Gruppenvergewaltigung an US-Elite-Uni? – Bestürzung in den USA
2024 soll eine damals 20-jährige Studentin an der US-Elite-Uni Cornell stundenlang von sieben Kommilitonen vergewaltigt worden sein. Angeklagt wurde niemand, fünf durften sogar an der Uni bleiben – nun wird aber wieder ermittelt.

Es hört sich abscheulich an: Eine wehrlose Frau soll von sieben Männern über Stunden missbraucht worden sein. Die Gruppenvergewaltigung an der US-Elite-Universität Cornell (Nummer 18 im aktuellen Uni-Ranking der „Times“) soll sich bereits im November 2024 zugetragen haben. Die Konsequenz bislang? Ein Essay über das Fehlverhalten, vorübergehende Suspendierungen, zwei Uni-Ausschlüsse und eine aufgelassene Studentenverbindung. Eine Anklage oder gar Haftstrafen gab es bislang nicht. Das könnte sich jetzt allerdings ändern, denn die Staatsanwaltschaft in Tompkins County im US-Staat New York nahm die Ermittlungen wieder auf. Doch warum erst jetzt und was soll in der verhängnisvollen Nacht genau passiert sein?
Was wirft die Studentin den mutmaßlichen Tätern und der Uni vor?
In der Nacht vom 19. auf den 20. Oktober 2024 sollen die sieben Studenten die Frau über Stunden im Verbindungshaus ihrer Bruderschaft Chi Phi missbraucht haben. In einem 101-seitigen Bericht zu ihrer Zivilklage, in der sie als Jane Doe (gleichzusetzen mit Erika Musterfrau) bezeichnet wird, hält sie fest, dass sie zum Zeitpunkt der Tat unter Alkohol- und Drogeneinfluss (Ketamine) stand und daher nicht ihr Einverständnis geben konnte. Die Tat soll geschehen sein, nachdem sie zunächst bei ihrer Schwesternschaft etwas getrunken hatte und dann zu Chi Phi gegangen sei, um einen Freund zu besuchen.
Der Cornell Universität, eines von acht Mitgliedern der Ivy League, wirft sie vor, nicht die entsprechenden Maßnahmen gesetzt zu haben. Auch sie wurde von Doe genauso wie Chi Phi, die an der Uni Cornell aufgelöst wurde, und ihre damalige Schwesternschaft verklagt.
Warum bekommt der Fall erst jetzt so große Aufmerksamkeit?
Weil vor zwei Jahren noch keine Anklage erhoben wurde und Staatsanwalt Matthew Van Houten berichtet hat, dass Jane Doe das Ausmaß der Tat damals anders dargestellt haben soll. In der damaligen eidesstattlichen Erklärung behauptete sie laut Van Houten noch nicht, unter Drogen gesetzt und gruppenvergewaltigt worden zu sein. Vielmehr gab sie an, dass alles freiwillig und mit ihrem Einverständnis geschehen sein soll.
Allerdings: Eine Mitschrift der damaligen Befragung der Polizei am Cornell-Campus, zu der Doe rund drei Wochen nach der Tat gegangen ist und die „CBS News“ vorliegt, soll anderes beweisen. Demnach soll sie unter anderem angegeben haben: „Ich kann mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass ich vergewaltigt wurde.“ Ihr Anwalt Thomas Guiffra kreidet den Ermittlungsbehörden an, den Hinweisen nicht entsprechend nachgegangen zu sein – vor allem dem Gruppenchat. Das Transkript der Befragung habe Van Houten nie gesehen, beteuerte er gegenüber „CBS News“. Gegenüber „CNN“ sagte Guiffra: „Ihre Handlungen [direkt danach] waren eine klassische Reaktion auf ein Trauma.“
Was hat es mit dem Gruppenchat auf sich?
Jane Does Aussage wird von Screenshots aus dem Gruppenchat der Chi Phi gestützt. In diesem tauschten sich die Verbindungsmitglieder in vulgärer Sprache darüber aus, dass die 20-Jährige zum Missbrauch zur Verfügung stehen würde. Bilder davon finden sich im Zivilklage-Akt.

Was waren bisher die Konsequenzen für die Studenten?
Die Universität leitete nach dem Vorfall eine Untersuchung ein. Zwei der sieben Studenten wurden daraufhin von der Universität verwiesen, während fünf mit vorübergehenden Suspendierungen und Workshops davonkamen. Besondere Aufmerksamkeit und große Empörung rief hervor, dass den mutmaßlichen Tätern die Möglichkeit eingeräumt wurde, mit Essays ihre Strafe zu mildern. Angeklagt bzw. verurteilt wurde noch niemand von ihnen.
Wie geht es nun weiter?
Eine Grand Jury wird darüber entscheiden, ob eine strafrechtliche Anklage gerechtfertigt ist, sobald geeignete Anklagepunkte festgelegt sind. In der Zwischenzeit wird weiter ermittelt.
Was sagt die Öffentlichkeit dazu?
Besonders in den USA schlägt der Fall riesige Wellen. Zigtausende Menschen prangern die mutmaßlichen Täter, die Ermittler und die Verantwortlichen der Universität an. Die Campus-Zeitung „The Cornell Daily Sun“ veröffentlichte am 21. September einen Artikel mit dem Titel „Cornell Won‘t, We Will“, in dem sie die Namen der sieben Verdächtigen veröffentlichten. Auch Prominente äußerten sich zu dem Fall. Es handle sich um eine „schreckliche Tat“, schrieb beispielsweise die Schauspielerin Florence Pugh bei Instagram. Sie forderte Männer auf, sich ebenfalls dazu zu äußern. „Seid doch bitte mit uns sauer.“ Der Schauspieler Hudson Williams postete die Bilder und Namen der sieben Verdächtigen in seiner Instagram-Story mit der Aufforderung: „Nehmt sie fest.“ Auch Josh Gad postete wie Pugh ein langes Statement in dem er unter anderem schreibt: „Wenn wir damit anfangen, einen Präzedenzfall zu schaffen, dass unsere Mädchen und Frauen brutal vergewaltigt werden dürfen und die daraus resultierende Disziplinarmaßnahme darin besteht, (siehe Notizen) AUFGABEN zu verteilen (als wäre es Bart Simpson, der ein kleiner Rabauke ist), in denen erklärt werden soll, warum es falsch war, ein unschuldiges Mädchen brutal zu vergewaltigen, dann haben wir den Verstand verloren.