Ein Jahr danachDas wurde aus den Protagonisten vom „Sturm auf das Kapitol“

Vor einem Jahr wurden die USA von einem wütenden Mob von Trump-Anhängern heimgesucht und mitten ins Herz getroffen. Was aus den Protagonisten vom „Sturm auf das Kapitol“ wurde.

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Richard „Bigo“ Barnett wurde als jener Mann bekannt, der in Nancy Pelosis Büro gemütlich die Füße auf den Tisch legte © AFP
 

Es waren Szenen, wie sie die USA noch nie erlebt haben: Inmitten der Kongresssitzung, mit welcher der Wahlsieg des künftigen Präsidenten Joe Biden endgültig bestätigt werden sollte, stürmten Anhänger des scheidenden Amtsinhabers Donald Trump das Kapitol der Vereinigten Staaten in der Hauptstadt Washington. Fünf Menschen starben bei oder am Rande der Gewalt. Am 6. Jänner jährt sich der Vorfall zum ersten Mal.

Stellvertretend für dieses dunkle Kapitel der amerikanischen Geschichte steht Jacob Chansley, besser bekannt unter seinem Pseudonym Jake Angeli. Denkt man den „Sturm auf das Kapitol“, hat man sofort sein Bild im Kopf: Er trägt Büffelhörner als Symbol der Stärke und die Schweife zweier Kojoten, um seine Finesse zu unterstreichen. Während das Gesicht rot-weiß-blau geschminkt ist, bleibt der Oberkörper frei. Auf der Brust hat „der Schamane“ drei ineinander verschlungene Dreiecke tätowiert – der Wotansknoten, ein altes germanisches Symbol, das immer wieder mit Neonazis in Verbindung gebracht wird.

USA: Diese Bilder gingen um die Welt: Der Sturm aufs Kapitol

Aus Washington gingen am 6. Jänner 2021 Bilder um die Welt, die man für unvorstellbar gehalten hatte: Ein gewalttätiger Mob stürmte den Sitz des US-Kongresses. Hinter dem verheerenden Sturm auf das Kapitol in Washington steckten vor allem Trump-Anhänger, Rechtsextreme und Verschwörungsgläubige.

(c) AFP (SAUL LOEB)

Stellvertretend für dieses dunkle Kapitel der amerikanischen Geschichte steht Jacob Chansley, besser bekannt unter seinem Pseudonym Jake Angeli.

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QAnon-Anhänger glauben, dass ein von satanischen Menschenhändlern geführter Staat im Staate, der sogenannte „Deep State“ Kinder entführe, foltere und ermorde, um aus deren Blut eine Verjüngungsdroge herzustellen. Donald Trump, so die Theorie, sei der Einzige, der es wage, dieser globalen geheimen Elite die Stirn zu bieten.

(c) AFP (SAUL LOEB)

Während Jake Angeli sich in Szene setzte, drang Richard Barnett (60) in das Büro von Nancy Pelosi (80), der demokratischen Sprecherin des Repräsentantenhauses, ein und legte dort ganz gemütlich die Füße auf den Tisch.  Auch Barnett war als Trump-Anhänger bekannt.

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Neben Verschwörungsanhängern waren auch zahlreiche Rechtsextreme am Sturm beteiligt, wie Bilder beweisen. Ein Foto zeigte einen Mann im Inneren des Kongresses, der einen Pullover trägt, auf dem "Camp Ausschwitz" stand - eine antisemitische Relativierung des Holocaust. Ein anderer trug die Konföderierten-Flagge, ein Symbol für Sklaverei und Rassismus. 

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Anwesend waren auch Mitglieder der sogenannten "Proud Boys".

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Die Gruppe speist sich vor allem aus anarchistischen weißen Neonazis, die Gewalt glorifizieren. Immer wieder stachelte der Trump die Gruppe in den Monaten davor zu verschiedenen Aktionen an.

(c) AFP (OLIVIER DOULIERY)

Auch Metal-Musiker Jon Schaffer war beim Sturm auf das Kapitol dabei.  Schaffer ist rechts im Bild zu sehen.

(c) AFP (ROBERTO SCHMIDT)

Weitere verstörende Bilder vom Sturm auf das Kapitol.

