Ihre Schwester wollte, dass Max Frisch die Briefe vernichtet, damit sie nicht von der Nachwelt gelesen werden können. Nun werden sie mit der Erlaubnis von Ihnen und Ihrer Schwester Isolde Moser doch veröffentlicht. Was hat Sie dazu bewogen, Ihr Einverständnis zu geben? 
Wenn man sich einmal entschieden hat, solche Dokumente aufzuheben, dann kommt ein Zeitpunkt, wo alles ohnehin öffentlich wird. 70 Jahre nach dem Tod des Autors entfallen auch die Autorenrechte. Dann kann jeder daraus zitieren oder diese veröffentlichen. Man kann also eigentlich dies nicht mehr verhindern. Wenn man das nicht möchte, liegt das Problem auch darin, dass beide Seiten übereinkommen müssten, die Briefe zu vernichten. Aber wer macht so etwas? Ich meine das ganz allgemein und trifft für jede Korrespondenz zu. Das kann eigentlich nur der Empfänger machen, wie es im Fall Hans Weigel meine Schwester gemacht hat. Wenn also ein Briefwechsel erhalten bleibt, dann ist es wichtig, dass man diesen im Einvernehmen veröffentlicht, vorausgesetzt, dass dieser für die Leserschaft von Interesse ist. Die Herausgeber haben eine große Verantwortung, eine einfühlsame Edition zu schaffen, und das ist hier wohl gelungen.

Wie wichtig sind die Briefe, um die Literatur Ihrer Schwester (neu) zu verstehen? 
Man kann davon ausgehen, dass interessante Aspekte der Briefe sich im Werk widerspiegeln. Manche der "Spätwerke", wenn man diese so bezeichnen will, können durchaus aus dieser Perspektive interpretiert werden. Ingeborg war immer die Möglichkeit eines Neuanfangs, eine Utopie, wichtig. Und das war wohl auch der Grund dieses Zusammengehens mit Frisch. Das musste daher wohl scheitern.

Was hat Sie selbst an den Briefen am meisten fasziniert bzw. was traurig gemacht?
Wie Leidenschaft und Ehrgeiz eine Beziehung zum Scheitern bringen, ist tragisch und tut weh. 

Welche Erinnerungen haben Sie ganz persönlich an die Beziehung der beiden?
Einen größeren Kontrast konnte es nicht geben, meine Schwester war immer der Mittelpunkt in Gesprächen, fröhlich und von ihr ging ein Strahlen aus, etwas, das ich mir bei Frisch schwer vorstellen konnte. Er kam mir belehrend vor, gut, ich war auch sehr jung damals. Aber er war sicherlich nicht der strahlende Mittelpunkt einer Gesellschaft.

Max Frisch war mit Ingeborg Bachmann ja auch in Klagenfurt. Wie war das damals?
Ja, die beiden waren von den Eltern zum Essen eingeladen und unser Vater hielt eine sehr schöne Willkommensrede. Sie müssen im Hotel Musil übernachtet haben, denn im Haus war ja kein Platz. Frisch schenkte später dem Vater und unserer Mutter zwei seiner Bücher 1959 und 1961. Ich kann mich aber an keinen näheren Kontakt der Eltern mit Frisch erinnern, mit Ausnahme eines Besuches in Rom.

Es gibt auch einen Brief von Frisch an Ihren Vater ... 
Das ist auch meines Wissens der einzige Brief und eine Antwort auf den besorgten Brief unseres Vaters nach dem Bruch der Beziehung. Die regelmäßigen Briefe unserer Schwester blieben aus, und wir waren alle darüber sehr beunruhigt. Vater wollte wissen, was da geschehen war.