Meissnitzer: „Wir dürfen uns nicht immer klein machen!“
Die Ex-Gesamtweltcupsiegerin Alexandra Meissnitzer eine Woche vor dem Start des Weltcups über ihre neue Rolle beim internationalen Skiverband, die Zukunft des Skisports, ihr Arbeitspensum – und wie sich das mit ihrem Privatleben vereinbaren lässt.

Frau Meissnitzer, die Frage sei gestattet eine Woche vor Weltcupbeginn: Wo erwische ich Sie denn gerade?
Alexandra Meissnitzer: Beim WTA-Tennisturnier auf Mallorca. Das hat jetzt auf den ersten Blick nichts mit Skifahren zu tun, aber dann doch. Ich werde auch in Wien beim Turnier sein und dort etwa Andrea Gaudenzi, den ATP-Chef treffen.
Was hat es denn mit Skifahren zu tun?
Wir reden alle immer von Rolemodels, von Vorbildern. Aber was machen Formel 1, Tennis oder Fußball wirklich anders und besser als der Skisport? Nachdem ich unter dem neuen Präsidenten die Strategie über habe, geht es auch darum, sich besser in diese Richtung aufzustellen. Man muss das Rad ja nicht neu erfinden, mitunter muss man sich nur besser verbinden. Und wir im Schneesport müssen auch nichts kopieren – aber wir sollten uns mit denen, die was zu sagen haben, austauschen.
Das klingt einmal nicht so, als ob ihre neue Aufgabe ein Homeoffice-Job wäre.
Nein, das mit Sicherheit nicht. Ich war auch bei der Global Champions Tour vor dem Schloss Schönbrunn, weil der Hauptsponsor dort auch der im Skisport ist. Ich stelle immer fest: Wir haben so großartige Veranstaltungen. Was auf der Agenda steht, ist, dass wir etwa im Bereich der Hospitality zulegen möchten. Ja, wir haben Kitzbühel, aber wir haben auch ganz viele andere Veranstalter, alle mit eigenem Charme, eigenem Plan, sehr unterschiedlich. Hier geht es auch darum, was wir verbessern können und müssen, um attraktiv zu bleiben, uns zu entwickeln.
Hat Ihre neue Aufgabe eine „Job Description“?
Ja, die gibt es, das war mir auch wichtig – und viele fragen mich auch, was ich da denn nun mache. Offiziell nennt es sich „Director of Strategy and Public Affairs“ – und das sind zwei ganz unterschiedliche Gebiete, die sich aber gut miteinander verbinden lassen. Der neue FIS-Präsident Alexander Ospelt ist mit zwei Schlagwörtern angetreten: „Building Bridges“ und „Commercial Growth“. Brücken zu bauen, das klingt vielleicht wie ein Slogan, aber wir wollen das auch leben. Ich kann und darf hier als Schnittstelle auftreten. Das ist es auch, was ich gern tue. Ich kenne den Sport, ich kenne das System. Ich habe gesehen, dass einiges zu tun ist – und wir haben nur eine Chance: ein Miteinander. In den letzten Jahren ist viel Energie verpufft, weil eben nicht zusammengearbeitet wurde. Das will ich, wollen wir ändern.

Und wie?
Es gibt so eine große Bandbreite. Nehmen wir Alexander Ospelt: Der kommt aus Liechtenstein, einer kleinen Nation, die vieles anders sieht. Sie haben nicht den Druck, performen zu müssen, siegen zu müssen, so wie Österreich. Das erlaubt eine andere Perspektive. Man kann das große Ganze sehen, nicht den eigenen Vorteil. Er will Brücken bauen, die FIS zu dem machen, was sie ist: ein Dach vieler Nationen. Und ich habe eine Rolle, in der ich viel unterwegs sein darf, das Netzwerk verbessern soll. Das ist das eine.
Und das andere?
Natürlich geht es viel um Repräsentation – ich bin dort, wo er nicht sein kann, vertrete die FIS auf Veranstaltungen. Aber ich bin eben auch Mitglied im Komitee für strategische Planung, da geht es darum, wie sich die FIS künftig aufstellt. Auch wenn ich nicht in alle Details involviert bin. Soll heißen: Ich entscheide nicht mit, ob und wie viele Wild Cards Marcel Hirscher bekommt.
Ich sehe die Kritiker, die sagen, Sie wären nur die „Vorzeigefrau“, die auf Veranstaltungen glänzt ...
