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„König Ubu“: Hab Spaß mit Despoten

Am Burgtheater wird Stefanie Reinsperger zum monströsen Kindkönig und Alfred Jarrys Groteske zum überzeichneten Lachtheater.

© Tommy Hetzel
Körperkomik, Impro-Furor und Dialektausritte: Stefanie Reinsperger als König Ubu

Der Bezugsrahmen ist unübersehbar und von ausgewiesenen Geistesgrößen getischlert: Der Philosoph Bernard-Henri Lévy nennt in einem Essay Donald Trump einen „grotesken Karnevalskönig“ im Geiste König Ubus. Und in seinem letzten Roman „Baumgartner“ verwies US-Autor Paul Auster auf einen „geistesgestörten Ubu im Weißen Haus“. Da derzeit auch andernorts reichlich Despoten feig, blöd und brutal in Politik und Wirtschaft wüten, ist in Sachen Kontext alles klar: Burgtheater-Chef Stefan Bachmann muss sich gar nicht die Mühe machen, für seine Inszenierung von Alfred Jarrys „König Ubu“ ein Referenzsystem für gegenwärtige Beispiele von Willkür, Niedertracht und Verrohung zu basteln.

Er macht also: Schauspielertheater. Und er hat dafür eine Wunderwaffe seines Hauses zur Verfügung: Stefanie Reinsperger. Weil Joachim Meyerhoff, der für die Titelrolle vorgesehen war, einen Monat vor der Premiere aus gesundheitlichen Gründen absagen musste, ist Reinsperger als Ubu eingesprungen, Sebastian Wendelin gibt seine Frau, und in rasanter Doppelconference ziehen die beiden vor dem roten Vorhang erst einmal den Inhalt von „König Ubu“ als wilden Clowns-Akt durch: Von seiner Frau angestachelt, ermordet Ubu den polnischen König, errichtet ein Schreckensregime und flieht, im Krieg gegen Russland geschlagen und gestürzt, nach Frankreich, wo er sich fortan als Spießbürger betätigt. Die 1896 uraufgeführte Groteske (heute als Proto-Beispiel für Surrealismus, Dada und absurdes Theater geheiligt) sorgte für einen der schönsten Skandale der französischen Theatergeschichte; und mit dem anhaltenden Provokationspotenzial des Texts haben Bachmann, Reinsperger und Wendelin jetzt ausgiebig Spaß: Kotze, Schreiße (im Original: Merdre), Rülpser, Fürze verbrämen ihre Zirkusnummer voll Körperkomik, Impro-Furor und Dialektausritten. Einmal mehr erweist sich Reinsperger, die als monströses, maßloses Kleinkind die Bühne volldröhnt und von Wendelin kongenial sekundiert wird, hier als Verausgabungsvirtuosin. Und zum Fürchten ist sie auch: Nicht zuletzt, weil sie mehrmals unschuldige Zuschauer zwecks öffentlicher Verunglimpfung aus dem Parkett auf die Bühne zerrt (vor den ersten Reihen und Plätzen am Gang sei hiermit gewarnt). Merke: Willkür kann jeden treffen.

Das Bürgertum im Visier

Interessanter wird der bei 130 Minuten Dauer doch etliche Längen aufweisende Abend aber im zweiten Teil, für den Bachmann und Dramaturgin Lea Goebel die Fortsetzungen „Ubu Hahnrei“ und „Ubu in Ketten“ zusammenmontiert haben. Der Bühnenraum öffnet sich zum goldplattierten Bürgerhaus (Bühne: Olaf Altmann), zur Personnage zählen nun auch zwei von Ubu alsbald gepfählte Vertreter der Bourgeoisie in Satinschleifchen (Stefanie Dvorak und Gunther Eckes) sowie ein Showtunes schmetternder Schlägertrupp von „Rüpeln“ (Tilman Tuppy, Justus Balamohan Maier, Aaron Blanck), während Martin Schwab als ungehörtes Gewissen schwäbelnd und im hautfarbenen Morphsuit (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) durch die Kulisse geistert. Jarry nahm hier das konformistische Bürgertum ins Visier; eine Verhöhnung, die letztlich in Ubus Hingabe an die Sklaverei kulminiert: er nimmt sich „die Freiheit, zu tun, was befohlen ist“ und überzeugt das Volk, dass im Sklaventum die wahre Freiheit liegt. „Ich werde nicht mehr befehlen. Man gehorcht mir ja so viel besser“, stellt er am Ende fest. Ein Satz, der schaudern machen könnte; in einer Inszenierung allerdings, der es lieber ums Lachen geht.

© Tommy Hetzel
„König Ubu“ als wilder Clowns-Akt: Stefanie Reinsperger (Mitte) und Ensemble

Zum Stück

König Ubu. Von Alfred Jarry. Burgtheater Wien.
Regie: Stefan Bachmann
Bühnenbild: Olaf Altmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musik: Sven Kaiser
Choreographie und Körperarbeit: Sabina Perry
Licht: Bernd Purkrabek
Dramaturgie: Lea Goebel
Mit: Stefanie Reinsperger, Sebastian Wendelin, Gunther Eckes, Stefanie Dvorak, Tilman Tuppy, Justus Balamohan Maier, Aaron Blanck, Martin Schwab
Termine: 20., 21., 29. 10.; 4., 26., 28. 11.
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