Netflix-Kritik"The Billion Dollar Code": Zwei Berliner erfinden den Globus neu

Das Silicon Valley Ostberlins: Die Netflix-Serie "The Billion Dollar Code" zeigt der Naivität die Grenzen auf und setzt auf PC-Nostalgie.

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Die Nerds Carsten (Leonard Schleicher) und Juri (Marius Ahrendt) nehmen es mit Google auf. © Netflix
 

"Pac-Man-Scheiße. Das ist keine Kunst, das ist ein Systemabsturz." Die Divergenz von Selbst- und Fremdwahrnehmung muss der Kunststudent Carsten (Leonard Schleicher) auf die harte Tour lernen. Nicht zum letzten Mal ist er seiner Zeit voraus und seine digitale Kunst im Berlin der frühen 90er so wenig angesehen, wie ein Floh im Hundefell. Kurz, damit ist kein Blumentopf zu gewinnen. Die Fluchtperspektive alternativer Realitäten im virtuellen Raum, sie wird in "The Billion Dollar Code" noch notorisch unterschätzt.

Die deutsche Netflix-Serie handelt von Medaillen mit zwei Seiten. Die einen haben eine Idee, die anderen eine Geschäftsidee. Die einen sind naiv, die anderen berechnend. Die einen schaffen mit "Terravision" eine Möglichkeit, per Mausklick um die Welt zu reisen und glauben, das sei Kunst. Die anderen machen daraus Google Maps und verändern damit zugunsten des eigenen Kontostands die Art des Zugriffs auf unseren Heimatplaneten.

Das Genie der zumindest halbwahren Geschichte ist der soziopathische Programmierer Juri (Marius Ahrendt), dem das Kunststück gelingt, den Globus zu digitalisieren. Als Mitglied des Chaos Computer Clubs bekommt er ausgerechnet von der ganz und gar nicht chaotischen Deutschen Telekom eine Million Mark zur Finanzierung. In einer Zeit, in der Heimcomputer noch Ausnahme sind, ist er der Visionär, auch wenn einige Erkenntnisse heute den Wert von Plattitüden haben: "Wer die Macht über die Daten hat, hat die Macht über die Welt".

Jahrzehnte später sind einige der mächtigsten Menschen Nerds. Bill Gates, Steve Jobs, Mark Zuckerberg sowieso. Auf dieser Zeitebene der Gegenwart kämpfen die Hauptfiguren – nun gespielt von Mark Waschke und Misel Maticevic – gegen Google um ihr Recht. Ihr Recht worauf? Entschädigung, Wertschätzung oder bloß die Rückkehr der Leichtigkeit einer naiven Jugend? Letztere ging irgendwo zwischen Desillusionierung und Älterwerden verloren. Das räudig-freie Ostberlin der frühen 90er ist bloß noch eine Erinnerung an eine Zeit, in der die Zukunft noch hoffnungsfrohe Visionäre anzog.

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