DIE WUNDERSAME WELT DES LOUIS WAIN
Bewertung: ***

Die Schauspielkarriere von Benedict Cumberbatch ist durchzogen von einer Vielzahl exzentrischer Charaktere. Diesem schrillen Figurenkosmos darf gewiss nun auch die Rolle des Louis Wain hinzugefügt werden. Der britische Künstler, der unter Schizophrenie gelitten haben soll, erlangte für seine eigensinnigen Katzenbilder internationale Bekanntheit. Will Sharpe hat dem ebenso autistisch anmutenden Zeichner ein filmbiografisches Denkmal gesetzt. Durchstreift werden sämtliche Stationen am Lebens- und Leidensweg des gequälten Künstlers: von den Anfängen als Zeitungsillustrator über dessen Ehe mit der Gouvernante Emily (toll: Claire Foy) hin zu seiner Affinität für Katzen. Die Tragikomödie umgeht viele der gewohnten Biopic-Hürden und entzückt mit einer adäquat quirligen Aufmachung, die der außergewöhnlichen Geschichte des Katzenkünstlers weitgehend gerecht wird. Lediglich in einzelnen Momenten wird der Bogen etwas überspannt. Christian Pogatetz

 

LUZIFER
Bewertung: ****

Peter Brunners Filme verstören und berühren. In „Luzifer“, uraufgeführt in Locarno, arbeitet sich der österreichische Filmemacher mit monströser Bildgewalt und wuchtigem Sound an Themen wie Umweltzerstörung und touristische Profitgier ab. Im Fokus stehen eine Mutter (Susanne Jensen) und ihr Kaspar-Hauser-artiger Sohn (Franz Rogowski), die ein einsiedlerisches Leben nach schräg religiösen
Ritualen vor rauer Alpenkulisse führen. Als erste Bäume im Idyll
für ein Skigebiet weichen müssen, zerbricht ihr Konstrukt. „Luzifer“ ist eine beklemmende Kino-Erfahrung mit radikaler Erzählhaltung, famos diabolischen Performances und einer Story über Muttermord, Macht und Ohnmacht. Julia Schafferhofer

 

WET SAND
Bewertung: ***

Nuanciertes Gesellschaftsporträt der Gegenwart Georgiens: Elene Naveriani erzählt in "Wet Sand" von einer scheinbar idyllischen Dorfgemeinschaft an de Schwarzmeerküste, vom „pissdünnen“ Bier in einem Café, Tratschereien, Fortzug und Rückkehr. Der Schein trügt. Unter der Oberfläche schlummern Nationalismus und Homophobie – sie haben einen queeren Mann in den Suizid getrieben. Starke Außenseiter-Studie. (js)

 

WO IN PARIS DIE SONNE AUFGEHT
Bewertung: ****

Nachdem er unlängst mit dem Western ,,The Sisters Brothers" sein Glück in Hollywood versuchte, ist der französische Autorenfilmer Jacques Audiard (u.a: ,,Ein Prophet") für seine neue Regiearbeit wieder in die Heimat zurückgekehrt. Konkret hat es den Regisseur diesmal in die sogenannten ,,Les Olympiades" verschlagen, einer Hochhaussiedlung im 13. Arrondissement von Paris. Inspiriert von einer Reihe Kurzgeschichten widmet sich der Film episodenhaft den Leben mehrerer junger Menschen, deren Schicksale sich noch kreuzen sollten. Eine ziellose Callcenter-Agentin nimmt einen Lehrer als Untermieter auf und fängt mit diesen ein sexuelles Verhältnis an. Zur selben Zeit stößt eine 30-jährige Studentin auf ungewollte Aufmerksamkeit, als sie vermehrt mit einem erfolgreichen Cam Girl verwechselt wird.Sie alle verbindet ein Gefühl von Leere und ein großes Verlangen nach Intimität. Authentisches und mit Feingefühl erzähltes Generationenporträt in stimmiger Schwarz-Weiß-Ästhetik. (pog)

 

THE LOST CITY
Bewertung: ***
Die Brüder Aaron und Adam Nee wandeln in ihrem neuesten Film auf den Spuren von ,,Indiana Jones" und ,,Romancing the Stone". Loretta Sage (Sandra Bullock) ist der Kopf hinter einer romantisch angehauchten Buchreihe, dessen charismatischer Held Dash McMahon sich bei der weiblichen Leserschaft großer Beliebtheit erfreut. Das Äußere des Protagonisten basiert auf dem tumben Cover-Model Alan (treffsicheres komödiantisches Timing: Channing Tatum), mit dem sich Loretta auf eine Promotour begibt. Als die Bestseller-Autorin indes von einem exzentrischen Milliardär (Daniel Radcliffe) entführt wird, werden die abenteuerlichen Prämissen ihrer Romane plötzlich zur Realität. Die in den Büchern dargestellte verlorene Stadt soll tatsächlich existieren und einen wertvollen Schatz beheimaten. Kurzweilige Abenteuerkomödie mit gut aufgelegter Besetzung, die trotz eines gewissen Retro-Charmes an moderne Sehgewohnheiten angepasst wurde. Amüsant-rasantes Popcorn-Kino. (pog)

