Neue DokuHitlers österreichische Helfer: Wie die Gauleiter regierten

Sie waren Hitlers skrupellose Helfer: Der Wiener Filmemacher Christian Hager hat eine sehenswerte Doku über die Gauleiter in der Ostmark gedreht und füllt damit eine wichtige Lücke.

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Hitlers �sterreichische Helfer - Die Gauleiter
"Hitlers österreichische Helfer", Samstag, ORF III, 20.15 Uhr. © (c) �NB
 

Goebbels, Eichmann oder Göring. Namen und Gesichter des Nationalsozialismus. Wenig bekannt sind hingegen Hitlers Statthalter, die das Terrorregime auf regionaler Ebene absicherten. In einem neuen, sehenswerten Zweiteiler schildert Filmemacher Christian Hager, wer die Leiter der sieben Gaue der Ostmark waren, ihre Verbrechen, die bis zur Planung und Durchführung des Holocausts reichten, und ihr Schicksal nach dem Ende des Dritten Reichs. In vielen Fällen blieben ihre Taten ungesühnt.

„Es ist erstaunlich, dass die Gauleiter in der heimischen Erinnerungskultur bislang kaum als Tätergruppe wahrgenommen werden", verweist Hager auf die geringe Zahl an Publikationen: "Es gibt in Österreich dazu nur wenig Fachliteratur und bis auf eine Ausnahme auch kein Mahnmal, das die Verbrechen dieser regionalen NS-Führungselite thematisiert. Obwohl die Gauleiter Hitlers wichtigste Komplizen in den einzelnen Bundesländern waren."

ORF-Doku: Hitlers willige Vollstrecker: Die Gauleiter der Ostmark

Regisseur Christian Hager porträtiert im neuen ORF-III-Doku-Zweiteiler „Hitlers österreichische Helfer – Die Gauleiter“ den Werdegang und die Verbrechen dieser NS-Funktionäre und zeigt deren Schicksale nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

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Baldur von Schirach, Gauleiter von Wien: Der Sprössling eines deutschen Adelsgeschlecht arbeitete sich innerhalb der NSDAP bis zum Reichsjugendführer hoch. Später übernahm er die Gauleitung von Wien. Die Deportation abertausender Jüdinnen und Juden bezeichnete Schirach wörtlich als „aktiven Beitrag zur europäischen Kultur“. In Nürnberg wurde er zu 20 Jahren Haft verurteilt.

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Hubert Klausner, Gauleiter von Kärnten (bis 1939): Klausner galt als wichtiger Parteistratege der Nazis für den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich. Der ehemalige Bundesheeroffizier übernahm später auch die Gauleitung von Kärnten. 1939 starb er plötzlich an einem Hirnschlag. Gerüchten zufolge könnte Huber Klausner auch einem Giftanschlag der SS zum Opfer gefallen sein, da er parteiintern viele Neider hatte.

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Sigfried Uiberreither, Gauleiter der Steiermark: Der promovierte Jurist wurde wegen seines Ehrgeizes auch als „Dr. Übereifer“ bezeichnet. Tatsächlich war er ein williger Erfüllungsgehilfe Hitlers, vor allem in Hinblick auf die steirische Rüstungsindustrie. Uiberreither ließ während seiner Amtszeit zahlreiche Menschen erschießen, konnte jedoch nach Kriegsende flüchten. Unbehelligt von der Justiz, führte er bis zu seinem Tod ein bürgerliches Leben in Deutschland.

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Hugo Jury, Gauleiter von Niederdonau: Der ehemalige Militärarzt der k.-u.-k.-Armee galt als glühender Verfechter der nationalsozialistischen „Rassenhygiene“. Dabei hatte er es besonders auf geistig und körperlich behinderte Menschen abgesehen. Als Gauleiter von Niederdonau betrieb der Mediziner mehrere Stützpunkte der „Gesellschaft für Rassenhygiene“, wo unzählige Menschen getötet wurden. Zu Kriegsende verübte Hugo Jury Selbstmord.

