Herr Helfer, was haben denn Ihre Eltern Sie gelehrt?
LORENZ HELFER: Ich spreche einmal über die Kunst. Gelehrt haben, klingt so, als ob man mir bewusst etwas beigebracht hat. So habe ich das nicht empfunden. Es ist der Zugang zur Kunst, den ich von meinen Eltern mitbekommen habe. Vor allem, dass man der Kunst das Pathos nimmt, dass Pathos in der Kunst überhaupt keine Rolle spielt. Das ist etwas Entscheidendes, das ich von ihnen gelernt habe: Künstler zu sein ist ein völlig normaler Beruf. Und nicht etwas, wobei man stets darauf wartet, von der Muse geküsst zu werden. Kunst ist in erster Linie viel Arbeit. Die Kunst war immer da.

Welche prägende Erinnerung dazu drängt sich Ihnen sofort auf?
LORENZ HELFER: Ich erinnere mich an einen Besuch einer Beuys-Ausstellung in Zürich. Ich war damals noch sehr klein und habe nach etwas gesucht, das mir gefällt. Irgendwann springe ich zu ihnen und sage: „Jetzt habe ich es gefunden!“ Es war dieses Gerät, das die Erschütterungen misst, die im Museum entstehen (lacht).

Ich würde die Einstiegsfrage gerne an Sie beide weitergeben: Was hat Ihr Sohn Sie gelehrt?
MONIKA HELFER: Man merkt bei den Kindern, wo ihre Stärken liegen. Lorenz war schon als kleiner Bub ein Kritzler und Zeichner. Es hat ihn alles interessiert, er war sehr kreativ. Uns hat immer imponiert, wie selbstbewusst er in Bezug auf seine Kunst war. Er war kein ängstliches Kind, er hat zum Beispiel Hut getragen, wenn er in die Schule gegangen ist. Er hat gefunden, das passt zu ihm. Er hat es nicht gemacht, um aufzufallen. Es hat ihm einfach gefallen. Was sagst du?
MICHAEL KÖHLMEIER: Er lehrt mich immer noch: das Material zu schätzen. Dass im Holz, im Stein, in der Leinwand, in der Farbe schon Kunst enthalten ist. Das Material ist mehr als ein Hilfsmittel.

„Dr. Melchiors lustige Tiere“ ist ein gemeinsames Buchprojekt von Vater und Sohn. Wie ist es entstanden?
MICHAEL KÖHLMEIER: Die Texte waren ein Weihnachtsgeschenk an Lorenz. Irgendwann einmal sind wir draufgekommen, dass wir eigentlich alles haben, was wir wollen. Er hat uns auch immer Bilder geschenkt. Also habe ich ihm Gedichte geschenkt, die ich auf Flughäfen oder im Zug geschrieben habe.

Wie haben Sie das gemeinsame Arbeiten erlebt?
MICHAEL KÖHLMEIER: Es war mehr ein gegenseitiges Überraschen als ein gemeinsames Arbeiten. Wir machten das ja hintereinander.

"Dr. Melchiors lustige Tiere." 100 Gedichte über Saurier, Stubenfliegen, Mammuts, Filzläuse & Co. Von Michael Köhlmeier, illustriert von Lorenz Helfer. Leykam Verlag, 120 Seiten, 20 Euro.
© KK

Werden Sie gemeinsame Projekte im Familienbund künftig forcieren?
MONIKA HELFER: Solche Dinge ergeben sich. Manchmal bietet sich eine Szene an. Dann fragen wir uns: Sollen wir den Lorenz fragen? Er will seine Sachen machen, unabhängig von uns. Er hat mir einmal ein wunderschönes Cover gemacht. Ich war ganz glücklich.
MICHAEL KÖHLMEIER: Das war „Die Welt der Unordnung“. Es gibt ein altes Foto von Lorenz und Paula, von hinten, auf der Straße und sie schauen her. Das war die Vorlage dafür (Anm. Paula Köhlmeier verunglückte 2003 bei einem Wanderunfall tödlich).
MONIKA HELFER: Das ist ein zauberhaftes Bild.
LORENZ HELFER: Es hat eine gewisse Zeit gedauert, bis ich es überhaupt wollte. Im Studium wurde ich ständig auf meine Eltern angesprochen. Dann bist du nicht du, sondern das Kind von jemandem. Ich wollte mich abgrenzen und nicht der Künstler sein, der die Bücher seiner Eltern illustriert. Ich habe mich auch immer dagegen gesträubt, dass mir meine Eltern helfen. Darum sollten die gemeinsamen Projekte auch im Rahmen bleiben.
MONIKA HELFER: Er hat während des Studiums meinen Namen angenommen. Damals hat mich noch kaum jemand gekannt. Er wollte nicht der Sohn vom Köhlmeier sein, der deswegen gefeaturt wird. Das wäre ihm unangenehm gewesen.
LORENZ HELFER: Der zweite Grund ist Richard Helfer, der Bruder meiner Mutter, von dem ihr Roman „Löwenherz“ handelt. Richard hat gemalt und ist in unserer Familiengeschichte der Maler. Mir hat der Gedanke gefallen, „Helfer, der Jüngere“ zu sein. Denn es gibt in meiner Familie nicht nur eine Tradition der Schriftstellerei, sondern auch eine Tradition der Bildenden Kunst. An das wollte ich anknüpfen.
MONIKA HELFER: Lorenz und mein Bruder haben auch viel gemeinsam: den Humor und dieses Eigenbrötlerische, das Für-sich-Sein, während er etwas ausbrütet. Das gefällt mir. Er denkt sich eine Sache aus, führt sie fort und bringt sie zu Ende. Das hat er von meinem Bruder. Er war so besessen von der Malerei wie Lorenz. Richard war aber sicher leichtfertiger.
LORENZ HELFER: Ich habe ihn nicht wirklich kennengelernt. Als er gestorben ist, war ich vier Jahre alt. In meinem Zimmer hingen allerdings immer schon Bilder von ihm. Irgendwann möchte ich eine Ausstellung machen und zu Bildern von ihm selbst Arbeiten produzieren.

