ORF-Reporter unter Beschuss: Christian Wehrschütz ist 65

Der ORF ohne Christian Wehrschütz? Kaum auszudenken. Über 25 Jahre betreute er als Korrespondent den Balkan. Seit über zehn turbulenten Jahren lieferte er zudem Reportagen und Analysen aus der Ukraine. Dabei war sein Leben mehrfach bedroht. Bald kann Wehrschütz aber ausschnaufen, feiert er am Freitag, 9. Oktober, doch seinen 65. Geburtstag. Mit Ende Oktober gibt er das Ukraine-Büro ab, mit Jahresende tritt er seine Pension an. Den Balkon-Muppet will er dann nicht spielen.
Wehrschütz wurde 1961 in Graz geboren und studierte Jus und Slawistik in der Steirischen Landeshauptstadt. "Da ich mich nie manipulieren lasse, wollte ich im Kalten Krieg auch die Sprache der zweiten Supermacht beherrschen", erklärte er seine Studienwahl einst in einem "Kurier"-Interview. Mittlerweile spricht er auch etliche weitere Sprachen wie Ukrainisch, Serbisch und Mazedonisch - und das nicht ohne Grund, ist es doch seine Überzeugung, "dass ich nicht aus Ländern berichte, wo ich nicht einmal ein Taxi in der Landessprache bestellen kann".
Seine journalistische Karriere startete er nicht im ORF, aus dem man ihn seit Jahrzehnten kennt. Viel mehr schrieb er anfänglich für die später als rechtsextrem eingestufte "Aula". Von 1987 bis 1990 war er zudem Chefredakteur der "Neuen Freie Zeitung" der FPÖ. Die Parteimitgliedschaft legte er 2002 zurück und erklärte das später damit, dass die FPÖ seine Erwartungen nicht erfüllt habe, er aber nach wie vor der Meinung sei, dass Österreich einen "dritten Weg zwischen den Großparteien" brauche, um ein offener, liberaler Staat zu werden.
Im ORF ist der "überzeugte Steirer" seit 1991 tätig - zunächst in der Teletext-Redaktion, später im Hörfunk. Erste Luft als Korrespondent schnupperte er für wenige Monate in Brüssel. 1999 wurde er schließlich zum fixen ORF-Korrespondenten in Belgrad bestellt. Er sollte das Büro mit Zuständigkeit für das gesamte ehemalige Jugoslawien und Albanien über ein Vierteljahrhundert bis Ende Juli 2026 betreuen. 2015 übernahm Wehrschütz, der als Milizoffizier auch auf militärische Expertise verweisen kann, zusätzlich die Ukraine-Berichterstattung.
"25 Jahre zwischen Krise, Krieg und Hoffnung" lautet der Untertitel von Wehrschütz' 2025 erschienenem Buch "Frontlinien". Darin erzählt er von einem Arbeitsleben im Ausnahmezustand. Schon 2001 erlebte Wehrschütz seinen "zweiten Geburtstag", als im Rahmen des Mazedonien-Konflikts ein Albaner in unmittelbarer Nähe zu ihm zur Waffe griff, aber noch rechtzeitig von Polizisten erschossen wurde. 2022 wurde das Hotel von Wehrschütz im ukrainischen Nikopol beschossen, wobei das Dach und mehrere Zimmer beschädigt wurden. 2025 kam er in der Ostukraine bei einem Drohnenangriff auf das Auto seines Teams nur knapp mit dem Leben davon. Er musste aus dem Gefährt springen, Augenblicke danach schlug die Drohne ein. "Wir hatten mehrere Schutzengel", hielt er damals fest.
Dennoch bereut er keinen einzigen Einsatz, wie er der APA kürzlich sagte. Nicht einmal den als Gegenkandidat zu Alexander Wrabetz im Rennen um die Generaldirektoren-Wahl des ORF 2011, wobei Wehrschütz keine Stimmen erhielt. Allerdings sei die Berichterstattung im Lauf der Zeit immer "gefährlicher und unberechenbarer" geworden. "Der Mazedonien-Krieg 2001 war noch ein Krieg mit Minen, Scharfschützen, Artillerie. Da konnte ich abschätzen, wo das sichere Hinterland anfängt. Das gibt es im Ukraine-Krieg heute nicht mehr. Wir reden von Todeszonen. Die Ausweitung des Drohnen- und Raketenkrieges auf beiden Seiten hat dazu geführt, dass man immer häufiger zur falschen Zeit am falschen Ort sein könnte", erklärte er.
Als "Kriegs- oder Krisenreporter" sieht er sich überraschenderweise nicht. "Ich bin Korrespondent des ORF, den das Schicksal dahingehend ereilt hat, dass es dort, wohin er entsandt wurde, Kriege gibt. Ich habe mich diesen Kriegen gestellt und darüber so gut wie möglich berichtet", sagte er. Überhaupt wollte er ursprünglich Korrespondent in Russland werden. "Das Ironische daran ist: Als es mir dann tatsächlich angeboten wurde, habe ich abgelehnt. Ich wollte die Ukraine und den Balkan nicht aufgeben", erinnerte er sich.
Als Ausgleich zu den Schrecken, mit denen er in seiner täglichen Arbeit konfrontiert ist, führt Wehrschütz seine Familie an. Diese bangt regelmäßig um sein Leben. Dennoch habe er nie mit dem Gedanken gespielt aufzuhören. Erst nach Lektüre des von der jüngeren seiner zwei Töchtern verfassten Vorworts für sein Anfang November erscheinendes Buch "Heimkehr. Aufbruch in ein unentdecktes Land" sei ihm bewusst geworden, "wie tiefgreifend die Folgen sind, die derartige Ängste auslösen".
Ukrainische Behörden waren nicht immer glücklich über Wehrschütz' Berichterstattung. 2019 wurde er wegen "antiukrainischer Propaganda" mit einem Einreiseverbot belegt, die Entscheidung bald aber wieder aufgehoben. 2023 folgte der Entzug der militärischen Akkreditierung, wodurch er nicht mehr in Frontnähe durfte, um zu berichten. Dass er auf der Seite Russlands stehe, bezeichnete Wehrschütz als "Schwachsinn". Akkreditierungen seien "Herrschaftsinstrumente zur Informationskontrolle", meinte er und betonte, sich in seiner Berichterstattung nie beeinflussen haben zu lassen. "Besser keine Akkreditierung und dafür kann ich immer noch in den Spiegel schauen."
Am 9. Oktober geht es für Wehrschütz noch einmal in die Ukraine. Sein Korrespondentenabschied ist dann nicht mehr fern. Auf diesen blickt er mit "gemischten Gefühlen". Einerseits sei es das Schönste für einen Journalisten, Korrespondent zu sein, zeigte er sich überzeugt. Andererseits werde die Situation in der Ukraine immer unkalkulierbarer und müsse er auch nicht mehr unbedingt "für jeden 50-Sekünder im Radio parat stehen".
Den Balkon-Muppet will Wehrschütz in seiner Pension nicht spielen. Ganz ruhig wird es um ihn aber nicht werden, soll er für seinen Verlag doch noch weitere Bücher anfertigen. Und wer weiß, vielleicht gesellt sich zu seinen Auszeichnungen wie dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2023), dem Dr.-Karl-Renner-Solidaritätspreis für Berichterstattung aus Kriegsgebieten (2026) oder auch der Würdigung als "Journalist des Jahres" (2014) noch eine weitere hinzu.