Mit kritischen Stimmen lebe ich immer schon – das war im Sport so und auch beim ORF. Und ja, es mag manche geben, die sagen: Ich tauche auf, mache ein schönes Foto und bin wieder weg. Aber das ist genau das, was ich nicht mache. Ich bin hier, um den Sport weiterzubringen, das ist das Ziel, und da mische ich mich auch ein. Ich möchte was weiterbringen, bin gerade dabei, Partner wieder ins Boot zu holen. Meine Tätigkeit ist umfangreich, ich versuche, viel zu bewegen. Mir geht es um die Athleten und darum, ihnen die Möglichkeit zu bieten, zu globalen Superstars werden zu können.
Kann man das im Skisport?
Natürlich! Eileen Gu und Lindsey Vonn machen es vor. Logisch geht hier viel über das Visuelle, wie es die beiden schaffen, sich selbst zu vermarkten. Und ich weiß natürlich, dass sich das nicht für jeden ausgeht. Aber wir können versuchen, eine Basis zu bieten. Wir wissen: In China funktioniert Freestyle super, da muss ich jetzt ja nicht noch einen Slalom reinzwängen. Zumindest noch nicht. Wir sollten uns darauf fokussieren, worin wir wo gut sind, und Athleten eine Bühne geben, auch über Olympia.
Zur Person
Alexandra Meissnitzer, geboren 1973 in Abtenau, ist eine ehemalige österreichische Skirennläuferin. Die zweifache Weltmeisterin von 1999 gewann in der Saison 1998/99 den Gesamtweltcup, feierte 14 Weltcupsiege und holte drei olympische Medaillen. Nach ihrem Karriereende im Jahr 2008 war die Salzburgerin 16 Jahre lang als Ski-Expertin und Moderatorin im ORF tätig. Im August wurde Meissnitzer „Director of Strategy & Public Affairs“ bei der FIS. Zuvor kritisierte sie FIS-Präsident Johan Eliasch und wurde daraufhin vom FIS-Kongress ausgeladen.
Aber trotzdem: Ist Skisport so global?
Fußball und Tennis werden weltweit gespielt, ja. Wir sind limitierter, das ist mir schon klar. Aber wir haben auch andere Möglichkeiten. Ich bitte alle Beteiligten, sich nicht permanent selbst einzuschränken, sich selbst nicht kleiner zu machen, als wir sind. Wir sind es oft selbst, die uns die Limits setzen und sagen: Das können wir nicht, weil …
Was kann der Skisport denn?
Wir sollten einfach das nutzen, was wir haben – und vielleicht entsteht daraus Größeres. Wir müssen ja nicht Weltsportart Nummer eins werden. Aber, um ein Beispiel zu nennen: Dank Lucas Pinheiro Braathen wird der Skisport auf einmal auch in Brasilien wahrgenommen und verfolgt. Womit ich beim Ausgangspunkt bin: Unser Asset sind die Athletinnen und Athleten, darauf muss der Fokus liegen.
Sollen wir kurz über den abgewählten Präsidenten reden?
Was ich schon sagen möchte: Johan Eliasch ist ein großer Visionär, er hatte gute Ideen. Wir sind dabei, nun vieles zu optimieren. Ich habe mich gerade durch viele Unterlagen gearbeitet, die seit 2021 in den diversen Arbeitsgruppen erstellt wurden. Es ist unglaublich, welche Ideen da am Tisch liegen. Wir sind dabei, alles zu optimieren, es liegt viel da. Es ist an der Zeit, umzusetzen, neu zu denken. Ich bin auch kein Freund davon, sich mit fremden Federn zu schmücken. Ganz viele Ideen bestehen bereits. Aber die FIS ist eben ein Riesenapparat, da bist du im ersten Moment wenig flexibel. Aber jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo die Strukturen offen sind. Es gilt, Akzente zu setzen.
Zuletzt wurden die Finanzen der FIS offengelegt, das Vermögen ist um 50 Prozent geschmolzen. Muss man sich Sorgen machen?
Nein, die hätte man sich nur machen müssen, wenn man so weitergearbeitet hätte. Und man muss ja sagen: Viel Geld ist nicht einfach verschwunden oder wurde einfach verprasst – es wurde investiert, in die Digitalisierung und, und, und. Natürlich sollen sich Investments irgendwann rentieren. Mit dem neuen Präsidenten werden Prozesse nun angeschaut, optimiert, mit Urs Lehmann haben wir auch jemanden, der aus der Wirtschaft kommt, Ahnung hat. Bequem ist das nicht, das ist allen klar. Aber noch einmal: Wir haben seit 40 Jahren dasselbe System. Genau jetzt gibt es eine Chance, etwas zu bewegen. Da muss man gerade in den ersten Monaten Weichen stellen, auch wenn das nicht immer lustig ist.

Apropos nicht lustig: Manche finden es nicht lustig, dass man Ende Oktober schon Weltcuprennen auf dem Gletscher fährt. Was entgegnen Sie?
