Paris, wir haben ein Problem

Wenn meine Mode meine Persönlichkeit abbildet, habe ich kein Interesse, mich mit mir zu unterhalten.
Diese Woche ist die Paris Fashion Week zu Ende gegangen; ich habe mir etliche Bilder davon angesehen und war mehrmals sehr entzückt. Zum Beispiel von der Kopfbedeckung, die aussah, als wäre das Model kurz vor dem Runway mit der Frisur in einem Papierhandtuchspender stecken geblieben und hätte sich nicht mehr unversehrt daraus befreien können. Sehr gut gefielen mir auch die Schuhe im Knollenlook von Minnie Maus und ein Kleid, das aussah, als hätte der Hund sich an Omas Vorhängen vergangen.
Jetzt ist es natürlich der billigste Witz, sich über exaltiertere Mode lustig zu machen. Dass Kleidung ja wirklich nicht nur wärmen, bedecken oder schützen soll, ist, denke ich, mittlerweile gut vergemeinschaftet. Man setzt sich mit Hose, Jacke, Kleid & Co. in vorteilhaftes Licht, informiert die Welt über seine ästhetischen Vorstellungen und macht sich mit all dem zur wandelnden Leinwand der faszinierenden Persönlichkeit, die man ist. Wolle, Seide, Leder, Leinen, Nylon: Jeder Stoff, jeder Schnitt erzählt was über die Person, die ihn trägt, und konstruiert mit an der Identität, mit der man dem Rest der Menschheit begegnen möchte. Das finde ich gut.
Bin ich wirklich derart fad?
Nur habe ich jüngst wieder einmal versucht den Kleiderkasten aufzuräumen. Seit dieser Bestandsaufnahme bin ich recht erschüttert, denn wenn die Sachen, die ich mir über den Leib ziehe, davon erzählen, wer ich bin, muss ich mich eines sehr, sehr ernsthaft fragen: Bin ich wirklich derart fad? Hosen in Schwarz, Blau und Grau, darüber einfarbige Hemden und Sakkos. Unten Sneakers. Ich sehe aus, als könnte man mit mir einen ganzen Abend lang über Fahrradketten reden. Oder über Innenjalousien.
Ich weiß natürlich, ich bin ein Opfer aktueller Trends. Leute, die sich auskennen, geißeln die ästhetische Verflachung der Mode. Wer nicht zu den Fast-Fashion-Fans zählt, die bei Temu um 20 Euro 15 kg Garderobe bestellen, um die Hälfte bei Ankunft zu entsorgen, weil sie schon zu vorgestrig ausschaut, trägt heute ja leisen Luxus, Clean Girl Style oder Bore Core (Fadfetzen): Kleidung, die aussieht wie von den Eltern vererbt und so nachhaltig produziert ist, dass sogar die Enkel noch was davon haben werden (auch wenn sie das vermutlich eh nicht wollen).
Bei aller Überspanntheit erinnert die wilde Mode aus Mailand, Paris und New York also auch daran: Wir sind nicht nur auf der Welt, um guten Geschmack zu zeigen, man kann es auch einmal krachen lassen. In diesem Sinne: Minnie-Maus-Schuhe, ich komme. Zu den Papierhandtuchspendern bleibe ich noch auf Abstand.