Impfen – Ja oder Nein? Das ist das große Streitthema dieser Tage, das Freundschaften zerstört und Familien spaltet. Wie können wir wieder vernünftig miteinander diskutieren?
Andrea Hartmann-Piraudeau: Was spaltet, sind die unterschiedlichen Haltungen. Das ist übrigens nicht nur bei Corona so, sondern bei allen kontroversen Themen wie Klimawandel oder Flüchtlingspolitik. Die Impfung ist ein starkes Streitthema, bei dem sich schnell Fronten aufbauen. Man sollte wieder in den Dialog kommen.

Das klingt logisch, ist in der Praxis aber schwierig, wenn die Gemüter erhitzt sind und man sich schon in Rage geredet hat. Haben Sie Tipps?
Die Lösung lautet, in drei Stufen zu unterscheiden: Verstehen, Verständnis haben, einverstanden sein. In einer Diskussion sollte es immer mein Ziel sein, zu verstehen. Das wirkt deeskalierend. Nicht widersprechen, sondern nachfragen: Warum denkst du so? Was sind deine Ängste? Damit man verstehen kann, muss man viele Fragen stellen. Dann kommt die zweite Stufe. Wenn ich verstanden habe, wie der andere denkt, dann kann ich durchaus auch Verständnis für ihn haben.

Andrea Hartmann-Piraudeau
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Aber muss man immer einverstanden sein?
Nein. Nehmen wir an, eine alte Dame, die unbedingt will, dass alle Masken tragen, trifft einen Jugendlichen, der keine Maske tragen will. Das sind zwei Positionen. Nun ist es wichtig, zu verstehen, was dahintersteckt. Dann kommt vielleicht heraus, dass der Jugendliche die Maske nicht verweigert, weil er generell dagegen ist, sondern weil er schlechte Haut hat. Nun kann man Verständnis entwickeln, auch wenn man selbst will, dass Masken getragen werden. Aus der Situation dieses Jugendlichen verstehe ich das. Und dann kommt die dritte Stufe: Es bedeutet aber noch nicht, dass ich mit seiner Position einverstanden bin. Man kann trotzdem klar sagen: Ich bin nicht einverstanden. Aber dieser Prozess, der davor stattfindet, öffnet die Kommunikation, so dass sich keine Fronten aufbauen, sondern ein Dialog.

Früher hat man sich blind verstanden und auf einmal werden einem Menschen, die man früher als vernünftig und durchdacht beschrieben hätte, fremd und unsympathisch. Warum?
Im Streit kommen wir in eine Konfliktspirale, und unser Denken über den Konfliktpartner verengt sich. Das Gehirn sagt: „Dieses Hin und Her ist zu belastend. Du findest die Meinung des anderen blöd, dann findest du ihn auf ganzer Linie unsympathisch.“ Wir sehen nur noch die negativen Seiten, weil wir im Streit die Tendenz haben, uns auf einen moralisch höheren Sockel zu stellen. Ich bin gut – du bist böse. Man darf sich da aber nicht täuschen, es liegt auch am eigenen Blick. In einem Konflikt gibt es mehrere Wahrheiten, denn jeder hat seine eigene – wie eben Impfgegner und Impfbefürworter. Wenn man über die Wahrheit streitet, führt das zu keinem Ende.

Ist es vertretbar, eine Freundschaft zu kündigen aufgrund verschiedener Sichtweisen?
Jeder Mensch ist selbstbestimmt. Ich würde es aber bedauern und versuchen, wieder eine kommunikative Basis herzustellen. Aber wenn jemand auf so einem Weg ist, auch in Richtung Verschwörungstheorie, und das Gegenüber sagt, ich kann das nicht ertragen, dann muss man das akzeptieren.


Muss man das Streitthema denn thematisieren oder kann man sagen: Hier sind wir verschiedener Meinung, das blenden wir aber im Sinne unserer Freundschaft aus?
Absolut. Das ist ja nicht nur seit Corona so. Solche „Alarmthemen“ gab es immer schon in Freundschaften und Familien. Das kann man auch vereinbaren und sagen: „Uns verbindet so viel und in diesem Thema sind wir uns einfach nicht einig. Lass uns doch versuchen, die Impfung heute auszuklammern.“ Wie gut das klappt, hängt natürlich von der Enge der Beziehung ab. Mit einer Freundin, die man ab uns zu sieht, geht das. Mit dem Lebenspartner, mit dem ich gemeinsam die Nachrichten schaue, weniger.

Zur Corona-Impfung: Man hat in den vergangenen Wochen den Eindruck bekommen, dass sie Diskussionen und Umgangston noch verschärft hat. Woran liegt das?
Es gibt wahrscheinlich keinen einzigen Menschen, der von sich behauptet: Ich habe mich impfen lassen und mir gar keine Sorgen gemacht. Es ist ein Thema, das eine aktive Entscheidung bedeutet. Auch hier haben wir einen Schutzmechanismus. Unser Hirn sagt: „Du hast dich entschieden, dich impfen zu lassen.“ Und als Geimpfter will man dann nicht mehr viel hören, das gegen die Impfung spricht. Weil wir uns nicht mehr irritieren lassen wollen. Wir möchten, dass unsere Entscheidung in unserem Kopf konsistent und richtig bleibt. Deshalb suchen wir uns auch ganz bewusst die Nachrichten und Menschen, die unsere Position stärken. Und dadurch entsteht eine noch größere Spaltung und Abgrenzung.

Wenn man bitterböse auseinandergegangen ist, es nun aber bereut, wie kann man sich wieder annähern?
Wenn man das Gefühl hat, nicht gut sprechen zu können, hilft vielleicht ein Brief oder eine SMS. Deeskalierend wirken immer Ich-Botschaften und nicht Du-Botschaften, weil sie sofort eine Gegenrede provozieren. Zum Beispiel: „Ich bin traurig, weil wir im Streit auseinandergegangen sind und ich merke, dass mich das belastet.“ Man sollte auch die Emotion mittransportieren. Wichtig ist hier, nicht wieder zu erklären, was alles passiert ist wie: „Dann hab ich gesagt, dann du, dann wieder ich …“ Einfach sagen, wie man sich fühlt und was man sich wünscht.