Arbeiten wie im Film Dieser Lehrer surft zwischen den Welten

Zwischen Kite und Klassenzimmer: Marvin Kolovitsch unterrichtet einfach sehr, sehr gerne.

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Marvin Kolovitsch, Kitesurfer
Marvin Kolovitsch, Kitesurfer © (c) © Helmut Lunghammer (Helmut Lunghammer)
 

Mit einem kühlen Bier in den Händen und vom Tag müden Beinen im Wasser warten, bis die Sonne den Horizont küsst. So in etwa klingen bei der Surfschule „Mission to Surf“ am Neusiedler See Arbeitstage aus. „Das ist unser Büro“, sagt Marvin Kolovitsch, krault seinen Labradorwelpen Neruda hinter dem Ohr und grinst breit. Da sich der Wind an diesem heißen Sommertag in nobler Zurückhaltung übt, hat der Kitesurflehrer Zeit – go with the flow.

„Das ist das Schöne an diesem Sport, dass er sehr sozial ist. Wenn das Wetter nicht mitspielt, setzt man sich einfach zusammen und quatscht.“ Dabei ist der 30-Jährige ein Surfer zwischen den Welten. Während des Schuljahres ist er für seine Schüler der „Herr Professor“ und unterrichtet Spanisch und Englisch am Pannoneum in Neusiedl am See, ein Oberstufengymnasium für Wirtschaft und Tourismus.

Professor in Shorts und Flip Flops

In den großen Ferien ist der Kitesurflehrer kurz und bündig „Marvin“ und tritt seinen Schülern in Shorts, Flip-Flops und Sonnenbrille gegenüber. Im Unterricht geht es dann um Kiteaufbau, Reviereinweisung und was zum Beispiel im Falle eines Unwetters zu tun ist. „Ein Kite hat 24 Meter Leine und in diesem Fall ist nichts höher draußen am See“, erklärt er. „Natürlich bin ich hier nicht so streng wie in der Schule. Im Klassenzimmer liegt die Beurteilung bei mir. Hier am See ist alles schon viel lockerer. Es ist ein guter Ausgleich zum Arbeitsalltag.“


Genau wie für Kolovitschs Kollegin Viky, die als Finanzleiterin einer IT-Consultingfirma in Wien arbeitet und Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsrecht studiert. Genau wie für viele Schüler, die aus den verschiedensten Sparten kommen. Vom Maurer, Bauarbeiter, Tischler bis zum Zahnarzt oder Kieferchirurg – alle lassen sich hier im österreichischen Mekka des Surfens in die Kunst des Kitens einweisen. Und nutzen die Zeit auch ein bisschen, um sich von diesem relaxten Surflebensstil anstecken zu lassen – hang loose.

Zur Person

Marvin Kolovitsch (30) unterrichtet an der Wirtschafts-und Tourismusschule Pannoneum in Neusiedl am See Spanisch und Englisch.
In den Ferien arbeitet er als Kitesurflehrer bei
„Mission to Surf“ am Neusiedler See. Infos online: www.missiontosurf.at

So wie einer der wohl ältesten Kitesurfer hier am Neusiedler See. Der 87-jährige pensionierte Taxifahrer kommt immer frühmorgens, um seine Runden zu drehen. „Mittags muss er nämlich wieder zu Hause sein, weil seine Frau das Mittagessen kocht“, erzählt Kolovitsch. „Aber wenn er heimfährt, hat er immer einen fetten Grinser im Gesicht.“
Kolovitsch selbst, der in Pottersdorf in Niederösterreich aufgewachsen ist, stieß erst nach der Matura auf seine Liebe zum Surfen. „Ich bin im Rahmen eines Auslandspraktikums nach Tarifa in Spanien gekommen. Es gab keine Wellen mehr, dafür aber jede Menge Wind, so hat sich dann das mit dem Kitesurfen ergeben.“

Feuerroter Drachenflügel

Kolovitsch studierte schließlich in Wien Spanisch und Englisch und machte auch die Ausbildung zum Reiseleiter. „Ich dachte, dass ich nach Südamerika oder Südostasien komme. Ich habe dann bei einer Wiener Agentur gearbeitet. Ich war 60 Mal in Salzburg, 80 Mal in Hallstatt und der Wachau und bin gefühlte 80.000 Mal die Ringstraße gefahren“, erinnert sich der 30-Jährige zurück, während er seinen überdimensionalen Kiteschirm einem feuerroten Drachenflügel gleich gegen den blitzblauen Himmel ausrichtet.

Realitäts-Check

Surfer sind Aufreißer ...
„Mit 30 nicht mehr, aber man trifft schon
kontaktfreudige und offene Leute, außerdem reist man auch viel.“
... hausen in einem klapprigen Campingbus.
„Viele von uns haben einen Bus. Ich nicht, aber ich habe in meinem Golf immer einen Schlafsack im Kofferraum mit dabei.“
Für Surflehrer hat die perfekte Welle Priorität.
„Früher schon, jetzt hat mein Hund Priorität.“


Seit 2014 ist er nun Teil des 35-köpfigen Lehrerpools der Surfschule, die zu einer der größten Mitteleuropas zählt. Seine Tage starten hier um 9.15 Uhr beim Teammeeting. Immer im Gepäck: Sonnencreme. „In einem Sommer brauche ich schon zwei bis drei Tuben auf, die mit Schutzfaktor 50+.“ Um 9.30 Uhr starten schließlich die Kurse, klassische Trainingseinheiten dauern drei Stunden, jeweils vor- und nachmittags. Wobei es immer gilt, spontan und nach den Wetterbedingungen zu reagieren. Aber schön langsam neigt sich auch hier der Sommer seinem Ende zu.
Im Herbst, wenn seine Kollegen Zugvögeln gleich in sonnigere Gefilde aufbrechen, wird Kolovitsch seine erste Maturaklasse in Spanisch haben. Er bereitet sich jetzt schon darauf vor. „Ich will immer alles rausholen. Hier und auch im Klassenzimmer.“

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