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Mann reist 2000 Kilometer zu Traumfrau, die es nicht gibt

Ein Brasilianer verkauft Hab und Gut, um Traumfrau zu treffen, die es nur als Produkt von KI gibt. Deren Macher weisen Verantwortung von sich.

© Screenshot/TikTok
Thomas Golser
Redakteur Außenpolitik/International

„Sie“ heißt Jéssica Oliveira (oder Fazendeira) und sie war die Auserwählte von Edimar M.: Der brasilianische Maurer reiste aus dem nordöstlichen Bundesstaat Maranhão 2000 Kilometer mit Koffer nach Belo Horizonte im Südosten des riesigen südamerikanischen Landes, wo er hoffte, sie zu finden. Zuvor hatte Jéssica auf TikTok (und anderen sozialen Medien) in sehr realistisch wirkenden Kurzvideos Einblicke in ihr Leben gewährt. Unter 300.000 Followern wähnte Edimar sich als der Richtige, schließlich sei auch sie auf der Suche nach dem Richtigen.

Das Problem: Die attraktive, vital wirkende und ihrer Arbeit auch gerne in Hotpants nachgehende Frau gab es nicht, zumindest nicht aus Fleisch und Blut. Künstliche Intelligenz erschuf hier eine Scharade, die vorgab, gut situiert auf einer weitläufigen Farm zu leben und immer wieder schöne Reisen zu unternehmen. Auch als Interviewte war Jéssica häufig in Clips zu sehen. „Du kannst hier leben wie ein König“, ließ sie wissen: Dieses Versprechen und eine angebliche persönliche Einladung waren dem 49-Jährigen Grund genug, sein Hab und Gut für die 36-stündige Reise zu verkaufen.

„Gibt es etwas Schlimmeres als Einsamkeit? Einsamkeit führt nur zu Mutlosigkeit, Traurigkeit und Depression. Deshalb bin ich hierher gekommen, um mein Glück zu finden“, gab Edimar gegenüber lokalen Medien Einblicke in seine Motive. Jéssica habe ihm entsprechende Zeichen gegeben, ihn kennenlernen zu wollen. „Hallo, mein gutaussehender Mann. Ich wünschte so sehr, du würdest hier bei mir auf meinem Bauernhof leben. Ich suche einen fürsorglichen Mann, einen Mann, der keine Angst vor dem Landleben hat“, zitiert das Nachrichtenportal ND Mais die KI-generierte Frau aus einem der online veröffentlichten Videos. Geldforderungen gab es aber nie.

Einmal vor Ort angekommen, konnte Edimar die Angebetete nicht finden. Eine Adresse hatte er nicht, Passanten zeigte er Fotos von „Jéssica, der Bäuerin“. Der Radiosender Itatiaia klärte ihn schließlich über die wahren Hintergründe auf. Weil Edimar zunächst auch nicht mehr nach Hause zurückkehren konnte, suchte der Getäuschte im Rathaus von Belo Horizonte Hilfe – und vertraute sich dort einem Sozialarbeiter an. Edimar gab an, über private Nachrichten eine Einladung bekommen zu haben, auch gesprochen habe er mit ihr schon. Er war der KI-Frau bereits seit 2020 gefolgt. Und zwar nicht auf TikTok, sondern auf Facebook und Instagram.

Einsamkeit als wahrer Hintergrund

Der Fall sorgte in Brasilien für Diskussionen über immer echter wirkende KI-Avatare – und über Einsamkeit. Nach einigen Tagen gab es eine Stellungnahme von Jéssicas Machern: Diese bestätigten, dass sie nur eine KI-Kreation sei und unterhalten soll. Man interagiere auch nicht direkt mit Usern – allerdings würden andere Schindluder betreiben und Fotomontagen mit echten Menschen produzieren.

Der Brasilianer, der auf ein Kartenhaus gebaut hatte, kehrte inzwischen wieder in seinen Heimatort zurück. Die Stadtverwaltung von Belo Horizonte spendierte ihm Bustickets – nicht, ohne ihn zuvor über die Risiken von Online-Betrug aufgeklärt zu haben. Seitens der Macher von Jéssica wurden Clips mit romantischen Anspielungen nun entfernt. Prinzipiell sollte man jene, die es benötigen, über den sicheren Umgang mit dem Internet aufklären, ließ man wissen. In den Monaten zuvor waren laut Radio Itatiaia bereits zwei andere Männer nach Belo Horizonte gereist, weil sie virtuellen Figuren geglaubt hatten. Edimar muss indes weitersuchen. Hoffentlich in der realen Welt.