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Villach: Vor 42 Jahren verliebte sie sich in die Engelwirtskeusche

Die gebürtige Treffnerin Erna Müller (86) kaufte 1984 eines der ältesten Häuser Kärntens und renovierte es detailgetreu.

© Helmuth Weichselbraun
Engelwirtskeusche Töbring Villach
Klaus Steiner
Regionalbüro Villach

Blumen quellen aus den Kästen und ranken sich über das Holz. Die Engelwirtskeusche an der Töbringer Straße in St. Ruprecht bei Villach zieht die Blicke der Vorbeifahrenden auf sich. „Oft bleiben Menschen stehen und fragen, ob sie das Haus fotografieren dürfen“, erzählt Besitzerin Erna Müller (86). Hinter der Fassade verbergen sich rund 500 Jahre Geschichte, Goldgräbersagen und mancher ungebetene Gast.

Kaum ist die Eingangstür geöffnet, scheint die Zeit stillzustehen. Eine steile Holztreppe führt ins Obergeschoss, daneben liegt die Rauchkuchl, in der einst Fleisch und Würste geselcht wurden. Die niedrigen Türstöcke haben schon manchem Besucher eine Beule beschert. In der Küche lassen alte Bauernmöbel erahnen, wie hier früher gekocht und gemeinsam gegessen wurde. Müller hat den ursprünglichen Charakter bewusst bewahrt. Nur das geflieste Badezimmer mit Badewanne wirkt zwischen all dem alten Holz beinahe fremd.

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Oft bleiben Menschen stehen und fotografieren das alte Bauernhaus
Oft bleiben Menschen stehen und fotografieren das alte Bauernhaus © Helmuth Weichselbraun

Eine Ruine wird zum Schmuckstück

Dass die Keusche noch steht, ist Müller zu verdanken. Die frühere Landwirtin fuhr auf dem Weg nach Villach immer wieder daran vorbei und verliebte sich in das verfallene Haus. Es sollte abgerissen werden. Am 26. Februar 1984 kaufte sie die Ruine. Zwölf Lastwagenladungen Schutt und Müll mussten hinaus, ehe sie im Juli desselben Jahres ihr Geschäft „Liebe Dinge“ eröffnete. „Für mich war es eine schöne Herausforderung“, sagt sie. Bereut habe sie den Kauf keinen Augenblick.

Zuvor hatte Müller in der Einöde als Landwirtin und Pionierin des Urlaubs am Bauernhof mit ihrem damaligen Mann Ferienhäuser vermietet. In der Keusche verkaufte sie, ganz im Gegensatz zu ihrem bisherigen Leben, ausgefallene Trachtenmode, Geschenkartikel und bäuerliches Kunsthandwerk. Zudem dekorierte sie Hochzeiten und sogar ein Möbelhaus. „Mein Kopf war immer voll Ideen“, sagt sie. Ein weiteres Zeugnis ihrer Tatkraft steht gleich nebenan: Ein altes Haus entdeckte sie in Arriach, kaufte es um 40.000 Schilling und ließ es neben der Keusche wieder aufbauen.

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Die niedrigen Türen sorgten bei manchen Besucherinnen und Besuchern für Kopfschmerzen
Die niedrigen Türen sorgten bei manchen Besucherinnen und Besuchern für Kopfschmerzen © Helmuth Weichselbraun

Als Goldgräber hier einkehrten

Die Keusche selbst stammt vermutlich aus dem 16. Jahrhundert und zählt zu den ältesten erhaltenen Häusern der Gegend. Im 17. Jahrhundert besaßen die damaligen Besitzer eine Gastgewerbeberechtigung. Damals sollen, so heißt es, hier Knappen eingekehrt sein, die am Oswaldiberg Gold schürften. Später war sie ein schlichtes Wohnhaus, in dem zeitweise eine Familie mit sechs Kindern lebte, und sogar ein Tattoo-Studio befand sich in den Räumlichkeiten.

Um den Goldabbau am Oswaldiberg hinter der Keusche rankt sich auch eine düstere Sage. Einst sollen die Knappen dort so reich geworden sein, dass sie aus Übermut grausame Streiche spielten. Während eine arme Frau von nebenan nach Villach geschickt wurde, schlachteten sie ihre einzige Kuh, stopften deren Haut mit Stroh aus und stellten sie zurück in den Stall. Als die Frau bei ihrer Rückkehr die Tat entdeckte und erfuhr, wer dahintersteckte, ließ sie von einem verwandten Schmied eine eiserne Henne anfertigen. Diese stellte sie im ergiebigsten Stollen auf und verfluchte das Bergwerk: So wenig die Henne jemals Eier legen werde, so wenig Gold solle der Berg künftig hergeben. Der Sage nach fanden die Knappen schon wenige Tage später nur noch wertloses Gestein.

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Die Rauchkuchl ist der erste Blickfang, wenn man das Haus betritt
Die Rauchkuchl ist der erste Blickfang, wenn man das Haus betritt © Helmuth Weichselbraun

Ungebetene Gäste und alte Erinnerungen

Nicht alle Geschichten sind so düster. Einmal hatte sich eine Schlange in der Bluse eines Dirndls versteckt, das eine Kundin im Obergeschoss anprobieren wollte. Auch von ihrem verstorbenen zweiten Mann erzählt Müller mit leuchtenden Augen. Sie hatte ihn einst unter einem Apfelbaum schlafend kennengelernt. Der Arzt aus der DDR zog zwei Jahre später nach Kärnten und teilte ihre Begeisterung für das alte Haus.

Zuletzt wurde die rund 70 Quadratmeter große Keusche vermietet. Künftig sollen wieder touristische Gäste einziehen. „WLAN gibt es nicht. Dafür jede Menge Geschichte“, lacht Müller. Draußen sorgt sie weiterhin selbst für die Blumen, im Sommer bis zu zwei Stunden täglich. Die Liebe zu diesem Haus ist nach mehr als vier Jahrzehnten noch immer nicht verblüht.