Bitte warten - Ihr Zugang wird eingerichtet.

Stressige Zeiten Immunologe: "Der Instinkt lockt uns in die Natur"

Immunologe Arnulf Hartl erklärt, warum es viele in stressigen Zeiten ins Grüne zieht und erklärt die Folgen zunehmender Verstädterung.

© komplex - stock.adobe.com
 

Warum ist der Mensch bei der Erholung so sehr auf die Natur angewiesen?
Arnulf Hartl: Dieser Drang, ins Grüne zu gehen, spiegelt etwas wider, das in uns evolutiv gespeichert ist. Wir suchen jene Orte auf, wo wir früher als wir noch als Affen auf den Bäumen lebten – wo es kühl war, wir genügend Nahrung, Brennholz und Schutz vor Tieren hatten. Das waren auch die Plätze, wo wir unsere Kinder aufgezogen haben. Daher können wir unsere psychologischen Batterien in dieser Umgebung am schnellsten aufladen. Wir suchen diese schönen Orte ganz instinktiv auf. Deswegen ist auch Bewegung im Grünen gesundheitsfördernder als im Innenraum. Bewegung im Freien reduziert Stress stärker und sie aktiviert das Immunsystem über eine Reihe von Funktionen. Man empfindet Outdoor-Sport auch psychologisch als weniger anstrengend.

Zur Person

Arnulf Hartl ist Leiter des Instituts für Ökomedizin an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. Er forscht an der medizinischen und psychologischen Wirkung der Natur auf die Gesundheit des Menschen.
Buch. Heilkraft der Alpen. Bergwelten, 22 Euro.


Welche Leiden sind besonders gut in der Natur behandelbar?
Zivilisationserkrankungen – all jene Leiden, die durch den städtischen Lebensstil ausgelöst werden. Und fast 70 Prozent der Österreicher leben in einer Stadt. Sie nimmt uns die Natur weg. Die Stadt ist Asphalt, wir trainieren viel weniger und wir müssen uns auch nicht mehr an verschiedene Temperaturen adaptieren. Der Lebensraum schrumpft, es tritt eine Verinselung ein, dadurch ist man von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter in seinem natürlichen Bewegungsverhalten stark eingeschränkt. Wenn ich als Kind nicht mehr den Hauptverkehrsweg überqueren kann, um in den Park zu kommen, dann sitze ich auf meiner kleinen grauen Insel und habe infolge auch weniger soziale Netzwerke.

Hilft bei Rückenschmerzen

Nicht nur das Gehen im unebenen Gelände wie etwa im Wald oder auf Wanderwegen legt Arnulf Hartl Rückenschmerzgeplagten ans Herz, sondern auch das Bergabgehen. „Dieses exzentrisches Training trainiert den ganzen muskulär-skelettalen Bereich.“


Zu den Kindern: Sie sprechen in Ihrem Buch vom Bambi-Klischee. Können sie das erklären?
In unseren Bildwelten wird die Natur immer mehr verdrängt. Die Disney-Forschung studiert wie viele Naturelemente in Disney-Filmen von den 40er Jahren bis zum heutigen Tage vorkommen. Was früher „Bambi“ und der „König der Löwen“ waren, wird heutzutage von Robotern oder Autos ersetzt. Die Bildwelten der Kinder urbanisieren sich. Ein Kind erkennt heutzutage eher einen Kakadu als eine Gämse.

Warum?
Einheimische Tiere werden von Kindern oftmals nicht mehr erkannt, weil der einzige Kontakt zur Natur der Zoo ist. Dieser Naturentzug führt dazu, dass Kinder ein sehr hohes Risiko haben, auch an psychiatrischen Krankheiten zu erkranken.
Sie haben zuvor die Zivilisationskrankheiten angesprochen. Asthma und Allergien sind sehr häufig und zum Teil auch durchs Stadtleben bedingt.

Hilft bei Stress

„Als Faustregel gegen Stress gilt: Alles, was mit dem Element Blau und mit Wasser zu tun hat, entspannt. Rauschendes Wasser, fallendes Wasser, kühlendes Wasser, das Fühlen von Wasser. Da gibt es sehr schöne Studien, dass dieses Blau-Element sehr stark entstresst“, so Hartl.


Sie haben hier die heilende Kraft der Krimmler Wasserfälle untersucht. Was macht sie so besonders?
Bei den Wasserfällen entstehen Wassertröpfchen, die 200 Mal kleiner sind als die Wassertröpfchen in einem Asthmaspray. Und diese lassen sich besonders tief bis in die kleinsten Verästelungen der Lunge, in die Lungenbläschen einatmen. Dort lösen sie eine immunologische Reaktionskaskade aus, die wir noch nicht ganz verstanden haben. Wir wissen aber, dass die Entzündung im Körper dadurch stark reduziert wird Aber es ist vor allem dieses kleine, elektrisch geladene Nano-Aerosol, das diesen Effekt auslöst.
Viele wollen Ihrer Gesundheit im Urlaub Gutes tun. Muss man heute auch den Urlaub nutzen, um etwas für sein körperliches Wohlbefinden zu tun oder ist das eine Art neuer Stress?
Die Rekreation ist schon immer ein zentrales Urlaubsmotiv gewesen – die klassische Sommerfrische. Wir haben nun eine junge Generation, die den Wert des Wanderns revitalisiert. Es ist unfassbar wie viele junge Menschen man wieder in den Bergen trifft. Es sind vor allem die, die sich gerade in arbeitsbedingten Stresssituationen befinden. Intuitiv suchen sie die Räume und Aktivitäten auf, die sie entspannen.

Steigert die Leistungsfähigkeit

„Wer seine Leistungsfähigkeit steigern will, sollte viele Höhenmeter hinter sich bringen“, rät Arnulf Hartl. „Beim Bergaufgehen verbrennt man nicht nur mehr Energie, sondern man trainiert Herz und auch Lunge stärker als beim Gehen im flachen, ebenen Gelände.“


Ist das eine Reaktion auf die Coronazeit?
Es ist eine Mischung. Dieser Wanderboom ist aber auch eine Reaktion auf Arbeitsbelastung. Vielleicht nimmt man ja als Folge der Coronazeit mit, wie gut Natur tut. Es wäre toll, wenn diese Erkenntnis hängen bleiben würde und sie dann in vielleicht in fünf bis zehn Jahren in der Mortalitätsrate sichtbar wird. Das ist vielleicht eine Generation, die gelernt hat, wieder die Natur zu betreten und sich dort zu bewegen.

Zwischen 0 Uhr und 6 Uhr ist das Erstellen von Kommentaren nicht möglich.
Danke für Ihr Verständnis.

MoritzderKater
1
33
Lesenswert?

Danke für diesen Bericht!

Wo ist es denn schöner als in der Natur?
Jedes Fleckerl Wald, jeder Bach, Fluss, See regt die Sinne mehr an, als das noch so aufwändig gemachte Filmwerk, das doch nur ein Abklatsch der Wirklichkeit sein kann.

Covid-19 ist zwar eine fürchterliche Pandemie, aber vielleicht können zukünftige Generationen doch noch etwas Positives aus dieser Situation mitnehmen.
Ich würde es mir und vor allem Ihnen wünschen.