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Gadys Geopolitik: Wie redet man mit Burschen über den Militärdienst?

Franz-Stefan Gady
Politikberater und Militäranalyst
© APA/MAX SLOVENCIK
„Ich gelobe“: Rekruten leisten am Nationalfeiertag am Wiener Heldenplatz den Treueschwur

Für viele junge Männer kommt der Dienst an der Waffe nicht infrage. Gleichzeitig wird von den einflussreichen Vertretern der Manosphere eine problematische neue Kriegerkultur beschworen.

Letzte Woche war ich wieder zu Gast in einem Wiener Gymnasium, um mit Schülerinnen und Schülern über Krieg zu sprechen. Das Publikum bestand mehrheitlich aus Buben der Oberstufe, und auch die Fragen kamen überwiegend von ihnen. Ein naheliegender Grund für den Andrang: Für viele von ihnen rückt die Entscheidung zwischen Wehr- und Zivildienst näher.

Den Wortmeldungen der jungen Männer nach zu schließen, wird Letzterer klar bevorzugt. Das hat zum einen strukturelle Gründe: Das Vorhaben der Bundesregierung, beide Dienste bis Ende 2028 gleich lang zu machen, schafft heuer und im kommenden Jahr klare Anreize. Unsere Verteidigungsfähigkeit wird dadurch übrigens um mindestens zwei weitere Jahre nach hinten verschoben. Zum anderen gibt es echte pazifistische Überzeugungen, die jeden Dienst an der Waffe und das abstrakt klingende Konzept der militärischen Landesverteidigung grundsätzlich infrage stellen.

In der Klasse selbst war die sogenannte Manosphere kein Thema. Aus vielen anderen Gesprächen mit jungen Männern weiß ich aber, wie stark ihr Einfluss inzwischen ist. Dort ist die Idee des Kriegers wieder en vogue, zumindest die Ästhetik der Kriegerkulturen: Wikinger, Spartaner, Samurai. Beworben werden Gewalt, Empathielosigkeit, allgemeine Härte und körperliche Ertüchtigung. Für einen Teil der Gesellschaft ist das schlicht die Manifestation toxischer Männlichkeit.

Abseits der herkömmlichen Debatten über Sinn und Unsinn des Pazifismus und des Dienstes an der Waffe warf die Diskussion mit den Burschen für mich daher eine grundsätzliche Frage auf: Wie spricht man mit jungen Männern im Zeitalter der Manosphere über das Soldatsein?

Die Auseinandersetzung mit diesen Ideen hat längst auch die hohe Politik erreicht. Ich erinnere mich, wie sich im Februar 2025 in Kyjiw viele Gespräche mit ukrainischen politischen und militärischen Entscheidungsträgern um eine Frage drehten: Wie findet man eine gute Gesprächsbasis mit der neuen Trump-Regierung, vor allem mit Verteidigungsminister Pete Hegseth, der das „Krieger-Ethos“ in die US-Streitkräfte zurückholen wollte? Die Empfehlung meiner amerikanischen Kollegen lautete, in Gesprächen die Gemeinsamkeiten des ukrainischen und des amerikanischen Kriegertums zu betonen.

Der Soldat kämpft im Auftrag einer Gemeinschaft

Tatsächlich vermittelt die Manosphere jungen Burschen nicht nur ein falsches Bild von Männlichkeit. Durch ihren Fokus auf die Ästhetik des Kriegers vermittelt sie vor allem auch ein falsches Bild davon, was einen „erfolgreichen“ Soldaten ausmacht. Der vielleicht wichtigste Unterschied: Der Krieger kämpft aus eigenem Antrieb und überwiegend nach eigenen Regeln. Der Soldat kämpft im Auftrag einer demokratischen Gemeinschaft, gebunden an ihr Recht und ist ihr verantwortlich. Er ist nicht ihr Herr wie in Kriegerkulturen, sondern ihr Diener. Der Kerngedanke hinter vielem, was die Manosphere predigt, ist letztlich eine Rechtfertigung dafür, egoistisch und ohne Rücksicht auf andere nach eigenen Regeln durchs Leben zu gehen.

Natürlich wurden in unserer Geschichte das Konzept der Pflicht und der militärische Dienst an der Gemeinschaft missbraucht, vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus. Von diesem Missbrauch haben sich beide Begriffe bis heute nicht ganz erholt. Der Satz „Ich habe meine Pflicht getan“ ruft nach wie vor Kadavergehorsam und abscheuliche Kriegsverbrechen in Erinnerung.

Doch wir sprechen hier von Soldaten liberaler Demokratien. Die Geschichte zeigt, dass der egoistische Ansatz des Kriegers langfristig fast immer ein Rezept für militärische Desaster war. Der Soldat einer liberalen Demokratie steht zudem stets im Spannungsfeld zwischen Gehorsam, Pflicht und Disziplin auf der einen und seiner individuellen Freiheit als Bürger auf der anderen Seite. Dieses Spannungsfeld ist real. Doch wir leben in Europa und in Österreich in Zeiten des Umbruchs, in denen wir – und das ist stets meine Kernaussage, wenn ich mit jungen Leuten spreche – in unseren Streitkräften junge Burschen, und natürlich auch Mädchen, brauchen, die im Fall der Fälle bereit sind, unsere liberale Gesellschaft zu verteidigen: als Soldaten, nicht als Krieger.