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EröffnungFrankfurter Buchmesse: "Diktatoren fürchten das geschriebene Wort"

Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse blickt die Branche auf positive Marktzahlen, sieht sich aber zugleich in einer gesellschaftlichen Verantwortung.

Literaturstar Karl-Ove Knausgard
Literaturstar Karl-Ove Knausgard © APA/AFP/dpa/FRANK RUMPENHORST (FRANK RUMPENHORST)
 

Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse blickt die Branche auf positive Marktzahlen, sieht sich aber zugleich in einer gesellschaftlichen Verantwortung. "Verlagen und Buchhandlungen gelingt es, sich in der wachsenden Medienkonkurrenz zu behaupten", sagte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller, am Dienstag.

"Bis Sonntag sind wir dazu aufgerufen, uns damit zu beschäftigen, welchen Beitrag wir als Kultur- und Medienbranche zu den drängenden Fragen unserer Zeit leisten können", so Riethmüller weiter. Für die ersten neun Monate 2019 verzeichnete der Buchmarkt ein Umsatzplus von 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. 2018 hatte es noch ein Minus von 1,1 Prozent für die ersten drei Quartale gegeben. Besonders erfolgreich war in diesem Jahr das Sachbuch (plus 9,6 Prozent). "Viele Menschen suchen nach Orientierung und verlässlicher Information, um die gesellschaftlichen Entwicklungen besser verstehen zu können", sagte Riethmüller.

Norwegens Kronprinzenpaar Haakon und Mette-Marit
Norwegens Kronprinzenpaar Haakon und Mette-Marit Foto © (c) APA/AFP/dpa/BORIS ROESSLER (BORIS ROESSLER)

Die Messehallen für die weltgrößte Bücherschau mit rund 7.450 Ausstellern aus 104 Ländern öffnen sich am Mittwoch. Zur Eröffnungsfeier am Abend war hoher Besuch aus dem Gastland Norwegen gekommen: Norwegens Kronprinzenpaar Haakon und Mette-Marit war mit einem Sonderzug nach Frankfurt gereist, an Bord knapp 20 Autoren. Bei der Eröffnungsfeier las die Kronprinzessin auf Norwegisch das Gedicht vor, dessen erste Zeile das Motto des diesjährigen Gastland-Auftritts bildet: "Der Traum in uns..." Dieser Traum handle von Teilhabe, erklärte anschließend Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg.

Gastland Norwegen: Buchtipps aus dem Norden

Mittsommer: Jonatan Griff hat einen Job, der unter seiner Würde liegt. Er arbeitet als Alleinunterhalter in einem Hotel in einem norwegischen Kaff, wo sich skurrile Charaktere tummeln, wie zum Beispiel Louise und ihre Katze Bach. Eine zauberhafte Geschichte übers Erwachsenwerden und die schrulligen Menschen am gefühlten Å... der Welt.
Lars Saabye Christensen. Der Alleinunterhalter.
btb, 320 Seiten, 10,30 Euro.

Alva Gehrmann ist eine feinfühlige Beobachterin der skandinavischen Lebensgewohnheiten und kann darüber würdevoll erzählen. Monatelang lebt sie in Breitengraden, die andere zum Erfrieren bringen. Offenbar ist es aber lustig dort, so liest es sich jedenfalls. Ein Buch für alle, die nicht auf das klassische A bis Z eines unterhaltsamen Landes wie Norwegen stehen. 
Alva Gehrmann. I Did It Norway.
DVA, 303 Seiten, 17,40 Euro.

Lydia Davis bewundert seine stilistische Bravour ebenso wie Haruki Murakami oder Peter Handke. In der Tat: Wer einmal einen Roman von Dag Solstad gelesen hat, muss mit hoher Suchtgefahr rechnen. Dies gilt vor allem für „T. Singer“, wie stets bei Solstad ein Außenseiter, der in einer Provinzstadt eine Stelle als Bibliothekar annimmt. Singer laboriert an einem massiven psychischen Problem – er wird, stets ohne Vorankündigung, von massiven Schamgefühlen befallen. Dies mündet in absurdeste Selbstbeobachtungen und Komplexe, aber auch in aberwitzige Situationskomik, die ebenso fassungslos macht wie die soghafte Sprache Solstads.
Dag Solstad. T. Singer.
Dörlemann, 280 Seiten, 22,60 Euro.

