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Freiräume-Konferenz 2020Wie könnte eine neue Arbeitswelt aussehen?

Wie wichtig ist Selbstorganisation? Wie kann man Teams am besten führen? Wie werden wir in Zukunft lernen? Diese Fragen stehen im Zentrum der "Freiräume-Konferenz 2020".

© (c) Polonio Video - stock.adobe.com (F.lli Sgura)
 

Herr Karlinger, Sie und Ihre Kollegin Manuela Grundner veranstalten seit 2016 die Freiräume-Konferenz, die sich mit neuen Arbeitsformen auseinandersetzt. Man kann sich vorstellen, dass dieses Jahr besonders spannend ist. Wie bauen Sie die aktuellen Geschehnisse ein?

GREGOR KARLINGER: Es ist eigentlich genau die richtige Zeit, um diese Themen miteinander zu besprechen und in den Dialog zu gehen. Die Pandemie führt uns die Themen, die auch für die Freiräume sehr wichtig sind, vor Augen. Wie zum Beispiel Arbeit in Zukunft aussehen wird oder Selbstorganisation stärker und besser ermöglicht wird. Das ist ja auch einer unserer Schwerpunkte mit dem diesjährigen Motto „Lust auf Verantwortung“. Das Motto spielt auch ein bisschen mit den Begriffen, weil man Verantwortung ja immer aus beiden Perspektiven sehen kann. Wenn ich Führungskraft bin, kann ich sagen: Hat jemand Lust auf Verantwortung? Wenn man es sich aber aus der Perspektive des Mitarbeiters vorstellt, könnte man ein Rufzeichen hinten dran stellen: Lust auf Verantwortung! Aber als Mitarbeiter kann es nicht umsetzen, weil ich engmaschig kontrolliert werde oder ganz detaillierte Vorgaben bekomme. Wie soll man da Lust bekommen, auch aktiv mitzugestalten?

Zu den Personen

Gregor Karlinger ist ausgebildeter Software-Entwickler und erkannte im Laufe seiner beruflichen Entwicklung, dass ihm das Arbeiten mit Menschen mehr Freude bereitet als jenes mit Maschinen und Algorithmen. Heute begleitet er Organisationen, Teams und Einzelpersonen in die Welt des agilen Arbeitens und begreift sich dabei als Gastgeber für Räume, in denen sich Menschen und Organisationen weiterentwickeln können.

Manuela Grundner hat im Tourismus gestartet und ist über einen Umweg im Kulturbereich in die Organisationsentwicklung gestolpert. Heute ist sie Raumschafferin und Konfliktreglerin. Ihr Fokus liegt darauf den Raum zu öffnen, um gemeinsam, wirksame Veränderung zu gestalten.

Ducken sich beim Thema Verantwortung nicht auch viele weg, weil sie denken: Bitte nicht noch mehr zu tun, bitte nicht um noch mehr Dinge kümmern?   

Ich denke, dass viele Mitarbeiter in Organisationen verlernt haben oder besser gesagt, es ist ihnen abtrainiert wurde, Verantwortung zu übernehmen. In unserem industriellen Paradigma gibt es immer jemanden, der mir sagt, was ich zu tun habe. Mit dieser Haltung gehen wird durch Schule und Universität, kommen in den Unternehmen an und da ist es typischerweise auch nicht anders. Viele suchen sich dann ihre Herausforderungen woanders, in der Freizeit, in einem Verein, in der Familie.

Die Freiräume-Konferenz

Die Freiräume-Konferenz geht von 10. bis 11. November über die Bühne. Dieses Jahr finder sie virtuell statt - "mit viel Nähe im virtuellen Raum". Mit dabei sind 30 Pioniere, die Arbeit neu denken.

Keynotes kommen von Wolf Lotter, Autor und Mitbegründer des Magazins brand eins und Christoph Schmitt, Autor des Buchs "Digitalisierung für Nachzügler".

Informationen und Tickets gibt es unter:
freiraeume.community

Ein Fokus liegt heuer auch auf der Selbstorganisation. Was verstehen Sie unter dem Begriff? Viele denken sich, ich bin ja eh organisiert, ich steh früh auf, bin pünktlich bei der Arbeit, erledige all meine Aufgaben …

Selbstorganisation umfasst mehrere Aspekte. Einer davon ist Selbstführung. Man kann sie auf die Einzelperson übertragen, man muss also in der Lage sein, sich selbst zu führen. Zum Beispiel: Sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren, mit anderen in Kommunikation zu gehen. Das sind Dinge, die vielen von uns schwerfallen.

