In der deutschsprachigen Fernsehunterhaltung verkörperte sie den Prototyp der starken Frau, die beherrschte Heldin in allen Widrigkeiten des Schicksals, die kühle Patrizierin mit dem straffen Haarturm – und wurde damit zu einem der größten Publikumslieblinge, die dieses Land hervorgebracht hat.

Christiane Hörbiger war die vielgeprüfte Matriarchin Christine in der ZDF-Serie „Das Erbe der Guldenburgs“, die patente Retzer Bezirksrichterin Julia Laubach in der ARD-ORF-Koproduktion „Julia – Eine ungewöhnliche Frau“ und die schlagfertige Landärztin Anna Louise in der Komödienreihe „Zwei Ärzte sind einer zuviel“. Ab Mitte der Achtziger Jahre war sie Erfolgsgarantin für Fernsehformate, die nach selbstbewussten, durchsetzungskräftigen Protagonistinnen verlangten, Identifikationsfigur für ein Publikum, das Weiblichkeit nicht mit Hilfsbedürftigkeit gleichsetzte, Charme nicht mit Fügsamkeit, Attraktivität nicht mit Jugend.

Auf das leicht madamige Image ihrer resoluten Serienrollen ließ sie sich aber nie festnageln: Sie überzeugte als rachsüchtige Claire Zachanassian in Nikolaus Leytners TV-Adaption des Dürrenmatt Dramas „Der Besuch der alten Dame“ (2008) ebenso wie im Psychodrama „Meine Schwester“ (2011), das sie unter der Regie ihre Sohns Sascha Bigler gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Maresa Hörbiger drehte. Bigler führte 2018 auch bei einer ihrer letzten Arbeiten Regie, dem Krimi „Die Muse des Mörders“.

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Darüber hinaus war die Vielbeschäftigte auch im deutschsprachigen Kino oft eine Wucht – und alsbald eine Ikone: blutjung reüssierte sie als Mary Vetsera in „Kronprinz Rudolfs letzte Liebe (1956), gab in „Herr Ober!“ 1991 die standesbewusste Hotelbesitzerin und Ehefrau von Gerhard Polt und im Jahr darauf die durchgeknallte Göring-Nichte Freya von Hepp in Helmut Dietls Schtonk!“. 2001 besetzte sie Paul Harather als mörderische Femme fatale in seinem Film „Die Gottesanbeterin“ (2001).

"Ich möchte leben"

Vor vier Jahren wurde sie 80. Damals gab die Grande Dame der deutschsprachigen Film- und Fernsehlandschaft bekannt, dass sie beruflich leiser treten wolle.  Nach dem Tod ihres langjährigen Gefährten Gerhard Tötschinger 2016 lebte sie mit ihren beiden Möpsen Vicco und Loriot zurückgezogener, aber lebensfroh in Wien und St. Gilgen am Wolfgangsee: „Ich möchte leben“, antwortete sie damals der Kleinen Zeitung auf die Frage, was sie denn, nach mehr als sechs Jahrzehnten in der Manege, jenseits der Schauspielerei noch vorhabe.

Auf die Bühne wurde sie praktisch geboren. Christiane, die 1938 zwei Jahre nach der heutigen Burg-Doyenne Elisabeth Orth in Wien zur Welt kam, war die zweite Tochter des Schauspielerpaars Attila Hörbiger und Paula Wessely, Nichte von Paul Hörbiger. Angehörige einer urösterreichischen Schauspieldynastie also, zu deren nächster Generation nun Mavie Hörbiger, Cornelius Obonya, Christian Tramitz zählen.

Erstaunlicherweise war ihr das Spielen aber offenbar nicht in die Wiege gelegt; als Halbwüchsige erlernte die das Zuckerbäckerhandwerk: Ihre Eltern hatten ihr eine Konditorei gekauft. Und vielleicht wünschte sie sich zurück in die warme Backstube, als sie 1959 am Burgtheater ihr Bühnendebüt als Recha in Lessings „Nathan der Weise“ gab: Die Kritiken über die 21-Jährige fielen eisig aus. Aufgehalten haben sie die vernichtenden Verrisse letztlich nicht: Hörbiger, die für „Kronprinz Rudolf“  das Reinhardt Seminar abgebrochen hatte, ging nach Deutschland, um dort, unbehelligt von Vergleichen mit Eltern und Schwestern, Karriere zu machen.

Mit Götz George
Mit Götz George
© (c) APA/dpa/Horst Ossinger (Horst Ossinger)

In Heidelberg, in Zürich, in München, aber auch in Salzburg und an der Burg spielte sie große Frauenrollen: Schiller, Shakespeare, Tschechow, Hofmannsthal, Nestroy. Von 1969 bis 1972 war sie die Buhlschaft im Salzburger „Jedermann“ an der Seite von Ernst Schröder. Erst in den 1980er-Jahren wurde sie dann auch vom Fernsehen entdeckt – und aus der renommierten Theaterschauspielerin endlich „die Hörbiger“, ein urösterreichischer Star überösterreichischen Zuschnitts, jahrzehntelang verehrt, nun umso schmerzlicher vermisst.

Die Kammerschauspielerin

Hörbiger war in erster Ehe mit dem Regisseur Wolfgang Glück verheiratet. Ihr zweiter Mann und Vater ihres Sohnes Sascha, der Schweizer Journalist Rolf R. Bigler, starb 1978. Einen neuen Lebensgefährten fand die Schauspielerin im Wiener Regisseur und Autor Gerhard Tötschinger, der 2016 verstarb.

Mit ihrem Partner Gerhard Tötschinger, der 2016 verstarb
Mit ihrem Partner Gerhard Tötschinger, der 2016 verstarb
© (c) Starpix/ Alexander TUMA,

Sie erhielt zahlreiche Preise, darunter den Bayerischen Fernsehpreis für ihr Lebenswerk, den Adolf-Grimme-Preis, den Karl-Valentin-Orden und den Ernst-Lubitsch-Preis sowie den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie "Beste Schauspielerin Serie" für ihre Rolle der "Julia". 2004 wurde sie zur Kammerschauspielerin ernannt, 2009 folgte die Wiener Ehrenmedaille in Gold sowie im selben Jahr die Platin-"Romy" für ihr Lebenswerk.

Mit ihren Schwestern Maresa Hörbiger (links) und Elisabeth Orth
Mit ihren Schwestern Maresa Hörbiger (links) und Elisabeth Orth
© Starpix Tuma

Hörbiger war Unicef-Botschafterin und engagierte sich für die Krebshilfe. 2019 machte sie mit einem Video Schlagzeilen, in dem sie für Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) Partei ergriff. In den Jahren davor hatte die Schauspielerin SPÖ-Politiker bei Wahlen unterstützt.