 

THE NORTHMAN
Bewertung: ***
Kämpfen oder nicht kämpfen, das ist hier nicht die Frage. Zumindest Prinz Amleth (muskulös: Alexander Skarsgård)stellt sie sich in der epischen Rache-Saga „The Northman“ nicht wirklich. Der Wikingerfilm ist eine blutige Ur-Variante des nordischen Hamlet-Mythos für’s große Kino - und Regisseur Robert Eggers lange erwartete dritte Regiearbeit. Während in großen Referenz-Serien wie „Vikings“ oder „Game of Thrones“ durchaus Kämpferinnen und komplexe Frauenrollen Platz hatten, ist „The Northman“ ein anachronistischer Männerfilm. Die ungeschönte, atavistische Gewalt ist dabei ebenso historisch wie inhatlich passend - und weit davon entfernt ein Kommentar zu toxischer Männlichkeit zu sein. Mehr dazu in Marian Wilhelms ausführlicher Kritik zum "Film der Woche".

 

DER BOBO UND DER BAUER
Bewertung: ***
Vor wenigen Jahren veröffentlicht der steirische Bergbauer Christian Bachler auf seiner Facebook-Seite ein Video, in dem er eine flammende Wutrede hält. Der Grund: Florian Klenk, Chefredakteur der linksliberalen Wochenzeitung Falter, verteidigt ein fragliches Urteil, bei dem ein Bauer für vermeintlich fahrlässiges Verhalten verurteilt wurde. Bachler fordert den selbsternannten ,Oberbobo' dazu auf, ein Praktikum auf seinem Bauernhof zu absolvieren. Wider Erwarten nimmt Klenk das Angebot an. Über die Jahre entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen zwei Menschen aus völlig unterschiedlichen Welten. Nach dem gleichnamigen Buch wird das moderne Märchen nun auch filmisch verarbeitet. Mit stichfesten Argumenten macht die Doku auf die missliche Lage der heimischen Landwirtschaft aufmerksam und gibt der bäuerlichen Gesellschaft ein nötiges Sprachrohr. Die selbstdarstellerischen Züge von Protagonist Klenk sorgen zuweilen für einen unangenehmen Beigeschmack. (pog)

 

WHO'S AFRAID OF ALICE MILLER?
Bewertung: ****
Alice Miller war eine der einflussreichsten Erziehungs-Expertinnen überhaupt. In der Nachkriegszeit trat sie vehement gegen die omnipräsente schwarze Pädagogik auf. Ihr Sohn Martin Miller macht sich zusammen mit seiner Cousine nach ihrem Tod auf die Suche nach seiner Famiiengeschichte, um die traumatische Beziehung zu seiner Mutter zu verarbeiten. Auch wenn die Dokumentation einen guten Job macht, diese Entdeckungsreise spannend zu erzählen, ist es nicht zuviel verraten, dass sich Alice Miller keineswegs an ihre eigenen Erziehungsratschläge gehalten hat. Ein familiäres Trauma, das seine Ursprünge in der Shoa hat, setzte sich auch in der friedlichen Nachkriegsschweiz transgenerational fort. Und auch ein Ehemann und gewalttätiger Vater, der ein anderer war, als er vorgab zu sein, spielt eine mysteriöse Rolle in diesem Familiendrama. Das Ergebnis ist eine unprätentiöse und spannende, aber auch aufwühlend-persönliche Dokumentation. (maw)

 

DIE LETZTEN ÖSTERREICHER
Bewertung: ***
„Die letzten Österreicher“ leben ausgerechnet in der West-Ukraine im kleinen Bergdorf Königsfeld/Усть-Чорна im Oblast Transkarpatien nahe Rumänien. Dort hatte sie einst ein Wiener Kaiser als Holzfäller-Abordnung aus dem Salzkammergut hingeschickt, als absolutistische Großreiche noch kein Anachronismus waren. Nach dem Untergang der Habsburger und Sowjet-Imperien - aber noch vor Putins aktuellem brutalen Ukraine-Krieg - liegt die ehemalige Holzarbeiter-Siedlung in einem Dornröschen-Armuts-Schlaf bei dem es wenig Aussicht auf Erwachen gibt und der Austro-Dialekt langsam verschwindet. Diese erzwungene Ruhe und perspektivelose Abwanderungs-Stimmung fängt der Südtiroler Lukas Pitscheider mit etwas unfokussierten aber durchwegs sympathischen Beobachtungen ein. Die besten Momente sind die Unterhaltungen und Gespräche einiger Bewohner vor der Kamera, wenn etwa ein Motorsägen-Mechaniker von der Abholzung erzählt oder ein Herbergsbetreiber von einem Skilift träumt. Und auf der Piste wird es dann wieder österreichisch. (maw)