Obama rechnet mit Trump ab und schürt die Sehnsucht nach einer anderen Zeit
Kurz vor den Midterms meldet sich Ex-Präsident Barack Obama mit ungewöhnlich scharfer Kritik an Donald Trump zurück. Und in Chicago zieht das neu eröffnete Obama Presidential Center Massen an. Ein Lokalaugenschein.

Lange hat er sich zurückgehalten, doch mit Auftritten kurz vor den Midterm-Wahlen am kommenden Dienstag in den USA sorgt Barack Obama derzeit wieder für die Schlagzeilen. Der 65-Jährige rechnet ungewöhnlich scharf mit der Regierung von US-Präsident Donald Trump ab, spricht von Inkompetenz, Chaos, Grausamkeit und Korruption – und davon, dass das Weiße Haus nun aussehe, als hätte Saddam Hussein eine Cheesecake Factory eröffnet. Harte Worte, die man so vom ehemaligen Präsidenten nicht gewohnt war. Doch in den letzten Tagen vor den Midterms gilt es, noch Stimmung für die eigene Partei und deren Vertreter zu machen – Experten glauben zwar, dass die Republikaner das Repräsentantenhaus verlieren könnten, jedoch das Rennen um den Senat noch offen sei.
In Chicago ist Obama jedenfalls Gesprächsthema. Nicht nur wegen der bevorstehenden Wahlen. In der langjährigen Heimatstadt der Obamas wurde erst im Juni das Obama Presidential Center eröffnet. Der monumentale Bau, auch „Obamalisk“ genannt, befindet sich im Jackson Park in der South Side, einem diversen Stadtteil mit zum Teil hoher Kriminalität und Armut. Der Standort ist jedoch nicht zufällig gewählt, hier wuchs Michelle Obama auf, hier wohnte die Familie. „Sie war South Side bei Geburt, ich war South Side bei Wahl“, wird Barack Obama im Museum erzählen.
Nach jahrelanger Bauzeit des Turms und um 850 Millionen Dollar und damit rund 500 Millionen Dollar höher als ursprünglich geplant, finden Besucherinnen und Besucher neben dem Museum auch einen kostenlos zugänglichen Campus mit Spielplatz, Parkflächen oder Obst- und Gemüsegarten.
Anstehen für ein Foto mit der Obama-Statue
Hier ist die Strahlkraft des Paares und seines Wirkens auch neun Jahre nach dem Ende der Präsidentschaft zu erkennen, Tickets für das Museum sind nur schwer erhältlich und zeitweise komplett vergriffen. Alleine in den ersten 100 Tagen der Eröffnung besuchten mehr als 175.000 Menschen das Museum. Vor dem Eingang des imposanten Turms steht eine Statue von Michelle und Barack Obama, für ein gemeinsames Foto nehmen die Menschen Wartezeiten in Kauf. Im Inneren des Museums wird auf mehreren Etagen nicht nur die Geschichte des Paares nacherzählt, sondern auch wichtige Ereignisse der politischen Historie der USA: Entwicklung von Sozialsystem und Frauenrechten, Bürgerrechtsbewegung und die Rolle Martin Luther Kings, Gleichberechtigung. Viele Videos, persönliche Erinnerungen der Obamas und deren Weggefährten holen die jüngeren politischen Ereignisse wieder in die Gegenwart. Über all dem schwebt die Intention der Obamas von Hoffnung, ihren Ideen und dem Wandel, den sie sich erträumt haben.

Das Museum ist dunkel, stimmungsvoll konzipiert, die Inszenierung kommt bei den Menschen an. Wie sehr, sieht man an den bereitgestellten Taschentuchboxen. „Viele Menschen gehen nicht in ein Museum und erwarten, so von den Gefühlen überrascht zu werden“, erklärt eine Mitarbeiterin. Eine Besucherin erzählt mir mit Tränen in den Augen: „Wir hatten so eine Person als Präsident. Und es erinnert mich wieder daran, wer wir sind und wer wir sein können.“ Es ist die Sehnsucht mancher Amerikaner nach einer anderen politischen Zeit. Jedoch fällt beim Besuch auf, dass kritischen Stimmen oder anderen Sichtweisen im politischen Kontext kein Raum gegeben wird.
Dabei war Obama während seiner Amtszeit nicht unumstritten, unter seiner Präsidentschaft mussten die Demokraten bei den Midterms 2010 und 2014 zum Teil massiv hohe Verluste in Senat und Repräsentantenhaus hinnehmen.
Eine weitere Etage widmet sich der Demokratie, der Konstitution, der Verfassung und den Bill of Rights, an anderer Stelle erfährt man etwas über das Leben im Weißen Haus und die Outfits der First Lady. Doch neben der Darstellung der Vergangenheit ist es natürlich auch die Gegenwart, die Midterms, die beschäftigen. Und es stellt sich die Frage, ob das Zentrum nicht doch bewusst nur wenige Monate vor der wichtigen Wahl eröffnet wurde. Eine Mitarbeiterin des Museums erklärt die vielen Gründe, „warum es in den USA nicht so einfach ist zu wählen“. Je nach Bundesstaat gelten unterschiedliche Regeln, andere Möglichkeiten zur Identitätsfeststellung, lange Wege zum Wahllokal, unvorhersehbare Wartezeiten und es kann auch tatsächlich eine Frage des Geldes sein. In manchen Staaten gilt die Zeit, in der man wählen geht, als unbezahltes Fernbleiben von der Arbeit. Und dies kann sich schlichtweg auch nicht jeder Amerikaner leisten. Traditionell sei die Wahlbeteiligung bei den Midterms sowieso geringer als bei den Präsidentenwahlen, wird erklärt.
Ein klares politisches Statement
Das Obama Center ist ein deutliches politisches Statement, in dem die Besucher und Besucherinnen auf eindrückliche, durchaus imposante und trotz der Größe des Museums kurzweilige Weise etwas über politische Geschichte, Demokratieverständnis, Obamas zwei Präsidentschaften und seine Visionen erfahren.
Zum Abschluss wartet auf die Besucher der Nelson Mandela Skyroom mit einem fantastischen Blick Richtung Innenstadt Chicagos, über Park und den Lake Michigan. Danach führt der Weg vorbei an Café und Museumsshop wieder hinaus vor den „Obamalisken“. Die Schlange vor der Statue ist immer noch lang.
Doch nicht alle Einheimischen teilen diesen idealistischen Hoffnungsgedanken, der im Museum so präsent ist. Auf dem Weg zurück Richtung Innenstadt erzählt der Uber-Fahrer von seiner Enttäuschung über Obama. „Mittlerweile weiß man, dass auch er in seiner Präsidentschaft gelogen hat“, sagt der junge Mann. „Und nur weil er behauptet, er sei von der South Side, heißt das nichts.“ Ein Anhänger von Donald Trump sei er allerdings ebenso wenig. Bei den Midterms wird er deshalb nicht wählen gehen. Dass die Politik etwas für ihn persönlich zum Besseren verändern könnte, daran glaubt er nicht.
Diese Reise wurde unterstützt von Choose Chicago.