Die Tage der Ungewissheit sind gezählt, der Fahrplan zurück zur Normalität liegt gewissermaßen am Tisch. Heute wird mit Spannung die Empfehlung der Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) für die Zulassung des Impfstoffs von Biontech und Pfizer in Europa erwartet. Fällt diese positiv aus, will die EU-Kommission in einem Schnellverfahren binnen zwei Tagen über die Marktzulassung entscheiden. Am 27. Dezember wird in Österreich analog zum EU-weiten Start mit den Impfungen begonnen - rund zehn Monate, nachdem in Österreich die ersten Coronafälle aufgetaucht sind.

In ärmeren Ländern haben im nächsten Jahr hingegen neun von zehn Menschen keinen Zugang zu einem CoV-Impfstoff. "Kein Zurück zur Normalität" wünscht sich daher The People's Vaccine, eine Allianz sozialer Organisationen. Wir könnten nur nachhaltig gesund bleiben, wenn der Covid-19-Impfstoff als globales Allgemeingut für alle verfügbar wäre und das funktioniere nur durch Wandel: Die Art und Weise, wie derzeit Impfstoffe produziert und vertrieben werden, müsse sich grundlegend ändern. "Wir brauchen einen Impfstoff für die Menschen, nicht für den Profit", lautet die zentrale Forderung.

Kommentar von Thomas Golser

Mohga Kamal-Yanni, eine Expertin für globale Gesundheit, veranschaulicht die Impfung am Beispiel einer Pizza: "Im Moment kämpfen die Länder dieser Erde um diese Pizza, mit dem Ziel, ein möglichst großes Stück davon zu bekommen. Große, mächtige Staaten bekommen auch die großen Stücke, während Entwicklungsländer leer ausgehen. Anstatt um diese Pizza zu kämpfen, möchten wir diese Pizza vergrößern, damit jeder ein genügend großes Stück bekommt." Das soll gelingen, in dem Pharmakonzerne ihr Wissen, frei von Patenten, mit der Öffentlichkeit teilen. Momentan wäre genau das Gegenteil der Fall: Die Unternehmen würden ihre Monopole schützen und Barrieren errichten, um die Produktion zu erschweren und so die Preise in die Höhe zu treiben.

Arme Länder gehen beinahe leer aus

"Nicht fair", meint auch die Organisation für medizinische Nothilfe Ärzte ohne Grenzen. Vor und während der Pandemie hätte es staatliche Finanzierungen für die Entwicklung von Arzneimittel gegeben, Rechte an geistigem Eigentum sowie Patente würden nun nur die wirtschaftlichen Gewinne der einzelnen Pharmaunternehmen sichern.

Daher gibt es die Forderung der Aussetzung von Patenten, für die Zeit der Corona-Pandemie, um die Bildung von Monopolen zu verhindern. Das würde Engpässe vermeiden, die Produktion von Generika erlauben, die Ressourcennutzung effektiver gestalten und die Kontrolle von Pharmaunternehmen in die Hände der Regierungen legen. Letztere würden im Sinne des Gemeinwohles handeln und nicht den wirtschaftlichen Profit voranstellen. Würde das Know-How mit der Welt geteilt werden und Pharmaunternehmen nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten, "hätten wir eine bessere Impfung zu größeren Mengen, die sich auch für Entwicklungsländer eignet", sagt Dr. Mohga Kamal-Yanni.

Reiche Länder hätten sich unterdessen genügend Impfdosen gesichert, um die gesamte Bevölkerung bis Ende 2021 dreimal zu impfen, das geht aus Daten des Wissenschaftsinformations- und analyseunternehmens Airfinity hervor. Ärmere Länder würden dagegen nur 10 Prozent ihrer Bevölkerung gegen CoV impfen lassen können. Nationen, die nur 14 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, hätten sich mehr als die Hälfte der vielversprechendsten Coronavirus-Impfstoffdosen gesichert – allein Kanada könnte all seine Bürger fünf Mal impfen. So gingen alle Impfdosen von Moderna und 96 Prozent der Impfdosen von BioNTech/Pfizer an reiche Staaten.

Diese Woche stellte die EU 500 Millionen Euro für die Impfinitiative COVAX, die einen weltweit gleichmäßigen und gerechten Zugang zur CoV-Impfung zum Ziel hat. "Man braucht Geld, um Impfungen zu kaufen. Aber, und das ist ein großes 'Aber', COVAX hat das fundamentale Problem der fehlenden Transparenz", so Dr. Mohga Kamal Yanni. Verträge würden im Geheimen vereinbart werden, außerdem hätte die Initiative zu wenige Vereinbarungen mit Pharmaunternehmen geschlossen: "Man kann alles Geld der Welt haben: Wenn es nichts zu kaufen gibt, was will man dann kaufen?" Die ohnehin bescheidene Zielsetzung von COVAX, 20 Prozent der Bevölkerung in ärmeren Ländern bis Ende 2021 zu impfen, sei so nur schwer zu erreichen.

Die Gesundheitsexpertin beklagt, dass die mächtigen Akteure dieser Welt andere Initiativen blockieren würden, die die gemeinsame Nutzung von geistigem Eigentum ermöglichen. Ein derartiger Antrag mit dem Titel "Verzicht auf einige Bestimmungen des TRIPS-Abkommens zur Prävention, Eindämmung und Behandlung von Covid-19" wurde von Südafrika und Indien bei der WTO eingebracht, die Erfolgsaussichten seien gering. "Wir haben eine moralische Verpflichtung, das ist nicht die Art und Weise wie wir die Welt betrachten sollten", so Dr. Mohga Kamal-Yanni.