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Berliner Architekturschau„Mehr Räume für Träume“

„urbainable – stadthaltig“ nennt sich eine Gruppenausstellung, die derzeit in der Akademie der Künste in Berlin läuft. Mitglieder der Sektion Baukunst setzen sich dabei mit der Rolle der europäischen Stadt und ihrer Architektur in wandelbaren Zeiten auseinander. Zur Riege der prominenten internationalen Beiträger zählt auch die Grazerin Karla Kowalski.

Entwurf für zwei Wasserhäuser im Hamburger Baakenhafen © Szyszkowitz-Kowalski
 

In der Berliner Akademie der Künste läuft eine Schau mit dem sperrigen Titel „urbainable – stadthaltig“: Der Begriff „urbainable“ – ein künstliches Kompositum aus „urban“ (städtisch) und „sustainable“ (nachhaltig) –meint auch, „dass die Frage der Nachhaltigkeit keine rein technische, sondern eine kulturelle ist“, sagt der Architekt Matthias Sauerbruch in der Zeitung „Neues Deutschland“. Dem Direktor der Sektion Baukunst der Akademie der Künste, mit seinem Stellvertreter Jörn Walter und Tim Rieniets auch Kurator des Projekts, gehe es darum, dass eine nachhaltige Stadt nicht durch von oben gesteuerte Maßnahmenbündel entwickelt werden kann, sondern nur durch die Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen.

"Mehr Räume für Träume" Foto © AdK Berlin/Erik-Jan Ouwerkerk

In der vierten Großausstellung der Sektion Baukunst seit 2010 sollen Projekte und Visionen aus den Bereichen Architektur, Ingenieurwesen, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung zeigen, wie europäische Städte des 21. Jahrhunderts große Herausforderungen und Krisen bewältigen können. Diese Fragen seien, wie Akademie-Präsidentin Jeanine Meerapfel im Vorwort des Katalogs betont, gerade „in Zeiten des Klimawandels, der Digitalisierung, des demografischen Wandels und der Auflösung traditioneller sozialer Netzwerke“ wichtig, die Antworten darauf bedürfen „grenzübergreifender Denkweisen und solidarischer Strategien“.

Ehemalige Landebahn Tempelhofer Feld, Berlin, 2017 Foto © AdK Berlin/Erik-Jan Ouwerkerk

34 der insgesamt 71 Mitglieder der Sektion-Baukunst denken in ihren Beiträgen über die nicht erst in der Zukunft, sondern schon längst notwendige „Urbainability“ nach. Dass mehr als die Hälfte der bedeutenden Architekten, die derzeit der 1696 als Gelehrtengesellschaft gegründeten Akademie der Künste angehören, bei diesem Projekt nicht dabei ist, wird in Fachkreisen kritisiert, etwa in der „deutschen bauzeitung“: Norman Foster, Renzo Piano oder Shigeru Ban hätten sich erst gar nicht erst gemeldet, auch jüngere Stimmen wie Diébédo Francis Kéré, Patrik Schumacher oder der in Paris lebende Steirer Dietmar Feichtinger würden fehlen.

Kulturhaus St. Ulrich im Greith Foto © Szyszkowitz-Kowalski

Aus der Steiermark ist aber doch jemand dabei: Karla Kowalski liefert in der immer noch sehr illustren Runde, der u. a. Kjetil Trædal Thorsen vom Osloer Büro Snøhetta oder Enrique Sobejano und Fuensanta Nieto aus Madrid angehören, den einzigen Beitrag aus Österreich. „Ich zeige drei Beispiele von Bauten, die zu dem Motto ,urbainable – stadthaltig' passen und darüber auch etwas aussagen“, sagt die Grazer Architektin, „nämlich erstens: Die von uns geplanten Wasserhäuser im Baakenhafen Hamburg in Sichtweite zur Elbphilharmonie als Beispiel für Sprachfähigkeit der Architektur. Zweitens: das im Jahr 2000 eröffnete Kulturhaus St. Ulrich im Greith aus denselben Gründen und auch im Sinne einer zusammenwirkenden Gestalt auch sehr kleiner Ortschaften. Und zum dritten unser Klassiker: die 1996 fertiggestellte Küppersbusch-Siedlung in Gelsenkirchen, die im Zuge der Umgestaltung des gesamten Ruhrgebietes, nämlich der Internationalen Bauausstellung Emscherpark, das Thema Wohnen in neuen, bildhaften und gesellschaftsbezogenen Zusammenhängen behandelt – gekoppelt mit dem Öko-Gedanken der Wasserbearbeitung.“

