Sicheres Auftreten bei totaler Ahnungslosigkeit: Menschen, die ihre eigene Kompetenz überschätzen, kennt jeder. Dass es aber auch anders herum geht, zeigt das sogenannte „Impostor-Phänomen“, bei dem Betroffene nicht daran glauben, dass ihre Erfolge auf ihr Können zurückgehen. Im Gegenteil: Sie bringen ihre Leistung mit Glück, Zufall oder gar Täuschung in Verbindung.

Und das, obwohl es sehr wohl eindeutige Beweise für das eigene Können gibt. Der Platz im Chefsessel, das Lob der Kollegin, die Bestnote bei einer Prüfung – all das hebt paradoxerweise nicht das Selbstvertrauen.


Was mache ich eigentlich hier?

„Der Leidensdruck ist groß“, sagt Arbeitspsychologin Michaela Höfer. Und das Gedankenkarussell dreht sich unaufhörlich: „Statt stolz auf die eigene Leistung zu sein, schürt das ‚Impostor-Phänomen‘ die Angst, als Blender entlarvt zu werden.“

Zwei Beispiele: Der Kellner im Haubenlokal, der um seinen Job fürchtet. Der Service liegt ihm zwar, trotzdem hat er Angst, den Anforderungen des Gasts nicht gerecht zu werden. Und das, obwohl besagter Kellner bei seiner Lehrabschlussprüfung der Beste war. Oder eine Wissenschaftlerin, die seit Jahren als zuverlässige Mitarbeiterin gilt. Muss sie allerdings vor Publikum sprechen, denkt sie: „Was mache ich hier? Mein Kollege ist viel klüger als ich.“

Betroffene sabotieren sich selbst

Umfassende Daten, wie viele Menschen betroffen sind, gibt es noch nicht. Sicher ist aber, dass es sich bei diesem Phänomen keineswegs um einen Einzelfall handelt. Laut einer Studie der Universität Salzburg sollen bis zu 70 Prozent der berufstätigen Personen schätzungsweise und zumindest vorübergehend einmal im Leben davon betroffen sein.

Das Gefühl, Erfolg und Glück nicht verdient zu haben, führt nicht selten zu Selbstsabotage. So kann es vorkommen, dass „Betroffene oftmals Positionen annehmen, die unter ihrem Leistungsniveau liegen“, sagt Michaela Höfer. „Um sicherzugehen, dass ihnen niemand auf die Schliche kommt.“

Andere versuchen der Enttäuschung zuvorzukommen und schieben die Arbeit auf die lange Bank. Scheitern sie, sehen sie sich in ihrem Selbstbild bestätigt: „War doch klar – ich bin eben unfähig.“

Kleine Kinder, große Last

Ursachen für dieses Verhalten verortet die Expertin in der Kindheit: Bewusst oder unbewusst wird in manchen Familien großer Druck auf das Kind ausgeübt: Die eigenen Kinder sollen etwas Besonderes sein, aber auf keinen Fall „nur“ Durchschnitt. Werden Charakter und Leistung nicht getrennt gedacht, verinnerlicht das Kind: „Du bist nur liebenswert und bekommst Aufmerksamkeit, wenn du etwas Besonderes leistest“, so die Expertin.

Fällt dieser Erfolg weg, steigt die Angst seitens des Kindes, weder Liebe noch Anerkennung zu bekommen. So entstünde bei einigen eine grundlegende Last auf den Schultern, immer wieder diesen hohen Ansprüchen von außen gerecht werden zu müssen.

Krise als Brandbeschleuniger

Bedrohte Arbeitsplätze, Rezession, existenzielle Fragen und Ängste: Im beruflichen Kontext warnt Höfer vor der Wirkung des Virus als Verstärker von Krisen, die auch vorher schon da waren: „Geraten Menschen unter Druck, intensivieren sich grundlegenden Eigenschaften – Ecken und Kanten von Personen treten zum Vorschein.“ Die detailverliebte Mitarbeiterin arbeitet noch akribischer, der Hitzkopf reagiert impulsiver – und Menschen mit Selbstzweifeln leiden umso mehr. Corona wird quasi zum Brandbeschleuniger: „Wir wissen auch, dass es einen klaren Zusammenhang gibt, in einen Burn-out-Prozess zu rutschen.“

Unternehmen brauchen eine Fehlerkultur

Alles-richtig-Macher gibt es nicht – schon gar nicht in der Welt der Arbeit. Fehler machen und offen darüber sprechen, ohne Sanktionen fürchten zu müssen – solche Gespräche als Teil der Unternehmenskultur etablieren, etablieren könne den Betroffenen helfen, Druck abzubauen, sagt die Expertin. Merken Arbeitgeber, dass ein Mitarbeiter dazu neigt, sich kleinzumachen machen, kann Feedback unter vier Augen Stabilität verschaffen.



„Je wertschätzender und klarer kommuniziert wird, je mehr es erlaubt ist, Fehler zu machen, je mehr gesehen wird, was Menschen leisten, desto eher kann man ein Umfeld schaffen, in dem Selbstzweifel gar nicht erst entwickelt werden“, so die Psychologin.

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