David Ulrich: Stille Kraft im Vulkanland-Weinbau
David Ulrich ist der stille Mann vom Weinhof Ulrich – und vielleicht passt gerade das ziemlich gut zu seinen Weinen.

Wer im Vulkanland nach einer Eruption sucht, landet bei David Ulrich zunächst einmal beim falschen Mann. Der Winzer aus St. Anna am Aigen ist keiner, der beim Betreten eines Raumes automatisch dessen Lautstärke verdoppelt. Eher im Gegenteil. „Die Leute haben eigentlich so im Kopf, dass ich der ruhigere Typ bin“, sagt er. Das kann man so stehen lassen. Denn während andere ihre Erfolge gerne mit dem Megafon verkünden, lässt Ulrich bevorzugt den Inhalt der Flaschen sprechen. Und der hatte zuletzt einiges zu erzählen.
Seit 1893 gibt es den Weinhof Ulrich, David führt ihn in fünfter Generation gemeinsam mit seiner Familie weiter. Wobei „Traditionsbetrieb“ schnell nach staubigem Familienalbum klingt. Tatsächlich war der Hof lange ein gemischter landwirtschaftlicher Betrieb zur Eigenversorgung. Erst mit den Großeltern rückte der Wein stärker ins Zentrum. Der Großvater begann, Wein in Flaschen abzufüllen, statt ihn – wie damals üblich – direkt aus dem Holzfass beziehungsweise im Doppler zu verkaufen. Aus rund drei Viertel Hektar Rebfläche wurde über die Generationen ein vielfach ausgezeichneter Weinbetrieb.
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Und nun David. Seit zwölf Jahren arbeitet er am Hof, seit sechs, sieben Jahren verantwortet er die Weinbereitung selbst. Vater Rupert ist trotzdem noch da. Was bei Familienbetrieben bekanntlich ungefähr so konfliktfrei sein kann wie die Frage, wer zu Weihnachten den Kartoffelsalat richtig macht. Bei den Ulrichs klingt es erstaunlich unspektakulär. Natürlich gebe es Meinungsverschiedenheiten, sagt David. Und wenn man sich einmal nicht einig werde, „dann macht man es vielleicht trotzdem so, wie ich es jetzt gerne hätte“. Revolution auf Vulkanländisch.

Vom Vater übernommen hat er vor allem die klare, fruchtbetonte Stilistik. Verändert wurde weniger das Was als das Wie: mehr Zeit im Keller, längere Reife, stärkere Beschäftigung mit Orts- und Riedenweinen. Naturwein? Eher nicht seine Baustelle. Ulrich bleibt lieber klassisch. Selbst sein „Galileo“, der in einer Betonkugel ausgebaut wird, soll kein vinophiles Zirkusstück sein, sondern weiterhin nach Ulrich schmecken. Tradition heißt hier also nicht, dass alles bleibt, wie es war. Sondern dass man ziemlich genau weiß, was bleiben soll.
Dass dieser Weg funktioniert, lässt sich mittlerweile schwer übersehen. 2025 wurde der Weinhof nach 2013 und 2019 zum dritten Mal zum steirischen „Weingut des Jahres“ gekürt – und holte gleichzeitig drei Landessiege: mit Sauvignon Blanc St. Anna, Sauvignon Blanc Ried Hochstraden und Chardonnay Ried Tamberg. Dazu kommen über die Jahre zahlreiche weitere Siege und Auszeichnungen. Bei der Kleinen Zeitung Weinkost war Ulrich ebenfalls schon mehrfach ganz vorne dabei.

Das Erstaunliche daran: David Ulrich wirkt trotzdem nicht wie jemand, der morgens vor dem Spiegel „Erfolg!“ ruft. Auszeichnungen seien schön, sagt er, entscheidend bleibe, dass die Weinqualität passe und die Kunden gerne wiederkommen. Fast schon verdächtig vernünftig.
Vielleicht passt diese Ruhe aber auch zur Entwicklung des Vulkanlands. Die Region, die im steirischen Wein lange ein wenig im Schatten der Südsteiermark stand, hat in den vergangenen Jahren kräftig aufgeholt. Ulrich sieht den Grund nicht nur im Wein. Lebensmittelproduzenten, Gastronomie, Tourismus und Landwirtschaft hätten gemeinsam dazu beigetragen, dass die Region stärker wahrgenommen werde. Und natürlich die Winzer selbst.

Seit 25 Jahren gibt es etwa die Eruptionswinzer, heute neun Betriebe aus dem Vulkanland, die gemeinsam auftreten, verkosten, Veranstaltungen organisieren und voneinander lernen. Konkurrenz? Ulrich winkt ab. Er sei niemandem etwas neidisch. Auch im Keller werden Weine unter Kollegen verkostet und Ratschläge ausgetauscht. Anhören darf man sie sich schließlich. Was man danach damit macht, entscheidet jeder selbst.
Und dann ist da noch der Vulkan. Kann man ihn wirklich schmecken? Ganz so einfach macht es sich Ulrich nicht. Über mehrere Jahrgänge hinweg könne man bei einzelnen Rieden sehr wohl charakteristische Unterschiede erkennen. Bei Hochstraden etwa komme beim Sauvignon mit zunehmender Reife eine Feuerstein-Thematik dazu. Terroir ist für ihn trotzdem nicht bloß Boden. Auf die Frage, wie viel Natur und wie viel Winzer im Wein stecken, verteilt er diplomatisch: 50 Prozent Boden, 50 Prozent Handschrift.

Überhaupt ist Diplomatie eine seiner stärksten Rebsorten. Im Podcast „Wein oder Wahrheit“ soll er einen Winzer nennen, den er überhaupt nicht mag: keine Antwort, eine Flasche für die Verlosung. Wo liegt sein Vater weinbaufachlich völlig falsch? Wieder Schweigen, wieder Wein. Und als schließlich noch der aktuelle Kontostand verlangt wird, ist auch Flasche Nummer drei weg. Drei Flaschen verloren, Haltung bewahrt. Man könnte sagen: David Ulrich ist der seltene Beweis, dass es im Vulkanland auch ohne große Eruption ziemlich weit nach oben gehen kann.