Küppersbusch-Siedlung in Gelsenkirchen Foto © Szyszkowitz-Kowalski

Nicht zufällig betont Architektenkollege Frank Rolf Werner in einem kurzen Essay, der im Katalog zwei Fotos der Küppersbusch-Siedlung beigestellt ist: „Nur noch eine verschwindend kleine Minderheit von Architekten ist heute überhaupt in der Lage, empathisch narrative ,Erzählmuster' und ,Handlungsstränge' in ihren täglichen Projekten zum Ausdruck zu bringen“. Er wünsche sich mehr „traumhaft hingesagte Bilder … mehr Räume für Träume“.

Karla Kowalski selbst hat ihren Beiträgen Gedanken über „Die Suche nach dem Glück“ hinzugefügt, in denen sie über „das Erfinden von Lebens-Formen“ reflektiert. Hier der Originaltext:

„Suche nach dem Glück – ein zugegebenermaßen unpräziser Titel, dem man zudem nicht wirklich näherkommen kann. Und doch haben wir in unserer Arbeit, die an tausenderlei architektonische Bindungen, technische Kenntnisse und gesellschaftliche Spekulationen geknüpft ist, aber auch dem ständigen Wandel der Aufgaben und der Weltsituation (ganz zu schweigen von der finanziellen) unterliegt, bisher nichts mehr als dieses gesucht.

Die Botschaften übermitteln sich durch Formen. Warum sonst suchen wir in alten Städten Erzählungen über das Leben? Dort nämlich findet sich eine Fülle von Formen als Interpretationen von vielfältigem Lebensinhalten. Formen, die früher nichtssagend waren, werden in der Regel nicht überzeugender oder sprachfähiger, wenn Zeit vergeht. Das Gegenteil ist eher der Fall: Bedeutsame Formen ergeben immer einen Sinn, auch wenn sie vermutlich anders gedacht wurden, als sie heute verstanden werden. Die Beziehung zum Ort, zu sich selbst und zu anderen Menschen ist eine Daseinsform, die sich in der Bildhaftigkeit der Städte spiegelt. Im Idealfall haben diese Bilder einen tragfähigen, ergiebigen Charakter und beschreiben glückhaftes Leben ebenso, wie sie offen genug für anderes, Unbekanntes sind. Sie müssen letztlich ein Stadtbild erzeugen können, das auch für die Erinnerung an einen Ort ausreichend Ausdrucksmöglichkeiten schafft. Das wäre eine Art von Glück der eigenen Zuordnung.

Diese Sicht führt – in unserer Arbeit zumindest – dazu, dass wir uns bei jeder Formgebung unmittelbar das durch sie hervorgerufene Leben und dessen mögliche Fülle vorstellen. Die Sprachfähigkeit der Formen und das, was gesprochen werden wird, bleibt dabei situationsabhängig und interpretativ unendlich.

Verfänglich ist es nun, eigene Bauten zu zeigen. Als ob diese all das Gesagte umsetzen. Das tun sie nicht, aber sie zeigen die Schwerpunkte, die man der eigenen Arbeit gegeben hat.“

Kongeniales Architektenpaar: Karla Kowalski und Michael Szsyszkowitz Foto © Marija Kanizaj
Karla Kowalski war übrigens mit Michael Szyszkowitz, ihrem kongenialen, 2016 allzu früh verstorbenen Mann und Partner, in den 1990ern in die Akademie der Künste in Berlin aufgenommen worden. Das so renommierte wie geschichtsträchtige Haus nächst dem Brandenburger Tor, das u. a. 1200 Künstlerarchive aus allen Sparten von Käthe Kollwitz über Bert Brecht bis zu Christoph Schlingensief beherbergt, verwaltet 4700 Handzeichnungen des Grazer Architektenpaars. 2010 bewiesen Szyszkowitz-Kowalski dort in der Einzelausstellung „Zeichnen zum Ort“ anhand von 20 Objekten in Handskizzen und Modellen vom Studienzentrum der TU Graz über die Kastner & Öhler-Erweiterungen bis zum Greith-Haus, dass Gebäude sensible Dramaturgien des Ortes darstellen und beseelte Wesen sind. Szyszkowitz sprach denn damals bei der Präsentation auch von „Augen“ (Fenstern) und „Brüdern“ (Baublöcken), Kowalski von Häusern als „Psychogrammen ihrer Besitzer“.

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