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Ein Jahr Christian Mitter: "Ein Großteil hat keine Chance auf den Sieg“

Wo steht Österreich nach dem ersten Jahr mit Alpin-Sportchef Christian Mitter? Was hat sich geändert? Plus: Rechtzeitig kam der Schnee in Sölden.

© Ski Austria/Jakob Zeller/KK
Winter? Winter! In Sölden kam rechtzeitig der Schnee auf den Schnee des Vorjahres auf dem Gletscher
Michael Schuen
Ressortleiter Sport

Es gibt Dinge, die ändern sich nicht, wenn sie sich einmal etabliert haben. Etwa die Kritik am (zu) frühen Start in den Ski-Weltcup in Sölden. Auch dieses Jahr kam diese zeitgerecht, vorgetragen von der Organisation „Protect our Winters“, die die Forderung nach einem „klimafitten Ski-Weltcupkalender“ einmal mehr erneuerte. CEO Moritz Nachtschatt meinte etwa: „Um Skifahren auch zum Saisonstart wieder in ein positives Licht zu rücken, muss der Start um einen Monat verschoben werden.“ Allerdings muss man anfügen, dass sich beinahe auf den Tag für den Weltcup die Temperaturen auch in den Bergen änderten, die Rennpiste in Sölden präsentierte sich am Donnerstag angezuckert und auch rund um das Band fürs Rennen, das zuvor mit Depotschnee aus dem Vorjahr und Kunstschnee erzeugt worden war, beinahe traumhaft schön winterlich.

Es ist das Argument, mit dem man in Sölden immer wieder die Forderungen nach einer Verschiebung kontert: Ende Oktober sei der Idealtermin, denn über Jahre habe sich gezeigt, dass das Wetter in den November hinein kein Rennen so verlässlich zulasse wie das zu diesem Zeitpunkt. Zudem würden die Maßnahmen rund um und für das Rennen helfen, den Gletscher zu erhalten. In Sölden jedenfalls konnte vergangene Woche bereits trainiert werden – ein Angebot, das die gesamte Weltelite angenommen hat. „Und heute sieht man schon den Schnee runterleuchten, es ist auch neben den Pisten weiß, das macht schon was her“, sagte ÖSV-Sportdirektor Mario Stecher mit einem breiten Lächeln. „Österreich ist eben noch immer eine Skination. Unsere Geografie ist ein Wahnsinn, auch wenn wir ein paar Einschläge hinnehmen mussten, die Gletscher zurückgehen. Aber wir müssen da eben smart und durchdacht weiterarbeiten, damit wir quantitativ und qualitativ gut trainieren“, sagte Christian Mitter.

Ziele für die neue Saison?

Er sei oft vor der Saison gefragt worden, was man erreichen wolle – und windet sich, Antworten zu geben wie: „Fünf Saisonsiege“, denn: „Was ist, wenn wir die schon in Val d'Isère haben?“ Für ihn gehe es darum, dass alle Athletinnen und Athleten ihren Schwung, ihren Stil abrufen können und im Rennen die beste Leistung auch wirklich zeigen. „Ganz ehrlich: Ein Großteil der Leute, die am Start sind, haben keine realistische Chance auf den Sieg. Aber auch ein Marcel Hirscher auf seinem Höhepunkt hätte mit Startnummer 50 keine Chance gehabt.“ Worum es daher gehe: „Den besten Schwung abzurufen – und von meiner Seite nicht ergebnisorientiert, sondern prozessorientiert zu arbeiten. Die Frage ist nicht, welchen Platz man hat, sondern was man besser machen kann.“

© APA/Expa/Johann Groder
Christian Mitter und Mario Stecher in Sölden

Doch, das stellt Mitter auch klar: „Ich habe keine Angst, Ziele vorzugeben, auch wenn das, was ich gerade gesagt habe, wie ein Plädoyer von Trainern klingt, die keine Siege hatten.“ Apropos Siege: Erfolge hatte Mitter in seiner Laufbahn schon einige. Umso überraschender ist es, wenn er sagt: „Ich war ja anfangs auch ein schlechter Trainer.“ Doch habe er schon in seinem ersten Jahr zusammen mit Stecher einen großen Wandel angestoßen, wie der Sportdirektor betont: „Im Vorjahr meinten wir, dass es wichtig sei, schnell zu sein – und nicht, schön zu fahren wie ein Skilehrer.“ Dieses Ziel habe man, auch wissenschaftlich belegt, in Worte gefasst. Und Mitter brachte es in vielen Einzelgesprächen mit Vereinen, Eltern, Schulen und Verantwortlichen unter die Leute. „Die, die wollten, haben meine Philosophie mit auf den Weg bekommen – wissenschaftlich belegt.“

Der ÖSV will eine Sprache sprechen

Der Vorteil? So schafft man es, dass Jugendliche, die mit 16, 17 Jahren über Vereine und Landesverbände ins System bzw. in die Kader des nationalen Verbandes kommen, schon „die gleiche Sprache sprechen“, wie es so schön heißt. Und die fußt eben darauf, „möglichst schnell von A nach B zu kommen. Das ist unser Job.“ Wie schnell das im internationalen Vergleich dieses Jahr sein werde, müsse sich weisen. „Nach den Trainingslagern in Übersee höre ich immer wieder selbst, wie gut man trainiert hat und wie schnell alle sind. Ob das wirklich so ist, werden wir alle jetzt sehen“, sagt Mitter, der aber auch betont: „Bei den Herren haben wir recht schnell eine sehr kompakte RTL-Mannschaft bekommen, uns fehlt nur der Mittelbau. Aber die Jungen, die nachkommen, sind schon sehr gut.“

Apropos Junge: Was sich verschoben habe, sei das Alter, in dem man Erfolge feiert: „17-, 18-Jährige, die im Weltcup vorne dabei sind, steigen nicht wie Phönix aus der Asche“, sagt Stecher. Mitter schiebt das auch dem komplizierten Grundsystem zu, das etwa den Aufstieg von der Ebene der FIS-Rennen bis in den Weltcup extrem erschwert, weil es lange dauert, bis sich Talente in einen Bereich von Startnummern fahren, in dem sie siegen können. Nicht zuletzt deshalb sei die Frage, ob der Europacup aktuell überhaupt die beste Vorbereitung für den Weltcup sei, legitim: „Ja, da gibt es Probleme. Aber ich bin aktuell Teil einer Arbeitsgruppe, die all das überdenkt. Wenn uns das gelingt, dann wäre das eine Revolution.“