Tiefenbohrung auf einer der spannendsten Baustellen der Steiermark
In St. Marein bei Graz sind die Arbeiten für das Projekt „Geothermie“ gestartet: Auf einer riesigen Baustelle wird die Tiefenbohrung nach Wasser vorbereitet, um so im besten Fall das Grazer Fernwärmenetz zu speisen.

Man fährt über Stock und Stein sowie durch idyllische Wälder, vorbei an Bauernhöfen, die frische Eier oder auch Most und Kernöl anbieten – um plötzlich vor einer riesigen Baustelle zu stehen, auf der an diesem Montagmorgen emsig gearbeitet wird. Und sich die Freude über den spontanen Besuch der Kleinen Zeitung in Grenzen hält, so ganz ohne Anmeldung, Helm und Sicherheitsschuhe. Aber wir schauen uns bloß von den öffentlichen Straßen aus jene „öffentliche“ Baustelle an, die zu den ungewöhnlichsten in der Steiermark gehört: Hier in St. Marein bei Graz wird die Erkundungsbohrung nach heißem Wasser vorbereitet – in einer Tiefe von bis zu 4000 Metern.
Dahinter steckt der 500 Millionen Euro schwere Plan, das Grazer Fernwärmenetz erstmals mit der gespeicherten Wärme von Wasser aus dem Untergrund zu füttern. „Geothermie“ nennt sich dieses Unterfangen, mit dessen Hilfe man angesichts globaler Spannungen unabhängiger von Gasimporten werden will. Der Mineralölkonzern OMV, der hier gemeinsam mit der Stadt Graz und der Energie Steiermark an einem Strang zieht, setzte dabei heuer im Frühjahr die ersten Schritte: Zwischen Feldbach, Weiz, Hartberg und dem Grazer Umland waren zehn Meter lange sowie bis zu 30 Tonnen schwere Lkw aufgefahren, um dank reflektierender Schallwellen auf Heißwasservorkommen in der Tiefe zu stoßen.
In St. Marein bei Graz gingen dabei die Daumen in die Höhe. Also kommt es hier im Osten der Landeshauptstadt – nach erfolgreicher wasserrechtlicher Verhandlung – seit wenigen Tagen zum nächsten großen Schritt: „Ja, der Bohrplatz für die Erkundungsbohrung wird bereits eingerichtet. Das macht alles die OMV“, meinte Bürgermeister Franz Knauhs im Vorfeld am Telefon. „Wir haben alle notwendigen Genehmigungen und konnten daher mit der Errichtung des Bohrplatzes beginnen“, bestätigte OMV-Sprecherin Elena Menasse.

Baustelle wie im Kinderbuch
Vor Ort entpuppt sich dieses Einrichten auf einem ehemaligen Acker in Petersdorf II, der vom privaten Besitzer gepachtet wurde, dann als Paradebaustelle für Kinderbücher: Hier schleppen mehrere Bauarbeiter lange Rohre, dort hält jemand einen „Stab“, um die beste Lage für Stromleitungen zu erkunden – und ein Bagger taucht überhaupt in ein riesiges Loch ab, das die Hauptrolle spielt: Hier wird jener Bohrturm eingerichtet, mit dessen Hilfe warmes Wasser an die Oberfläche gepumpt, die Wärme dann gespeichert und das „abgekühlte“ Wasser wieder der Erde zugeführt werden soll.
Bohrung und Testphase werden rund drei bis vier Monate in Anspruch nehmen.
— Heißt es auf der „Tiefenkraft“-Homepage
„Diese Bohrung dient dazu, zentrale geologische und hydrologische Annahmen zu überprüfen und die wirtschaftliche Machbarkeit des Projekts zu bewerten“, heißt es dazu auch auf der eigens eingerichteten „Tiefenkraft“-Homepage. Die laufenden Vorbereitungsarbeiten, welche unter anderem auch Lärmschutzwände vorsehen, sollen bis Ende November abgeschlossen sein, der Beginn der eigentlichen Bohrung ist aus jetziger Sicht für Anfang Dezember vorgesehen – begleitet von einem „Besucherzentrum“ samt relevanter Infos. Fallen diese Erkundungen positiv aus, wird in einem nächsten Schritt eine erste „Geothermiedublette“ errichtet: um also Wasser nach oben zu fördern und dann wieder nach unten zu pumpen.

Paukenschlag
Die wichtigste Weichenstellung war ja schon im Vorfeld erfolgt, als das ganze Projekt plötzlich auf der Kippe stand: Ende 2025 drückten Verantwortliche bei der OMV mit Verweis auf fehlende Beschlüsse seitens der Stadt Graz auf die Stopptaste. Als Antwort sprach man unterm Uhrturm von offenen Haftungsfragen. Schließlich konnte man sich auf folgende Lösung einigen: Die Energie Steiermark erhält aus Graz zehn Jahre lang eine „Risikoprämie“ über 3,5 Millionen Euro pro Jahr. Das Joint Venture von OMV (75 Prozent) und Energie Steiermark (25 Prozent) wiederum stemmt Bohrung und Energieaufbringung, die Energie Steiermark würde die 150 Millionen Euro teuren Leitungen bis nach Graz errichten und die Energie Graz schließlich für die Verteilung der Wärme an die Haushalte sorgen.