Ein "Führerzimmer“ und die Posse dazu
Am Sonntag bespielt Jonathan Meese das sogenannte „Führerzimmer“ im Wiener Volkstheater. Was es damit auf sich hat.

Frühjahrsputz für Österreich!“ So kündigt der deutsche Kunstapokalyptiker und Skandalperformer Jonathan Meese sein Solo mit dem provokant-undurchschaubaren Titel „Dr. No‘s Führerzimmer! (Exzorzismus „Zardoz“ passiert) Lohn der A.N.G.S.T.: Mumin! (Mein Osmosegehirn „Fantomas“). Alles klar? Definitiv nicht! Und das dürfte am Sonntag ab 18 Uhr bei der Online-Live-Premiere durchaus Programm sein.
Spannender ist der Ort, den Meese dafür gewählt hat: das sogenannte „Führerzimmer“ im Wiener Volkstheater. Er wolle, so Meese, den „braunen Muff aller vergangenen Jahrzehnte aus den Gemäuern pupsen, dass es nur so kracht.“
Von dem mit Nussholz vertäfelten Raum war er schon angetan, als wir ihn im Herbst 2023 zum Interview mit seiner Mama Brigitte Meese trafen. Damals posierten beide mit Sonnenbrillen am Tisch, vor der Geheimtür salutierte er und sie sprachen über „Kunst als Zufluchtsstätte“.

„Sagenumwoben“ nennt Meese das unspektakuläre Zimmer. Ab 1938 adaptierte Architekt Leo Kammel das Volkstheater. Teile der alten Vereinskanzlei mutierten zu einem VIP-Raum – Durchbruch und Treppe zum Zuschauerraum.
Von dort sollten NS-Granden und deren Gäste in die Vorstellungen geschleust werden. Heute strandet man in einer mit Scheinwerfern vollgestellten Loge. Eine undatierte Anzeige der Firma Bothe & Ehrmann aus der NS-Zeit, erklärt Architekt Alexander van der Donk, hätte den Raum als „Großen Empfangsraum für die Feststiege“ beworben und u.a. zwei Fenster, eine Holzbrüstung, einen Scheinkamin, Holzvertäfelung, Sitzmöbel, Tische und einen Teppichboden gelistet. „Die Adaptierung inszenierte sich als Modernisierung mit coolen, glatten Oberflächen“, sagt er.
Auch Figuren und Zierglieder an den Fassaden und in den Innenräumen wurden entfernt, vergoldete Stuckaturen an der Saaldecke weiß übermalt und teils später wieder rekonstruiert, wie der Kaufmännische Direktor Cay Stefan Urbanek beim Rundgang durchs Haus zeigt. Jede Tapete, jede Lampe, jede Verzierung erzählt dabei wieder eine eigene Geschichte. Die beiden kennen sie alle. Etwa jene von den entworfenen und danach umgebauten Beleuchtungskörpern von 1889, die später in Anlehnung an Originalzeichnungen wiederhergestellt wurden.

Medial berühmt wurde der Pausenraum 2005 unter Intendant Michael Schottenberg. Dieser ließ die Wände „aus Gründen der Moral, der Ethik und des politischen Bewusstseins abbauen“ und wollte sie ins Bühnenbild für die Inszenierung von Thomas Bernhards „Vor dem Ruhestand“ verwenden. Der Denkmalschutz machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Schottenberg musste es rückbauen lassen. Offiziell heißt es, Hitler wäre nie dagewesen. Belege fehlen.
Zur Info
Dr. No‘s Führerzimmer! (Exorzismus „Zardoz“ passiert). Solo-Performance von und mit Jonathan Meese,
kuratiert von Henning Nass.
Sonntag 18 Uhr, Stream, Eintritt frei. volkstheater.at/stream/