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Wenn Muskeln zur Ideologie werden: Das Fitnessstudio, eine Radikalisierungs-Maschine?

In ihrem neuen Buch „Von Fitness zu Faschismus“ zeigt die Extremismusforscherin Julia Ebner, wie Fitnesskult, Frauenverachtung und rechtsextreme Ideologien ineinandergreifen – und warum die Suche nach Stärke zur gefährlichen politischen Verführung wird.

© Justin Griffiths-williams
Die Wiener Forscherin Julia Ebner deckt in ihrem aktuellen Buch die gefährlichen Botschaften von extremer Männlichkeit auf.
Barbara Haas
Leitende Redakteurin Frauen & Familie, Podcast-Host von fair&female

Ihr neues Buch heißt „Von Fitness zu Faschismus – Gefahren extremer Männlichkeit“. Sie selbst sind überzeugte Kampfsportlerin. Wie passt das mit diesem Titel zusammen?

Julia Ebner: Ich möchte weder Fitness noch Männer oder Männlichkeit generell verurteilen. Ich habe mit Kung Fu begonnen, später Karate und Muay Thai gemacht und trainiere heute vor allem Kickboxen. Kampfsport hat mir persönlich viel gegeben. Gleichzeitig ist mir als Extremismusforscherin und Mutter aufgefallen, wie stark rechte Bewegungen, die Manosphere und frauenfeindliche Gruppen junge Männer über Fitness- und Kampfsportangebote ansprechen. Sie schaffen Gemeinschaft, füllen ein emotionales Vakuum und vermitteln dabei oft menschenfeindliche Ideologien.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Männer, die rohe Leber oder Stierhoden essen, Frauen das Wahlrecht absprechen oder sich auf einen vermeintlichen Rassenkrieg vorbereiten. Warum zieht es manche in solche extremen Männlichkeitsbilder?

Die drei zentralen Männlichkeitsmythen sind „Meat, Money, Muscles“ – Fleisch, Geld und Muskeln. Dahinter stehen Vorstellungen davon, wie ein Mann aussehen und sich verhalten muss, um in einer vermeintlichen Dominanzhierarchie erfolgreich zu sein. Aggressive Männlichkeit geht häufig mit Stress, Mangel und Statuskonkurrenz einher. Krisen, Einsamkeit und das Gefühl, im Leben oder am Arbeitsmarkt zu verlieren, können Menschen anfälliger für solche Angebote machen.

Aber wie soll es helfen, rohe Leber zu essen oder Muskeln aufzubauen, wenn man sich beruflich unsicher fühlt oder Schwierigkeiten hat, Beziehungen einzugehen?

Es beginnt oft damit, dass Männer in ihrer Frustration abgeholt werden. Ihnen wird gesagt: Du bist nicht selbst schuld an deiner Situation, sondern der Feminismus, liberale Kräfte oder andere gesellschaftliche Gruppen sind verantwortlich. Gleichzeitig werden scheinbar einfache Auswege angeboten: ein optimierter Körper, mehr Status oder eine radikale Ernährungsweise. Die Botschaft lautet, Männer seien verweichlicht worden und müssten ihre vermeintlich ursprüngliche Härte zurückerobern. Solche Erklärungen geben Orientierung, verschieben aber die Schuld auf andere.

Manche Influencer verdienen mit diesen Unsicherheiten viel Geld. Wie funktioniert das Geschäftsmodell?

Bei vielen Influencern spielen kommerzielle Interessen eine große Rolle. Unsicherheiten und Einsamkeit werden monetarisiert. Besonders erstaunlich ist, dass ihre Popularität oft nicht einmal dann wesentlich leidet, wenn Täuschungen auffliegen. Das zeigt, wie tief die psychologischen Bedürfnisse sind, die sie ansprechen.

Andrew Tate werden schwere Vorwürfe gemacht, beim Liver King (Leberkönig) stellte sich heraus, dass er Steroide nahm, obwohl er seine Muskeln mit seinem vermeintlich ursprünglichen Lebensstil erklärte. Warum bleiben solche Influencer trotz Enthüllungen und Skandalen für viele Anhänger attraktiv?

