Tristan Horx: „Junge, frustrierte Männer können eine Gesellschaft abfackeln“
Warum junge Männer nach rechts driften, was Frauen damit zu tun haben – und warum er trotzdem optimistisch bleibt: Zukunftsforscher Tristan Horx (33) über die Krise der Männlichkeit.

Sie haben Ihr Buch „Die Zukunft der Männer“ Ihrer Mutter gewidmet. Was hat sie Ihnen beigebracht?
Tristan Horx: Sie hat mir klargemacht, wie man sich benimmt. Und sie sagte: „Man muss Männer auch loben, aber nicht wie einen Hund.“ In meinem Freundeskreis haben wir versucht, die üblichen gegenseitigen Beleidigungen durch Komplimente zu ersetzen. Das funktioniert sehr gut.
Was ist für Sie selbst männlich?
Ich habe durchaus das Bedürfnis, zu beschützen und zu versorgen. Das finde ich wunderschön. Nur hat die Manosphäre solche Bilder wieder in die stumpfste Steinzeitnummer verwandelt.

Warum sind junge Männer so empfänglich für diese Influencer?
Viele erleben schon im Bildungssystem eine Enttäuschung. Ihnen wird vermittelt, sie seien privilegiert, aber sie fühlen sich abgehängt. Dann kommen einfache Erklärungen: Die Frauen sind schuld. Das führt zu Verbitterung und Isolation.
Sie haben diese Entwicklung bei eigenen Freunden erlebt. Was genau?
Als ich nach einigen Jahren in Frankfurt zurückkam, habe ich Schulfreunde nicht wiedererkannt. Sie wiederholten eins zu eins das Andrew-Tate-Playbook. Das Ausmaß an Frauenfeindlichkeit war beeindruckend. Junge, frustrierte, abgehängte Männer, die nach rechts driften, können eine Gesellschaft abfackeln. Das haben wir schon erlebt.
Welche Rolle spielt die digitale Welt?
Digitale Isolation und mangelnder Kontakt zu Frauen machen empfänglich für solche Erzählungen. Wer sich zurückzieht, hat immer weniger Berührungspunkte mit dem anderen Geschlecht. Und je weniger Kontakt man zu einer Gruppe hat, desto größer kann die Angst vor ihr werden.

Hat der Feminismus die jungen Männer verloren?
Ich glaube, der Begriff ist im Kulturkampf so aufgeladen, dass viele junge Männer sofort denken: Die wollen mir etwas wegnehmen. Dabei unterschätzen wir, wie sehr Männer selbst unter dem Patriarchat leiden. Es ist nicht schön, nicht traurig sein zu dürfen oder Zärtlichkeit verstecken zu müssen.
Sie wollen sogar einen neuen Begriff statt Feminismus? Was ist Ihr Vorschlag?
Ich spiele im Buch mit „mutual liberation“, also gemeinsamer Befreiung. Wenn wir junge Männer mitnehmen wollen, brauchen wir vielleicht einen Begriff, bei dem sie nicht sofort abblocken.
Sie waren in Südkorea, wo sich Frauen und Männer besonders stark entfremdet haben. Was haben Sie gesehen?
Im Studentenviertel konnte man die gemischtgeschlechtlichen Gruppen an einer Hand abzählen. In Cafés saßen Männer und Frauen getrennt. Die 4B-Bewegung verweigert Männern Beziehungen, Sex, Ehe und Kinder. Ich wollte wissen: Ist das unsere Zukunft? Die soziale Isolation dort war erschreckend.
Warum sollten Frauen überhaupt die Aufgabe übernehmen, Männer aus solchen Blasen zu holen?
Das ist die schwierigste Frage. Ich habe darauf keine gute Antwort. Aber wir müssen diesen Männern Wege aus ihren Filterblasen bieten. Freundschaftliche Kontakte zu Frauen könnten helfen. Ich weiß, dass es unfair klingt, daraus wieder eine Aufgabe für Frauen zu machen.
Was wäre denn ein attraktiveres Männerbild?
Beschützen und versorgen kann etwas Schönes sein, solange es nicht toxisch wird. Und wir sollten lernen, Gefühle und Zuneigung auch unter Männern zu zeigen. Mein engster Freundeskreis macht das inzwischen ganz bewusst.
Sie nennen sich einen „wütenden Optimisten“. Warum?
Weil Wut Energie ist. Ich will den Pessimisten und regressiven Kräften ihre stärkste Waffe stehlen und fürs Gute nutzen. Wenn man die großen Entwicklungen betrachtet, haben wir bei der Gleichberechtigung in kurzer Zeit unglaublich viel erreicht. Es gibt Rückschläge, aber das heißt nicht, dass alles verloren ist.