir nicht vorstellen, mein Kind eine Woche nicht zu haben.“ Da sei es wichtig zu überlegen, was das Kind eigentlich will und was die Vorteile der Doppelresidenz sind. Hinzu kommt: Anträge auf Neuregelung des Kontaktrechts sind jederzeit möglich, da ist nichts in Stein gemeißelt. „Und mit 14 können Kinder ohnedies selbst über das Kontaktrecht bestimmen“, ergänzt Braun und warnt: „Spätestens da rächt es sich, wenn Eltern nicht eine Mindestkommunikationsbasis miteinander herstellen können. Man kann es nicht genug betonen: Auch wenn die Partnerschaft endet, bleibt man gemeinsam Eltern.“

Das rechtliche Dilemma

Das österreichische Paradoxon, dass Eltern, die sich bei der Scheidung auf ein Doppelresidenzmodell einigen, dennoch einen hauptsächlichen Wohnort für das Kind angeben müssen, bringt freilich einiges an Konfliktpotenzial mit sich: „Der Elternteil, bei dem das Kind den hauptsächlichen Aufenthalt hat, bekommt die Familienbeihilfe ausbezahlt und hat vor Gesetz die besseren Karten in der Hand, sollte es später zu einem Streit kommen – das ist einfach so“, betont Pototschnig. Damit werde von vornherein ein Ungleichgewicht geschaffen, das Eltern, die sich für die Doppelresidenz entscheiden, gar nicht wollen. „Paare mit zwei Kindern wählen als Ausweg aus dem Dilemma häufig die Lösung, dass jeder Elternteil den hauptsächlichen Aufenthalt für ein Kind beantragt“, wie Pototschnig erzählt. Das ist freilich mit dem Risiko verbunden, dass ein Richter das Doppelresidenz-Modell gar nicht akzeptieren muss, das Paar also zu einem anderen Gericht pilgern muss. Eine eindeutige gesetzliche Regelung fehlt in Österreich ja bis heute.

Eltern und Kinder erzählen, wie sie "Doppelresidenz"
ganz persönlich erlebt haben

WALTER STACH, Vater einer 17jährigen Tochter spricht über sein "Doppelresidenz-Modell": "Ich habe schon während aufrechter Beziehung als Ehemann und Vater in allem ein 50:50 mit der Mutter meines Kindes gelebt. Nach der Scheidung, meine Tochter war damals 7, war es für mich unvorstellbar, das nicht fortzusetzen. Es brauchte zwar einige Anstrengung, meiner Ex klarzumachen, dass ich auch nach der Trennung für unsere Tochter da sein will, nach einigem Zögern stimmte sie aber zu. In der Praxis haben wir dann immer nach dem Wunsch des Kindes die unterschiedlichsten Konstellationen und Rhythmen gehabt. Meine Exfrau und ich wohnen freilich nicht weit voneinander entfernt, sonst wäre es schwieriger. Das Fundament einer gelungenen Eltern-Kind-Beziehung ist meiner Meinung nach allerdings, dass das Kind spürt, dass es von beiden Elternteilen geliebt wird. Kinder sind unglaublich flexibel, wenn sie merken: Wir leben so, weil Mama und Papa mich mögen. Meine Ex und ich haben es uns immer abverlangt, persönlichen Zwist und Streit beiseitezuschieben und zu sagen: Gemeinsam sind wir immer noch Eltern.“ Foto © Privat

XENIA CUBA, 25, wohnt seit Kurzem in einer Studenten-WG. Bis dahin war für sie das Pendeln zwischen Mama und Papa normal: „Meine Eltern haben sich getrennt, da war ich etwa zwei Jahre alt. Mein Vater zog zuerst in die Wohnung gleich nebenan, außerhalb von Wien wohnte er erst, als ich in die Oberstufe kam. Von meinem Gymnasium aus hatte ich es aber zu beiden Elternteilen genau gleich weit, das war eigentlich recht angenehm. Montags und mittwochs war ich immer bei meiner Mutter, dienstags und donnerstags bei meinem Vater, Freitag bis Sonntag habe ich im Stück abwechselnd immer bei einem von beiden verbracht. Woran ich schon früh denken musste, war, immer alle Schulsachen beieinanderzuhaben, nichts daheim zu vergessen, weil ich es dann ja zwei Tage lang nicht gehabt hätte. Für mich war es immer ganz normal, jeden Tag woanders hinzufahren, außer in den Ferien, da gab es einen Wochenrhythmus. Das Pendeln zwischen meinen Eltern war auch nie ein Gesprächsthema mit meinen Freunden. Ich hatte eine wunderschöne Kindheit!“ Foto © Privat

MARGUERITE DUNITZ-SCHEER, Patchworkmutter mit Doppelresidenz-Erfahrung erzählt: "Ich habe ganze und gute 16 Jahre meines Lebens das Doppelresidenzmodell gelebt, bis alle drei Kinder aus meiner ersten Ehe durch die Mittelschule durch und studienbedingt ausgezogen waren. Inzwischen sind sie 32, 36 und 38 Jahre alt, haben gemeinsam sieben Kinder und leben in München, Graz und Wien. Ich bin noch immer davon überzeugt, dass Doppelresidenz gut klappen und für alle Mitbetroffenen förderlich sein kann. Ich habe auch in meiner beruflichen Rolle als Kindertherapeutin und Kinderärztin unzählige Familien in ähnlichen Situationen dabei begleiten können. Man braucht weder akademisch noch wohlhabend zu sein, man muss es nur wollen. Mein Rezept sind Respekt und die unbedingte Bereitschaft aller beteiligten Erwachsenen, die betroffenen Kinder in der Trennungssituation, die sie sich nicht ausgesucht haben, so wenig wie möglich zusätzlich zu belasten zu versuchen. Das heißt: keine zusätzlichen Streitereien und Diskussionen über Lappalien und elterliche Eitelkeiten! Wenn das gelingt, kann viel Neues entstehen!“ Foto © (c) Photoreport Helmut Lunghammer (Helmut Lunghammer)

WOLFGANG KRATKY, 36. Marguerite Dunitz-Scheers Sohn war bei der Trennung seiner Eltern 6 Jahre alt. Er erzählt über seine "Doppelresidenz"-Erfahrung: „Ja, das war nicht einfach, ich erinnere mich gar nicht mehr ganz genau. Ich hatte plötzlich zwei Häuser und eine neue Stiefmutter und einen neuen Stiefvater. Aber meine richtigen Eltern sind bis heute eindeutig meine ,richtigen Eltern‘ geblieben, obwohl ich mich mit deren neuen Partnern und vor allem auch mit meinen weiteren fünf Halbgeschwistern sehr gut verstehe. Es gab nie Streit darüber, wer was bestimmen durfte oder musste, das war immer ziemlich klar. Im Papa-Haus der Papa, im Mama-Haus die Mama. So war das einfach. Und wenn ich einmal nicht wusste, wie und warum etwas war, sagte ich immer: ,Die Mama hat gesagt‘, und das war so wie das Gesetz! Ich fand das mit unserer Doppelresidenz meistens okay, manchmal war’s aber auch anstrengend. Obwohl ich finde, dass ich auch von Doppelresidenz und Patchworksituation profitiert habe, will ich selber meinen Kindern unbedingt eine Kindheit mit Trennung ersparen.“ Foto © Ballguide

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