Ein Figurenkabinett, bestehend aus 15 Personen, ein genialer Autor, der seine Leserschaft gerne mit dem Du-Wort anspricht, eine vielschichtige, verblüffende Weltbetrachtung, bei der Samuel Beckett immer wieder um die Ecke schaut: Tor Ulven glückte mit seinem Roman „Ablösung“ ein poetisch-philosophisches Puzzlespiel, dessen Teile sich erst allmählich zusammenfügen zu einem wunderbaren Wortgemälde. Tief eintauchen kann man in all die Figuren, ob jung oder alt, geführt von einem Dichter, der magisch von Trauer, Verlusten und Sehnsüchten erzählt.
Tor Ulven. Ablösung.
Droschl, 144 Seiten, 20 Euro.

Eine fesselnde Liebeserklärung an das Meer und die Geschichte einer besonderen Freundschaft hat Morten A. Strøksnes mit dieser Geschichte geliefert. Der beste Beweis dafür ist, dass sogar die ansonsten emotional so unterkühlten Norweger hingerissen waren. Journalist Strøksnes begibt sich mit seinem Künstler-Freund und Derrick-Fan Hugo Aasjord im unberechenbaren Vestfjord auf die Suche nach einem Eishai. Einem uralten, seltenen und vor allem überaus hässlichem Wesen, das in unglaublichen Tiefen zu Hause ist. Dieses Buch ist der beste Beweis dafür, dass das Leben noch immer die besten Geschichten schreibt.
Morten A. Strøksnes. Das Buch vom Meer.
DVA, 363 S., 20,60 Euro.

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Der antisemitische Anschlag von Halle, Globalisierung und Digitalisierung, Klimakrise, Migration oder autoritäre Regime - in den Eröffnungsreden wurden zahlreiche Themen angerissen, die unsere Gesellschaft und unsere Werte bedrohen. Und in allen wurde die Kraft der Literatur beschworen. Am besten brachte es die norwegische Reiseschriftstellerin Erika Fatland auf den Punkt: "Diktatoren fürchten das geschriebene Wort." Der mit Spannung erwartete Literaturstar Karl-Ove Knausgard beschwor "eines der wichtigsten Merkmale der Literatur: ihre Langsamkeit".

Foto © (c) APA/AFP/DANIEL ROLAND (DANIEL ROLAND)

"In einer Welt, die nach schnellen, einfachen Antworten lechzt, hilft die langsame Kraft der Literatur, uns vor autoritären Reflexen, vor Abschottung, vor allzu einfachen Antworten zu schützen", sagte Deutschlands Außenminister Heiko Maas (SPD). Lesen zwinge zur Anteilnahme, erfordere andere Haltungen gelten lassen, Vieldeutigkeit zuzulassen. "So paradox es klingen mag: Lesend verlassen wir die Blase."

Buchmessendirektor Juergen Boos erinnerte daran, dass das Verlagswesen für eine Vielfalt von Perspektiven und Meinungen stehe, die geschützt werden müsse. "Wir brauchen Autoren, die Missstände aufdecken und dafür hohe Risiken in Kauf nehmen", sagte er. Mit Sorge blickt die Buchbranche auf Autoren, die in ihrem Land Repressalien fürchten müssen. "Wir sind als Menschen an einem Punkt angelangt, wo unser Haus an so vielen Ecken brennt, dass wir uns fragen müssen, ob unsere bisherigen Strategien zur Bewältigung überhaupt wirksam sind."

Zur Pressekonferenz am Nachmittag war auch die frischernannte Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk gekommen. Sie sei "nicht besonders glücklich" über den Sieg der Nationalkonservativen bei der Parlamentswahl in Polen am Sonntag. Eine zweite Legislaturperiode mit absoluter Mehrheit für die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) sehe sie als bedrohlich für Theater und Museen, die häufig in staatlicher Hand seien. Eine Zensur für Schriftsteller gebe es nicht in Polen, erklärte die 57-Jährige. Allerdings beobachte sie einen Hang zur Selbstzensur bei einigen Kollegen, die mit schwierigen Themen nicht anecken wollten. "Ich hoffe, dass das nicht weiter fortschreitet."

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