Diese Influencer sprechen tiefe psychologische Bedürfnisse an. Sie geben Männern das Gefühl, verstanden zu werden, versprechen ihnen Erfolg und bieten einfache Erklärungen für ihre Probleme. Wenn jemand dadurch Orientierung, Zugehörigkeit oder Hoffnung gewinnt, kann es schwer sein, sich von diesem Vorbild zu distanzieren – selbst wenn dessen Verhalten den eigenen Werten widerspricht. Es entsteht eine Art kognitive Dissonanz: Man hält an der Bewunderung fest, obwohl die Fakten dagegen sprechen. Bei Andrew Tate kommt hinzu, dass sein sportlicher Erfolg und sein Auftreten als vermeintlich erfolgreicher Mann bei Frauen die frauenverachtenden Botschaften überlagern können. Die Bindung beruht also nicht allein darauf, was diese Männer sagen oder tun, sondern auch darauf, welche Rolle sie im Leben ihrer Anhänger spielen.

Sie haben sich auch mit Looksmaxing beschäftigt, also dem Versuch, das eigene Aussehen maximal zu optimieren. Ein Influencer empfahl sogar, sich mit einem Hammer ins Gesicht zu schlagen, damit die Knochen markanter zurückwachsen. Kann das wirklich ernst gemeint sein?

Solche Empfehlungen sind hochgefährlich. Die Looksmaxing-Szene ist teilweise aus der Incel-Community hervorgegangen, in der einsame, frauenfeindliche Männer ihre Frustration teilen. Manche richten ihre Aggression gegen sich selbst, andere gegen Frauen oder Männer, die sie als attraktiver wahrnehmen. Looksmaxing verspricht, trotz vermeintlich schlechter genetischer Voraussetzungen das eigene Aussehen verbessern zu können. Inzwischen hat sich diese Kultur stark normalisiert. Der extreme Fokus auf Körperlichkeit und Genetik ist zugleich anschlussfähig für faschistische Ideologien, die Menschen nach körperlichen Merkmalen bewerten.

Sie haben im Kickboxstudio in London trainiert, in dem auch Andrew Tate, der König der Manosphere, trainiert wurde. Wie war das?

Das Studio wirkte ziemlich normal und das Training war professionell und hart. Interessant war, dass der Trainer Tate weiterhin unterstützte und sich als eine Art zweiten Vater bezeichnete. Dabei stand vor allem Tates sportlicher Erfolg im Vordergrund. Genau das ist entscheidend: Viele junge Männer nehmen zunächst den erfolgreichen Kickboxer oder den vermeintlich erfolgreichen Mann bei Frauen wahr. Die frauenverachtenden und gewaltverherrlichenden Botschaften werden dadurch leichter ausgeblendet.

Warum finden sich in diesen Szenen so oft brutale Fantasien über die Erniedrigung von Frauen?

Dahinter stecken häufig eigene negative Erfahrungen, Unsicherheit und das Gefühl, im sozialen Status verletzt worden zu sein. Gerade in Incel-Foren lässt sich beobachten, wie stark Selbsthass eine Rolle spielt. Dieser bekommt dann ein Ventil: Frauen werden für mangelnden Sex, beruflichen Misserfolg oder fehlende Anerkennung verantwortlich gemacht. Teilweise kommen Verschwörungsmythen hinzu, die weitere Minderheiten zu Schuldigen erklären. Frauenfeindlichkeit bildet aber in vielen dieser Gemeinschaften einen zentralen Bestandteil.

Sie haben sich auch mit dem österreichischen Influencer Markus Streinz und seiner Liberator Academy beschäftigt. Dort wird Gewalt gegen Frauen teilweise als persönliche Weiterentwicklung dargestellt. Was haben Sie herausgefunden?

Es gibt immer mehr Geschäftsmodelle, die Andrew Tate nachahmen. Manche treten als Coachingangebote auf und sprechen gezielt die Unsicherheiten von Männern an. Ehemalige Teilnehmer haben in ihren Erfahrungsberichten manipulative Methoden beschrieben. Menschen sollen sich öffnen und ihre Verletzlichkeit preisgeben. Diese Offenheit kann anschließend ausgenutzt werden, um kommerziell davon zu profitieren und frauenverachtende Ideologien zu vermitteln.

Ein Gegenstück dazu scheinen die Tradwives zu sein, die traditionelle Geschlechterrollen propagieren. Passen diese Frauen zu den Männern, die Sie beschreiben?

