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Essay am SamstagDer erschütterte Mensch am Beispiel Jedermann

Am 22. August 1920 wurde in Salzburg erstmals Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ aufgeführt. Das „Spiel vom reichen Mann“ tut mittelalterlich und ist doch zu 100 Prozent ein Kind seiner Zeit.

Moissi, Alexander - Schauspieler, Albanien/ Oesterreich/ als 'Jedermann'
Der erste Jedermann in Salzburg war der Darsteller Alexander Moissi. © Picturedesk
 

Die Aufführung in Salzburg schien mir im vorhinein, etwas was so leicht Profanierung werden könnte, dass ich mich fürchtete, und zaudernd den letzten Tag vor der Aufführung erschien.“ Das gestand Hugo von Hofmannsthal im November 1920 in einem Brief an den Schriftsteller Rudolf Pannwitz. Hofmannsthals flaues Gefühl bei der Erstaufführung seines „Jedermann“ auf dem Domplatz war freilich bald verflogen gewesen: Die von Max Reinhardt inszenierte Aufführung hinterließ bei Publikum – und beim Dichter – einen tiefen Eindruck.

Dass das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ 100 Jahre später noch das Zentrum des Salzburger Festspielsommers ist, war damals nicht absehbar, obwohl das Stück schon bei seiner Uraufführung 1911 (im Berliner Zirkus Schumann) seine Lebensfähigkeit zeigte. Der Theaterzauberer Max Reinhardt, der schon die Berliner Premiere
inszeniert hatte, legte jene Parameter fest, die bis heute die Besonderheit der Salzburger Aufführung ausmachen: die katholisch-österreichische Kulisse des Doms, von der das Spiel seinen Sinn erhält und die seinen Reiz entfacht.

Wer sich heute dem nach alten Vorbildern gebauten Text nähert, wundert sich trotzdem über den Langzeiterfolg. Die künstliche Archaik des „Jedermann“, seine klumpigen, bisweilen rhythmisch deformierten Verse, mit denen Hofmannsthal eine Art Pseudo-Mittelalter konstruierte, wirkt ebenso fremd wie der stets erhobene Zeigefinger, die holzgeschnitzte Moral und knöcherne Religiosität des Stücks. Dabei ist das fromme Sprach- und Glaubensgetöse dieses Scheinmittelalters nur der Mantel für ein Stück, in dem Hofmannsthal die Fragen seiner Zeit wälzte.

Jedermann ist nicht nur ein wohlhabender Protz und Prasser, ein hartherziger, gieriger Egoist. Er ist als Reicher ein Privilegierter, aber seine Privilegien sind keinesfalls rein materieller Natur. Er ist zugleich eine Allegorie auf das von Gott losgelöste Individuum, ein Mensch ganz nach der Fasson der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, die solche Loslösung als Befreiung verstand. Jedermann ist ein selbstbestimmter Souverän in einer säkularisierten Welt, in der „ein jeder Mensch in seinem Bereich / Schier einer kleinen Gottheit gleich“, wie er dem Schuldknecht entgegnet, als ihm dieser seinen Materialismus vorhält. Der selbstherrliche Individualist Jedermann zögert nicht, die bürgerliche Ordnung in Stellung zu bringen, wenn es ihm nützt. „Ist alls schon recht, muss nur dafür / Ein Fug und Gesetz auch walten“, wehrt er das Flehen um den Erlass der Schulden ab.

Die „First World Problems“ eines privilegierten, heute würde man „alten, weißen Mannes“ sagen, scheinen in den Jammereien durch, wenn die Bittsteller ihm lästig werden: „,Ein reicher Mann‘ ist schnell gesagt / Doch unsereins ist hart geplagt.“ Den Glauben ersetzt er durch Sinnenreiz. Über die Buhlschaft sagt Jedermann: „Ist recht ein paradiesisch Gut / Was ihre Lieb mir bereiten tut.“

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