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Kinderblut als Verjüngungskur

Der frühere Matrose der Kriegsmarine gilt als der Anführer des radikalen Mobs, der zwei Monate nach der Wahl um die amerikanische Präsidentschaft das Kongressgebäude angriff. Warum? Aus Überzeugung. Der Mann aus Arizona ist passionierter Unterstützer der QAnon-Bewegung. QAnon-Anhänger glauben, dass ein von satanischen Menschenhändlern geführter Staat im Staate, der sogenannte „Deep State“, Kinder entführe, foltere und ermorde, um aus deren Blut eine Verjüngungsdroge herzustellen. Und weil Donald Trump der Einzige sei, der es wage, dieser globalen geheimen Elite die Stirn zu bieten, hinterließ er in Washington gemeinsam mit anderen Trump-Anhängern eine Spur der Verwüstung.

Jake Angeli
Jake Angeli wurde als „QAnon-Schamane“ bekannt Foto © (c) AFP (SAUL LOEB)

Die Konsequenz? Vor zwei Monaten wurde Chansley verurteilt. Und er kam mit einer relativ milden Haftstrafe davon. Für 41 Monate, das entspricht drei Jahre und fünf Monate, muss der 34-Jährige ins Gefängnis. Theoretisch hätte Chansley auch 20 Jahre Haft ausfassen können.

Schon ein bisschen härter traf es hingegen Robert Scott Palmer, der am Angriff ebenfalls teilnahm. Er wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt – und das, obwohl es Palmer nicht einmal in das Innere des Gebäudes schaffte. Pfefferspray und Gummigeschosse stoppten den 54-Jährigen, der im Gefecht Polizisten mit Brettern, Feuerlöschern und anderen Gegenständen bewarf.

Nachdem er sein Handeln zunächst noch verteidigte (er bezeichnete die Polizei, auf einer von ihm eingerichteten Spenden-Website, als Angreifer), kam später die handschriftliche Entschuldigung – gemeinsam mit einem Antrag auf mildernde Umstände: Der „tyrannische“ Trump habe ihn und andere durch Lügen zum Angriff auf das Parlament verleitet. Unter Tränen sagte er, heute würde er sich für sein Handeln schämen. Doch trotz seines emotionalen Ausbruches kassierte er das bis dato härteste Urteil im Zusammenhang mit dem 6. Jänner.

Robert Scott Palmer
Der wütende Mob. Unter ihnen: Robert Scott Palmer Foto © (c) AFP (ROBERTO SCHMIDT)

Richard „Bigo“ Barnett wurde als jener Mann bekannt, der in Nancy Pelosis Büro gemütlich die Füße auf den Tisch legte, während auf den Gängen des Kapitols das absolute Chaos herrschte. Der Mann aus Arkansas ist bekennender „weißer Nationalist“, der fest daran glaubt, dass die Präsidentschaftswahl manipuliert wurde. Heute bittet der 60-Jährige auf einer Fundraising-Seite um finanzielle Unterstützung für das juristische Nachspiel. „Richard Barnetts Bild auf dem Schreibtisch von Sprecherin Pelosi ist zum Gesicht der neuen antiföderalistischen Bewegung geworden“, heißt es auf der Website. „Klicken Sie unten, um für den Kampf zu spenden.“

Richard Barnett
Bei seinem Besuch im Büro der Sprecherin des Repräsentantenhauses ließ Barnett auch ein Dokument mitgehen Foto © (c) AFP (SAUL LOEB)

Dass beim Sturm auf das Kapitol Protagonisten mitwirkten, die nicht dadurch, sondern schon davor bekannt waren, zeigt das Beispiel von Metal-Musiker Jon Schaffer. Der Gitarrist der Band Iced Earth wurde in sechs Punkten angeklagt, mit einem maximalen Strafausmaß von 30 Jahren. Durch einen Deal zwischen der Staatsanwaltschaft und seinem Anwalt konnte dieses Strafmaß auf unter fünf Jahre reduziert werden. Bei Anerkennen der Schuld empfiehlt die Staatsanwaltschaft demnach eine Freiheitsstrafe von 3,5 bis 4,5 Jahren. Am 17. April 2021 plädierte Schaffer bei einer Anhörung vor Gericht auf „schuldig“. 

