Mitten ins mediterrane Idyll Ibizas pflanzt Regisseur Günter Schwaiger mit seinem neuen Film „Der Taucher“ (ab 29. November im Kino) eine eindringliche Geschichte über häusliche Gewalt, Demütigung und die Traumata, die darauf folgen. In der Realität eine Geschichte mit hohem Tabuisierungsgehalt. Denn in diesem Film ist der Gewalttäter, verkörpert von Alex Brendemühl, ein wohlsituierter, gebildeter Musiker und Komponist. Und das Opfer ist eine im Alltag selbstbewusste Frau (Franziska Weisz), die im Teufelskreis aus Abhängigkeit und Ausbruch feststeckt, obwohl sie wegen des Missbrauchs Anzeige erstattet hat. Schwaiger dokumentiert, was familiäre Gewalt anrichtet und wie sich diese Erfahrungen in der Psyche der nächsten Generation einnisten.


Julia Franz Richter ist als die Tochter des Opfers zu sehen. Ihr Verhältnis zu ihrer Mutter hat sich umgekehrt, sie übernimmt die Verantwortung für sie und „darf den Mut finden, den die Mutter manchmal noch nicht findet“, sagt sie.

Die 28-Jährige ortete von Beginn an etwas Emanzipatorisches in diesem Drehbuch: „Was ich schon beim Lesen gut gefunden habe: Dass es keine Milieu-Geschichte ist, sondern als Thema existiert, das eben in allen Gesellschaftsschichten auftaucht.“ Und: „Deshalb finde ich es extrem wichtig, dass der Film Bewusstsein schafft.“


Die Zahlen zu Gewalt gegen Frauen in Österreich untermauern neben aktuellen Fällen wie dem Fünffachmord von Kitzbühel die Dringlichkeit der Bewusstseinsbildung. „Die Zahlen sind nicht rückläufig. Im Gegenteil: 2014 gab es 19 Frauenmorde, 2018 waren es 41. Die Zahl hat sich mehr als verdoppelt“, sagt Richter.


In langen, schweigenden Szenen leuchtet Schwaiger („Martas Koffer“) aus, was nach der Gewalt bleibt. „Ich habe mich mit der Juristin Renate Hojas getroffen, die mich über Gewaltprävention und Opferschutz aufgeklärt hat und mir geschildert hat, wie Kinder von Opfern häuslicher Gewalt damit umgehen“, betont Richter. Der Film dokumentiert perspektivenreich, wie schwierig es ist, die Worte zu den Verbrechen zu finden. „Für viele Opfer häuslicher Gewalt ist es ein riesiger Schritt, dieses Thema auch anzusprechen und in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Aber: Wir müssen einfach darüber sprechen.

Berührendes Zusammenspiel: Franziska Weisz und Julia Franz Richter
© (c) Robert Staudinger

Nur wenn wir darüber sprechen, kann sich auch etwas verändern.“ Denn: „Es ist nie gut, etwas totzuschweigen, damit gerät etwas in Vergessenheit.“ Es ist ein Film der Blicke – der sehnsüchtigen, liebenden, verletzten, ängstlichen, erwartungsvollen oder wütenden. "Dass Julia Franz Richter eine Meisterin von Blicken ist, bewies sie schon in Katharina Mücksteins Kinofilm „L’Animale“, wofür das Ensemble 2018 mit dem Diagonale-Schauspielpreis geadelt wurde.
„Im Gegensatz zum Theater schätze ich am Film, dass man da so fein arbeiten kann. Gerade wenn nur das Gesicht zu sehen ist, hat man ja nicht viele Ausdrucksmittel“, sagt Richter. Sie studierte an der Kunstuniversität Graz Schauspiel, wirkte in TV-Produktionen wie „Tatort“, „Unter Verdacht“ oder „Trakehnerblut“ mit und ist seit der Saison 2018/19 Ensemble-Mitglied am Grazer Schauspielhaus. „An der Arbeit dort schätze ich, dass es etwas Familiäres hat.“


Dort verkörpert sie aktuell Newton in „Die Physiker“. Auf der Bühne entfaltet die zierliche Person eine unglaubliche Präsenz und Körperkraft. „Als Kind im Theater hat mich immer fasziniert, wie Literatur plötzlich so lebendig wird.“ Ab 10. Jänner wirkt sie in Thomas Bernhards „Heldenplatz“ mit: „Das ist eine ziemliche Text-Urgewalt, die Sprache hat etwas Brachiales, da muss man sich richtig reinbeißen.“ Prognose: Kein Problem für diese Schauspielerin, ihrer Zukunft blickt sie positiv entgegen: „Ich glaube, die Zeiten sind jetzt besser, um sich von gewissen Rollenbildern und Klischees zu entfernen.“