(c) Landesarchiv Nieder�sterreich

Friedrich Rainer, Gauleiter von Salzburg und später Kärnten: Der promovierte Jurist war federführend am „Anschluss“ beteiligt und wurde unmittelbar danach Gauleiter von Salzburg, wo er vor allem die Kulturpolitik im nationalsozialistischen Sinne gleichschaltete. Als Gauleiter von Kärnten verfolgte Rainer eine brutale Germanisierungspolitik gegenüber den Kärntner Slowenen. 1947 wurde er in Jugoslawien zum Tode verurteilt.

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Tobias Portschy, stellvertretender Gauleiter der Steiermark: Ursprünglich sollte Tobias Portschy Gauleiter des Burgenlands werden. Dieses wurde jedoch als Bundesland während der NS-Zeit aufgelöst und so wurde Portschy lediglich Stellvertreter in der Steiermark. Er ist der einzige Ostmark-Gauleiter, der nach Kriegsende bereitwillig Interviews gab. Ausschnitte daraus sind auch im Doku-Zweiteiler zu sehen.

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August Eigruber, Gauleiter von Oberdonau: Der gebürtige Steyrer trat bereits 1922 der NSDAP bei und arbeitete später auch im Untergrund für die Partei. Ab 1938 übernahm er die Leitung des neu gegründeten Reichsgaues Oberdonau. Er galt als Vertrauter und „Du-Freund“ von Adolf Hitler. Der als cholerisch bekannte Eigruber war einer der Hauptverantwortlichen für die Massenmorde im KZ Mauthausen und wurde 1947 für seine Verbrechen hingerichtet.

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Franz Hofer, Gauleiter von Tirol-Vorarlberg: Tirol und Vorarlberg wurden während der NS-Herrschaft zu einem Reichsgau zusammengefasst. Als Gauleiter fungierte Franz Hofer, der sich im Rahmen seiner Position massiv an jüdischem Eigentum bereicherte. Hofer instrumentalisierte auch die alpenländische Kultur für propagandistische Zwecke und betrachtete die Tiroler Schützenverbände als seine Privatarmee. Er konnte nach Kriegsende in Deutschland untertauchen.

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Hager beschreibt das System der Gaue als einen „Pseudoförderalismus“: Die Gauleiter instrumentalisierten geschickt das jeweilige Brauchtum, die politische Souveränität blieb trotzdem in Berlin: „Unter diesem Spannungsbogen konnte sich die NS-Diktatur entsprechend gut etablieren.“ In Graz stand Sigfried Uiberreither, auch „Dr. Übereifer“ für das Regime. Er ließ zahlreiche Menschen erschießen, nach dem Krieg flüchtete er und lebte, von der justiz unbehelligt, ein bürgerliches Leben in Berlin. Sein Stellvertreter, Tobias Portschy, gab später u. a. dem ORF bereitwillig Interviews.

In Kärnten war bis 1939 Hubert Klausner Gauleiter, der schon 1922 der NSDAP beigetreten war. Nach seinem Tod übernahm Friedrich Rainer, der den Anschluss strategisch begleitet hatte und in Kärnten für eine brutale Germanisierungspolitik gegenüber den Kärntner Slowenen stand.

"Viele lebten ein gutbürgerliches Leben"

Der gebürtige Oberösterreicher sprach für die zweiteilige Dokumentation mit zahlreichen Historikern, recherchierte in Landesarchiven und verwendete Material von Privatpersonen. Das Ergebnis, ein Zweiteiler, den ORF III am 25. September an 20.15 Uhr zeigt, kann sich sehen lassen: Systematisch wird aufgebarbeitet, was Gauleiter qualifizierte und wie sie agierten.

„Die Gauleiter sind als Tätergruppe absolut relevant, sie haben massive Verbrechen begangen. Aber sie waren eben nicht an vorderster Front der NS-Führung“, erklärt Hager. Die mangelhafte juristische Aufarbeitung habe mit dem Prozess der Entnazifizierung zu tun: Als die Welle der Täterverfolgung abflaute, haben sich viele, teilweise sehr dreist, vor der Verfolgung gerettet: „Viele lebten ein gutbürgerliches Leben, ohne je für ihre Verbrechen belangt worden zu sein“, sagt der studierte Politologe Hager, der es begrüßen würde, wenn im Rahmen der Erinnerungskultur stärker auf die Gruppe der Gauleiter fokussieren würde.

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