Jon Schaffer
Schaffer ist rechts im Bild zu sehen Foto © (c) AFP (ROBERTO SCHMIDT)

Dass die juristische Aufarbeitung des „Sturm auf das Kapitol“ noch lange nicht abgeschlossen ist, unterstreichen folgende Zahlen: Ende Dezember waren erst 65 von über 700 Angeklagten verurteilt. Das FBI erhielt mehr als 250.000 Hinweise im Zusammenhang mit dem Vorfall, darunter etwa Familienmitglieder, die Verwandte meldeten, oder Facebook-Freunde, die ehemalige Schulkollegen anzeigten. Aber es geht noch kurioser. Robert Chapman aus New York prahlte auf einer Dating-App damit, das Kapitol gestürmt zu haben. „Wir passen nicht zusammen“, antwortete seine Chat-Partnerin und schickte einen Screenshot des Nachrichtenverlaufs an die Behörde.

Kommentare (6)
pescador
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Doku im ZDF "Sturm auf Kapitol"

Hab mir gestern die Doku im ZDF angesehen. Einfach schockierend was sich da abgespielt hat. Allein die Verharmlosung dieses Verbrechens sollte hart bestraft werden. Die Doku sollte sich jeder ansehen.

Die Demokratie darf sich nicht selbst so weit schwächen und handlungsunfähig machen, dass sie von solchen Verbrechern gestürzt werden kann. Das gilt für alle demokratische Länder auf der Welt.

GuentAIR
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Wer denkt, dass wäre harmlos gewesen …

… sollte sich mal die Doku „Sturm auf das Kapitol“ von Jamie Roberts ansehen. Beteiligte und Zeugen kommen zu Wort, die Bilder allein reichen aber schon aus.

future4you
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5
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Trump

ist eine Schande für die Demokratie. Und nicht viel besser sind all jene Republikaner, die dieses System Trump unterstützen.

deCamps
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Das Denunziantentum regiert weltweit in allen Gesellschaften.

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Immer die gleichen Muster weltweit in Gerichtsverfahren. Sie alle haben was zu sagen. Wenn auch gelogen wird das sich die Balken biegen. Das österreichische Denunziantentum gibt es auch hin der USA Gesellschaft.
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Das FBI erhielt mehr als 250.000 Hinweise im Zusammenhang mit dem Vorfall, darunter etwa "Familienmitglieder", die Verwandte meldeten, oder Facebook "Freunde", die "ehemalige Schulkollegen" anzeigten. Obwohl hunderte Meilen vom Schauplatz entfernt. Die neunmalklugen Wichtigmacher und Selbstdarsteller mit ausgeprägten Geltungsdrang gibts halt weltweit.

deCamps
41
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Wer denkt, dass eine handvoll politischer krimineller Akteure die Demokratie, ihr Rechtssystem oder die Gesellschaft gefährden oder stürzen könnte, ist ein Träumer und Fantast.

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Hier gehts aus meiner Sicht letztendlich nur ums Hochputschen allein aus politischen Motiven zwischen Demokraten und indirekt gegen Trump und die Republikaner. Meine Meinung und Denkweise richte ich seit Jahren nach der Kommunikation mit meinen durch 2 Generationen Patenkinder und ihrem Umfeld.
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Präsidenten wurden ermordet, erschossen, gemeuchelt usw. nichts daran hat die USA Gesellschaft im Geringsten beeindruckt. Nicht "#Metoo" noch "Floyd". Und seit Jahrzehnten tausende Vorfälle in den USA egal welcher Art auch immer.
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Auch nicht die internationalen militärischen, erfolglosen und chaotischen Angriffe auf andere Staaten zur Demokratisierung. Da wurde gelogen, betrogen, dass sich die Balken bogen. Erspare ich mir aufzuzählen. Wem hat es interessiert? Hat sich in dieser Gesellschaft was grundsätzliche verändert?

Irgendeiner
11
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Naja,Du brauchst nichtmal Gewalttätige, Obstruktion in einen Ministerrat

tragen, Umfragen fälschen,in der Partei hochputschen, dreist lügen,Besetzungen arroggieren,nochmal lügen,lügen lügen,.Die Differenz ist der amerikanische Weg beginnt bei Thiel und der Putsch steht am Ende, hier ist es umgekehrt,man lacht.