Es gibt Überschneidungen. Während sich junge Männer statistisch teilweise stärker nach rechts orientieren, bewegen sich junge Frauen eher in eine linksliberale Richtung. Das bedeutet nicht, dass alle Menschen diesem Muster folgen, aber es entsteht eine politische Kluft. Tradwife-Influencerinnen können in bestimmten Männer-Communitys große Reichweiten und viel Anerkennung bekommen. Manche vermitteln sogar Anleitungen, wie Männer ihre Partnerinnen zu traditionelleren Rollen bewegen können. Auch hier spielen Status, Reichweite und kommerzieller Erfolg eine Rolle.

Wo liegt die Grenze zwischen normalem Sport und einer gefährlichen politischen Vereinnahmung? Donald Trump inszeniert Kampfsportveranstaltungen im Weißen Haus, während rechte Gruppen ihre Anhänger auf einen angeblichen Endkampf vorbereiten.

Gefährlich wird es, wenn Sport für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Kampfsport und Fitness können sinnvolle Hobbys sein. Manche rechtsextreme Gruppen geben dem Training aber eine zusätzliche ideologische Bedeutung: Man müsse sich auf einen kommenden Kampf zwischen Weißen und Nichtweißen oder zwischen verschiedenen Kulturen vorbereiten. Diese apokalyptische Vorstellung kann sehr attraktiv sein, weil sie dem eigenen Leben einen vermeintlich höheren Sinn gibt. Gleichzeitig schürt sie Angst und Gewaltbereitschaft. Die Vorstellung, dass muskelbepackte Männer einen solchen Endkampf austragen werden, ist angesichts moderner Kriegsführung absurd – politisch ist sie dennoch gefährlich.

Gibt es auch Männer, die sich bewusst gegen dieses dominante Männlichkeitsideal stellen?

Ja, sogenannte Positive-Masculinity-Influencer können ein wichtiges Gegenmodell sein. Sie zeigen, dass Männer nicht immer hart und dominant auftreten müssen, sondern auch ihre weiche Seite zeigen dürfen. Sie stellen beispielsweise das Bild des sogenannten „Soy Boys“ infrage, das in der Manosphere abwertend für Männer verwendet wird, die als zu weich oder zu wenig männlich gelten. Es ist wichtig, den positiven Begriff von Männlichkeit zurückzuerobern. Die Vorstellung, es gebe nur den dominanten Alpha-Mann oder den schwachen Beta-Mann, ist eine völlig verzerrte Darstellung von Männlichkeit.

Sie haben zwei kleine Söhne. Werden Kinder heute durch soziale Medien und KI mit ganz neuen Männlichkeitsmythen konfrontiert?

Es ist schwer vorherzusagen, wie sich das in fünf oder zehn Jahren entwickeln wird. Neue Technologien können solche Mythen zusätzlich verstärken. Ich hoffe aber, dass junge Menschen lernen, ihre eigenen psychologischen Bedürfnisse zu verstehen und zu erkennen, wie politische und kommerzielle Akteure diese online ausnutzen. Vorbilder bleiben dabei entscheidend. Ich wünsche mir, dass Buben mit Männern aufwachsen, die zeigen, dass man Krisen nicht mit Aggression und Gewalt begegnen muss. Kooperation, Kompromissfähigkeit, kritisches Denken und Resilienz sind ebenso wichtige Formen von Stärke.

Gerade Kinder lernen früh, wie Erwachsene mit Stress, Konkurrenz und Unsicherheit umgehen. Welche Rolle spielen männliche Vorbilder dabei?

Studien zeigen, dass Kinder schon früh beobachten, wie ihre Vorbilder mit solchen Situationen umgehen. Gerade männliche Vorbilder können vermitteln, dass Aggression und Gewalt keine notwendigen Antworten auf Unsicherheit sind. Es geht darum, Kooperation, Kompromissbereitschaft, Problemlösung und kritisches Denken vorzuleben. Wir sollten jungen Männern nicht das Gefühl geben, sie müssten sich zwischen Härte und Schwäche entscheiden. Sie dürfen verletzlich sein, ohne dadurch weniger wert zu sein, und selbstbewusst, ohne andere erniedrigen zu müssen.