Suche
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

Die meisten Ausländer kommen aus Bosnien in die Steiermark

Die meisten Ausländer in der Steiermark kommen aus Bosnien. Einer von ihnen ist Armin Colakovic. Von seinem Heimatland will er nichts mehr wissen.

© Stefan Leitner
In die Steiermark ziehen vermehrt Bosniaken
Tobias Kurakin
Redakteur Steiermark-Ressort

Armin Colakovic ist sich sicher – wenn er es schafft, kann es ein jeder schaffen. Vor sechs Jahren zog es Colakovic von Bosnien nach Graz. Er ist kein Einzelfall, im Gegenteil: Keine andere Gruppe von Ausländerinnen und Ausländern ist in der Steiermark stärker vertreten als Bosnierinnen und Bosnier. Aktuell veröffentlichte Zahlen des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) zeigen: In der grünen Mark leben 25.322 bosnische Staatsbürger sowie mittlerweile eingebürgerte Bosniaken, 2016 waren es noch 19.003. Sie stellen damit die größte Gruppe, knapp vor Deutschen (24.569) und Rumänen (24.072).

Einer, der die Gruppe kennt wie kaum ein anderer, ist Jörg Hofreiter. Der 85-Jährige ist seit Jahren bosnischer Honorarkonsul in der Steiermark. Er sagt: „Für mich sind es sehr wertvolle Mitbürger. Sie sorgen für kulturelle Vielfalt in Graz und akzeptieren Vorrang der Gesetze vor der islamischen Sharia.“ Hofreiter ist ein Balkan-Lexikon, holt immer gerne aus, blättert in der Historie. Schon 1878, als das österreichische Kaiserreich Bosnien okkupierte, zog es Bosniaken in die Steiermark. Während des Ersten Weltkriegs waren bosnische Soldaten in Lebring stationiert. Bosniaken waren also schon immer da. Während des Jugoslawienkrieges kamen weitere.

Colakovic sagt: „Graz ist meine Heimat“

Klar ist: Den einen, den klassischen Bosnier gibt es nicht. Colakovic ist – wenn er über seine Landsleute spricht – aber skeptisch. Er hat wenig Kontakt zu ihnen, würde sich lieber mit Österreicherinnen und Österreichern umgeben. Ihm ist es besonders wichtig, fleißig und ambitioniert zu erscheinen. Nach seiner Ankunft in Graz hat Colakovic schnell versucht, Arbeit zu finden, zunächst bei Magna im Schichtsystem, heute im eigenen Reinigungsunternehmen. Zahlen des ÖIF zeigen: Bosnische Staatsbürger verdienen in der Steiermark noch immer schlechter. Während das Medianeinkommen von Steirerinnen und Steirern bei 35.323 Euro netto liegt, bekommen laut Statistik Bosnier – sowie Leute aus Serbien und Montenegro – 28.417 Euro.

Bosnien weint Colakovic heute keine Träne nach. Seine Heimat ist die Steiermark. Wenn er vom Zusammenleben spricht, sagt er immer „wir“. So meint er etwa: „Wir müssen dafür sorgen, dass unser Sozialsystem erhalten bleibt, dass alles fair bleibt.“ Colakovic sagt, er würde händeringend nach Arbeitskräften suchen, aber keine finden.

© privat
Armin Colakovic 

Zur Wahrheit gehört auch: Migrationsgeschichten verlaufen selten geradlinig. Von der Migrationsforscherin Judith Kohlenberger von der WU Wien hieß es bereits in der Vergangenheit: „Bei Integration macht es einen großen Unterschied, ob Menschen vorbereitet aufgrund von regulärer Arbeitsmigration nach Österreich kommen oder eher zufällig durch Flucht.“ Colakovic hätte beispielsweise schnell eine Beschäftigungsbewilligung beim AMS erhalten. Seine Migrationsgeschichte wäre dadurch beschleunigt worden.

© Gery Wolf
Jörg Hofreiter

Colakovic sagt, er ist nach Österreich gekommen, um Sicherheit zu finden. „Bosnien war nicht mehr im Krieg, aber es war kein gutes Land – es hat viele Probleme gegeben.“ Für den 33-Jährigen war klar: Sein Geburtsland soll nicht das Land sein, in dem seine Kinder geboren werden. Hofreiter sagt, dass es den meisten Bosniern hier so gehe. „Die Nähe zur Heimat und bessere Möglichkeiten für Beruf und ein besseres Leben sind die Hauptmotivation.“

Stichwort Kinder: Im Schnitt bekommen Frauen, die in Bosnien geboren wurden und heute in der Steiermark leben, 1,86 Kinder. Der Schnitt bei von in Österreich geborenen Frauen liegt bei 1,15. Colakovic hat zwei Kinder, beide sind hier geboren, die Familie lebt in Graz. Er sagt: „Wir sind glücklich, hier zu sein.“