Selbstführung in Teams: Wir kommen im Zeitalter der Wissensgesellschaft immer mehr drauf, dass man sehr wenig alleine schafft. Ich brauche die Zusammenarbeit mit anderen Menschen. In Unternehmen oder Gesellschaften kann man vieles nur noch im Zusammenspiel mit anderen tun. Hier stellt sich schließlich die Frage, wie sich so eine Gruppe von Menschen organisiert. Da gibt es die Pyramide mit einem Leiter als Kopf, der entscheidet. Das ist das klassische. Selbstführung eines Teams geht nun einen anderen Weg. Die Teammitglieder müssen wechselseitig Mechanismen finden wie sie sich wechselseitig selbst führen. Führung ist also nicht mehr einer Person zugeordnet, sondern je nach Situation unterschiedlichen Personen. Kommunikation spielt hier natürlich eine überaus wichtige Rolle, auch sie haben wir in Organisationen oftmals verlernt.

Homeoffice ist vielen im März übergestülpt worden und nun sitzen auch wieder sehr viele bei der Arbeit Zuhause. Als was werden wir es rückblickend betrachten? Notlösung? Zwischenlösung? Lösung für viele Probleme?

Homeoffice-Aspekte werden immer selbstverständlicher werden, durch die Pandemie und die Erfahrungen, die viele gemacht haben. Aber es wird nie so sein, dass man eine rein virtuelle Organisation schaffen kann und wir uns nur virtuell in Kommunikation begeben. Wir Menschen sind soziale Wesen, die Beziehungen brauchen. Und Beziehung funktioniert nur, wenn man sich von Zeit zu Zeit ganz persönlich, sehen und erleben kann. Es wird beides brauchen.

Aber wie könnte die Zukunft nun aussehen?

Meine Vision wäre, dass unsere Büros in Zukunft nur noch aus Meetingräumen bestehen. Und das in ganz unterschiedlichen Konstellationen. In der Wissensarbeit könnte man zum Beispiel an zwei Tagen in der Woche zusammenkommen und intensiv zusammenarbeiten und die restlichen Tage im Homeoffice verbringen. Das wäre ein schönes Pulsieren zwischen diesen beiden Welten.

Der Untertitel der heurigen Konferenz lautet: Mit viel Nähe im digitalen Raum. Wie wollen Sie das schaffen?

Wir versuchen soziale Elemente in die digitalen Formate zu weben. Einerseits versuchen wir sehr stark in Kleingruppen zu gehen, weil wir bisher erlebt haben, dass zwar die anfeuernde Keynote der Impuls ist, es daraufhin aber auch gemeinsame Verarbeitung braucht. Zweitens: Was im Büro typischerweise und ganz selbstverständlich funktioniert, sind zufällige Begegnungen. Und diese sind extrem schwierig hinzubekommen im virtuellen Raum. Wir werden aber versuchen, diese Zufälle ganz bewusst zu ermöglichen. Indem die Teilnehmer zum Beispiel Pause machen, aber ihren Laptop mitnehmen und wir ihnen virtuelle Küchenräume oder Kaffeehaustische anbieten. Und dort können sich dann drei oder vier Leute in einem Raum treffen. Sie plaudern und trinken miteinander Kaffee. Da entsteht vielleicht etwas.

Nun ist ein starker Kritikpunkt des Homeoffice, dass die Arbeit stark ins Zuhause eindringt. Wie kann man hier handeln? Mehr Grenzen ziehen oder einfach Arbeit und Freizeit nicht mehr als zwei gegensätzliche Dinge sehen?

Wenn Arbeit etwas ist, das ich gerne mache, wo ich meine Bestimmung und Wertschätzung finde, ist es dann wichtig, dass ich Arbeit von den übrigen Aspekten meiner Persönlichkeit oder von den anderen Dingen, die mir wichtig sind, so scharf trennen muss? Warum versuchen wir die Arbeit um 17 Uhr gut sein zu lassen, die Bürotür zu schließen und etwas anderes zu tun? Es ist einfach wichtig, sich selbst immer wieder vor Augen zu führen, was gerade der eigene Fokus ist.

 

 

 

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