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Hommage an die Kunstform OperetteVom Triumph der Liederlichkeit

Frauenfeindlich, reaktionär, bieder: Die Operette ist das Schmuddelkind des Musiktheaters. Schlecht beleumundet und doch enorm beliebt. Eine kritische Hommage an die leichteste der Musen, anlässlich des Starts der Seefestspiele Mörbisch.

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FOTOPROBE VOLKSOPER: „DAS LAND DES LAECHELNS“
Operette aus dem ersten einschlägigen Haus Österreichs: "Das Land des Lächelns", 2008 in der Wiener Volksoper © APA
 

Als im Dezember 2018 Radiostationen in den USA und Kanada den Song "Baby, It’s Cold Outside" aus dem Programm nahmen, weil sein Text sexuell übergriffig sei, war das vielleicht auch nur eine PR-Aktion. Doch es verriet viel über die Auswüchse politischer Korrektheit. Feministinnen, die daran Anstoß nahmen, machen sich ungewollt gemein mit den Moralwärtern der Muslimbruderschaft, die den Song bereits 1948 verdammt hatten.

Man müsste diesen Leuten einmal klassische Operettentexte zeigen. Im "Bettelstudent" von Carl Millöcker entschuldigt Oberst Ollendorf seine Übergriffigkeit mit einem pharisäerhaften "Ich hab’ sie ja nur auf die Schulter geküsst".

In Franz Lehárs "Die lustige Witwe" preist die Titelfigur die Schneidigkeit ihrer Landsleute: "Bei mir daheim ist’s nicht der Brauch, dass Damen man hofiert. Mit Komplimenten wird man auch fast niemals molestiert! Geht einer gar ins Zeug so scharf, so unverschämt wie Sie, dann weiß man wohl, dass er es darf, denn heucheln wird der nie!"
In Lehárs "Paganini" gedenkt der Geigenvirtuose seiner erotischen Erlebnisse mit „Gern hab’ ich die Frau’n geküsst, hab’ nie gefragt, ob es gestattet ist; dachte mir: nimm sie dir! küss sie nur, dazu sind sie ja hier!".

Solcherlei Herzensergießungen sind zwar ebenso antiquiert wie befremdlich, aber selbst wenn man sie unerträglich sexistisch fände, blieben es dennoch Äußerungen von Bühnenfiguren, fiktiven Charakteren, die, im Falle Ollendorfs, vor 137 Jahren erdacht worden sind. Freilich finden in diesen Figuren die überkommenen gesellschaftlichen Werte der Entstehungszeit ihren Ausdruck. Dass solche Formen von Unterdrückung und Bevormundung die Zeiten überdauert haben (und das haben sie zum Teil gewiss), provoziert das Unbehagen an diesen Texten. Es zählt zu den Pflichten heutiger Interpreten, von Regisseuren, Dramaturgen und Darstellern, dieses Unbehagen zwar nicht unbedingt mit dem Zeigefinger hervorzuheben, aber sich der Problematik bewusst zu sein.

Dabei ist der Umstand, dass die Operette heute im besten Fall als nostalgisch und hausbacken gilt, einer der gröberen Irrtümer der Kulturgeschichte. Um das zu verstehen, müssen wir uns an die Wiege der Operette zurückbegeben, ins Paris von Jacques Offenbach. Dessen Werke sind die Antithese zur Biederkeit: Giftige Satiren, deren Partituren der Komponist sozusagen mit Salzsäure verfasste. Es waren durch und durch anzügliche Stücke, deren zynischer Humor schon an Nihilismus grenzt. Diese Offenbachiaden mit ihrem Hang zur geistreichen Zote waren aber gar nicht im heutigen Sinne subversiv, indem sie sich gegen eine Obrigkeit wandten, sie waren eher Bestandsaufnahmen der Laster der Spezies Mensch. Umso höher die Fallhöhe, umso lustiger.

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