Die Geisterstadt der Epidemien ist heute eine Touristenattraktion
Der tägliche Morgenpost-Kommentar aus der Redaktion. Heute: vom Pestverdacht in Russland zu einem Lost Place in Kroatien.
Der russische Präsident Wladimir Putin kämpft mit vielen Problemen, die im eigenen Land, wenn überhaupt, öffentlich sicher nur „Herausforderungen“ genannt werden. In der Vorwoche ist zu den bekannten „Spezialoperationen“ eine weitere dazugekommen: der Verdacht auf einen Ausbruch der Lungenpest in Sibirien.
Nach dem plötzlichen Tod einer 28-Jährigen, die im Labor eines Pestforschungszentrums in der ostsibirischen Stadt Irkutsk gearbeitet hatte, sprachen Lokalpolitiker zunächst von einem Pestfall. Sie löschten diese Postings aber rasch oder schwächten ihre Äußerungen ab. Offiziell war dann plötzlich von einer „Lungenentzündung unbekannter Ursache“ die Rede. Den unbeholfenen Beschwichtigungsversuchen („unbekannte Ursache“ klingt ja wahnsinnig beruhigend) standen umfangreiche Quarantänemaßnahmen vor Ort gegenüber.
Todesursache weiter ungeklärt
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) brachte am Samstag zumindest ein wenig Licht ins Dunkel. Sowohl die Verstorbene als auch ihre Kontaktpersonen seien mittlerweile auf zahlreiche Erreger inklusive Pest getestet worden – in allen Fällen mit negativem Ergebnis. Alle rund 200 Kontaktpersonen seien symptomfrei geblieben, ihre medizinische Überwachung wurde laut russischen Angaben inzwischen beendet und die WHO sieht keine Hinweise auf eine fortlaufende Übertragung. Offen bleibt die Frage, woran die 28-jährige Laborangestellte tatsächlich gestorben ist.
Für alle Verschwörungstheoretiker möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass Irkutsk ausgerechnet im Brettspiel „Risiko“ ein wichtiges Territorium ist. Im französischen Original heißt das schon 1957 erschienene Spiel „La Conquête du Monde“, also „Die Eroberung der Welt“. Bei so vielen Zufällen fliegt einem ja der Aluhut vom Kopf! Satire-Ende.
Nur drei Familien überlebten
Wenn sie rechtzeitig erkannt und rasch mit Antibiotika behandelt wird, ist die Lungenpest zum Glück heilbar. Das war nicht immer so. Ein morbides Beispiel dafür und gleichzeitig ein ebenso morbider Ausflugstipp für Ihren nächsten Kroatien-Urlaub ist Dvigrad im Lim-Tal auf der Adria-Halbinsel Istrien. Von den vormals rund 1000 Einwohnern lebten nach Cholera-, Malaria- und Pestepidemien 1650 nur noch drei Familien, die schließlich freiwillig die Flucht ergriffen. Dvigrad blieb als Geisterstadt zurück. Bis heute.
Im Sommer tummeln sich Touristen zwischen den frei zugänglichen Ruinen, im Winter Bauarbeiter. Sie sind damit beschäftigt, die Überreste der mehr als 220 Häuser zu konservieren. Wo der Verfall gestoppt werden konnte, ist leicht zu erkennen. Der Rest des Areals wird weiter von der Natur regiert. Auf Neuhochdeutsch: ein Lost Place.
Der kroatische Name Dvigrad geht auf das lateinische „Duo Castra“ (zwei Befestigungen) zurück und erzählt die Entstehungsgeschichte der Stadt: Sie wuchs aus zwei Burgen zusammen. Die Siedlung war wegen ihrer strategisch günstigen Lage begehrt, außerdem blühte der Handel durch die Nähe zum Limski-Kanal. In dem fünf Kilometer entfernten Meeresarm betrieben schon die Römer ertragreiche Fisch- und Muschelzuchten.
Am höchsten Punkt von Dvigrad stand neben dem Stadtpalast die Kirche, die der heiligen Sophia geweiht war. Die letzte Umbauphase datiert auf das 14. Jahrhundert. Bemerkenswert ist, dass hier noch bis 1801 Gottesdienste stattfanden, obwohl die Stadt rundherum längst leer stand. Vielleicht feierte man die gespenstischen Messen im Gedenken an die hier verscharrten Pestopfer. 2005 legten Archäologen im Kirchenareal zahlreiche Gräber mit menschlichen Gebeinen frei. Die Anordnung der Skelette lässt Forscher „eine unordentliche Sammelbestattung vermutlich während einer Epidemie“ vermuten.
Bleiben Sie gesund, geimpft und grüßen Sie mir Dvigrad, sollten Sie den Lost Place einmal besuchen!
Buchtipp
Dvigrad und andere „dunkle Orte“ werden im Buch „Vergessen & verdrängt – Dark Places im Alpen-Adria-Raum“ beschrieben, das im Styria-Verlag erschienen und im Kleine-Zeitung-Shop erhältlich ist.