Erkennen Sie sich auch in Ihren Eltern wieder?
LORENZ HELFER: Man erkennt immer die Eltern im eigenen Verhalten. Ich habe auch das Gefühl, dass ich, je älter ich werde, meinem Vater immer ähnlicher werde.

Für Ihre Kunst: Wie wichtig ist es, dass man den Wert von Familie kennt?
LORENZ HELFER: Das ist wichtig fürs Leben, aber spielt in der Kunst keine Rolle.
MICHAEL KÖHLMEIER: Die Frage ist insofern schwierig, weil sonst müsste ich mir einen anderen Beruf und eine andere Familie vorstellen. Das könnte ich, aber dann ist es eine Figur aus einer Geschichte. Keith Richards ist einmal gefragt worden, ob er sich je überlegt hat, etwas anderes zu werden als Gitarrist. Und er hat geantwortet: „Gibt es andere Berufe auch noch?“ Und ich finde, das ist nur ein halber Witz. Ich weiß natürlich, dass es auch noch andere Berufe gibt, aber ich hätte zu keinem anderen getaugt. Oder es hätte mir nicht getaugt. Das Wort „Taugen“ ist, zumindest bei uns im Dialekt, sehr gut. „Das taugt mir nicht“ heißt, das gefällt mir nicht. Es heißt aber auch, ich tauge nicht dazu. Es sagt beides aus und das gilt wohl für uns alle. Oliver, unser Ältester, ist Naturwissenschaftler, ein Arachnologe, ein Spinnenforscher. Er hat seine Dissertation über das Nervensystem einer bestimmten Spinnenart geschrieben, und dafür hat es auf der Welt zwei Jobs gegeben, beide an der Uni in Halifax. Und Undine hat einen künstlerischen Beruf, sie ist gelernte Schreinerin.
MONIKA HELFER: Sie ist auch zeichnerisch sehr begabt.
MICHAEL KÖHLMEIER: Oliver schlägt aus der Art. Er ist das schwarze Schaf der Familie, aus ihm ist etwas Ordentliches geworden. Nein. (lacht) Ich wiederhole das, was Lorenz eingangs gesagt hat: Die Kunst ist mit keinem Heiligenschein versehen. Das ist eigentlich auch in unserer Nachbarschaft immer schön akzeptiert worden. Nach meinem ersten Buch hat unsere Nachbarin gesagt: „Du hast ein Buch geschrieben! Und was machst du jetzt?“ Ich antwortete: „Ich schreibe noch eines.“ Und sie sagte: „Noch eines?“
LORENZ HELFER: Es ist mir aber auch von meinen Eltern weitergegeben worden, dass es egal ist, was andere Leute denken.

Und welchen Wert hat die Familie für Ihr Leben?
LORENZ HELFER: Es ist ein Rückhalt.
MONIKA HELFER: Für mich ist die Familie das Wichtigste. Sie steht an oberster Stelle. Gerade mit unserem Schicksal, dass wir Paula verloren haben. Man wünscht sich, dass es allen gut geht. Das hat Priorität. Man denkt oft an sie alle.
MICHAEL KÖHLMEIER: Und man telefoniert auch oft mit ihnen. Wir betreiben intensive Brutpflege.
MONIKA HELFER: Und wir sind ja auch schon Urgroßeltern. Unsere Tochter hat drei Kinder, und eines, die Sophie, hat immer gesagt, sie will sicher nie Kinder. Jetzt hat sie ein Baby bekommen: einen Buben. Es ist einfach schön, dass es nicht aufhört.
MICHAEL KÖHLMEIER: Die Familie macht uns und jeden Einzelnen in der Familie zu Geiseln in der Welt.

Wie meinen Sie das?
MICHAEL KÖHLMEIER: Damit meine ich, dass halt immer auch eine Sorge da ist. Die Familie ist der wunde Punkt. Dort, wo man verletzt, erpresst, verwundet oder gar zerstört werden könnte.

Welche großen Konfliktlinien gab es im Lauf der Jahrzehnte in Ihrer Familie?
MONIKA HELFER: Es gibt immer Konflikte in jeder Familie. Eine konfliktfreie Familie existiert nicht. Aber wir haben es immer geschafft, dass wir es irgendwie weg- oder ausdiskutieren. Oder einfach verdrängen. Wie auch in jeder Familie verdrängt wird. Bei uns läuft es jedoch darauf hinaus, dass es wieder gut wird.
MICHAEL KÖHLMEIER: Es gibt auch Familien, wir haben solche kennengelernt, die an dem Tod ihres Kindes zerbrechen. Und es ist nicht von vorneherein ausgemacht, dass das nicht geschieht. Aber es war natürlich schwierig, es hat alles verändert.