Im Fußball, der Formel 1 oder Tennis redet keiner über eine ganzjährige Planung. Der Unterschied ist, dass der Klimawandel im Skisport sichtbar wird. Aber es ist nicht der Skisport schuld am Klimawandel, hier sind wir alle in der Verantwortung, ausnahmslos. Und wenn man beobachtet, wie in Sölden gearbeitet wird – seit Jahren werden Depots angelegt, mit dem Schnee der Vorsaison gearbeitet. Es wird also sehr bewusst und sensibel vorgegangen.
Wo liegt dann das Problem?
Es geht darum, sich nicht zwischen Ökologie und Ökonomie entscheiden zu müssen. Es geht darum, zu verbinden, auch hier. Wir versuchen, gut zu planen, weniger zu reisen, auch wenn es ohne Reisen einfach nicht geht. Sölden ist früh im Jahr, ja, aber so, wie hier gearbeitet wird, machen wir den Gletscher nicht kaputt, im Gegenteil. Und klar ist auch: Der Skisport hat nur wenige Monate zur Verfügung. Sonst bleibt nur die Südhalbkugel oder Skihallen.
So wie sie der ÖSV in Österreich fordert?
Ja, aber hier darf es nicht nur um Rennsport und den Weltcup gehen, man könnte auch mit Kontinentalbewerben, also z. B. dem Europacup, starten. Und klar: Wintersport bedeutet Natur, draußen sein. Aber man sollte schon überlegen, ob das nicht eine echte Chance wäre. Ich würde mir wünschen, dass nicht bei jeder Sache sofort gesagt wird: ‚Nein, das ist nix G‘scheites‘. Man sollte sich schon alles anschauen.
Also brauchen wir eine Skihalle?
Mir geht es in der Sache weniger um den Spitzensport. Aber wenn wir eine Skihalle hätten, wo sie geographisch hinpasst, und dadurch wieder mehr Kinder das Skifahren lernen, dann. Ja, bitte! Ich will, dass Kinder die Chance haben, den Sport zu erlernen und auszuüben. Bei uns hat Skisport Tradition und ist schon ein Stück weit Identität des Landes, das ist auch nichts Verwerfliches. Ich hab dazu erst kürzlich auf der Uni in Innsbruck eine Studie gehört, die Erstaunliches sagt.
Nämlich was?
Man hat Kinder zwischen 6 und 16 gefragt, was das Schönste im Winterurlaub ist. Und da kam heraus: Die Familienabfahrt liegt klar vorne! Es ist das Erlebnis Winter, das Miteinander. Und erst dann kommt Kaiserschmarren auf der Hütte und Co. und dann erst das Handy.

Ich komme nochmal zu Ihnen – Sie sind auf vielen Ebenen unterwegs, auch noch in der Gastronomie?
Nein, nach 15 Jahren habe ich das „Genussprojekt“ aus zeitlichen Gründen sein lassen. Mein Schwerpunkt hat sich auf die Kommunikation, auf meine Arbeit, Vorträge usw. verlegt. Dazu mache ich aktuell ein Programm für angehende Aufsichtsräte und Stiftungsvorstände, das ist sehr interessant. Das interessiert mich sehr. Aber das ist auch mit viel Verantwortung verbunden, also will ich das nicht nur einfach machen wollen, sondern gut ausgebildet sein.
Wie viele Stunden hat Ihr Tag eigentlich?
Er beginnt jedenfalls um 5 Uhr früh, weil ich diese Zeit liebe, da ist es ruhig, vor den ersten Besprechungen. Ich hab‘ keine 40-Stunden-Woche, das ginge sich nicht aus. Dafür muss ich sagen, dass nach 22 Uhr nicht mehr meine Zeit ist, da bin ich meist schon im Bett.
Bleibt Zeit für Hobbys?
Was ich brauche, ist Bewegung in der Natur. Ich fahre nach wie vor sehr gern Ski, und ich kann sagen: Ich sehe so viele Skigebiete, aber das, was wir in Österreich haben und machen, ist einzigartig und wirklich sehr gut. Da geht es auch um Nachhaltigkeit, was wie gebaut und investiert wird. Dann Gastronomie, Hotellerie und die Pisten – da braucht man nirgends anders hin, hier wird ein sehr guter Job gemacht.
Haben Sie nie daran gedacht, selbst eine Familie zu haben?
Ich habe nie eine bewusste Entscheidung getroffen, dass ich mich auf eine Karriere konzentriere und das Privatleben hintanstelle. Aber, was stimmt: Ich lebe allein, daher bin ich auch flexibel. Aber das heißt ja nicht, dass sich das nicht einmal ändern kann und soll, das hat sich so ergeben. Vielleicht ändert sich das ja auch, wenn‘s denn einmal passt – und dann wird das Privatleben wichtiger.