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ÖVP und SPÖ: Der Tod als Gegner der einstigen Großparteien

180.000 Menschen, die 2019 die SPÖ gewählt hatten, gingen 2024 nicht mehr zur Wahl. Viele von ihnen dürften gestorben sein – denn die ehemaligen Großparteien punkten vor allem bei Älteren.

Schon seit Jahrzehnten haben ÖVP wie SPÖ ein Jugendproblem
© IMAGO/ CHROMORANGE / Weingartner
Schon seit Jahrzehnten haben ÖVP wie SPÖ ein Jugendproblem
Vilja Schiretz
Innenpolitik

Es sind Wähler, die auch der überzeugendste Spitzenkandidat nicht zurückholen könnte. Laut der Wählerstromanalyse, die das Foresight-Institut nach der jüngsten Nationalratswahl erstellt hat, gingen rund 180.000 Menschen, die 2019 noch für die SPÖ gestimmt hatten, 2024 nicht mehr zur Wahl. Dabei handelt es sich allerdings nicht nur um Personen, die beim Urnengang freiwillig zuhause geblieben sind – auch, wer im Laufe der Legislaturperiode gestorben ist, wird in dieser Statistik zum „Nichtwähler“.

Es sei nicht seriös zu beziffern, wie viele der 180.000 ehemaligen SPÖ-Wähler tatsächlich nicht mehr leben, erklärt Florian Oberhuber von Foresight. „Man müsste hier viele Faktoren herausrechnen, etwa eine langsame Bewegung in Richtung weniger häufig wählen.“ Immerhin kann ein alter Mensch am Leben sein, aber etwa aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an allen Wahlen teilnehmen. Klar ist aber: Für die beiden ehemaligen Großparteien, die tendenziell ältere Wählergruppen stärker ansprechen, ist die Demographie zum Problem geworden.

Gefälle zwischen Alt und Jung auch unter Kurz

Wählerstromanalysen betrachtet Staatswissenschaftler Laurenz Ennser-Jedenastik mit Vorsicht. Immerhin basieren diese nicht auf Umfragen, sondern auf dem Vergleich von Sprengelergebnissen, und gehen immer von einer Fiktion aus, wonach in beiden Wahljahren genau dieselben Personen wahlberechtigt waren. Ein grundsätzlicher Trend, wonach Ältere häufiger ÖVP und SPÖ wählen als Jüngere, gehe allerdings klar aus verlässlichen Umfragedaten hervor. Das traf bereits zu, als Rot und Schwarz tatsächlich noch Großparteien waren: Ennser-Jedenastik verweist auf die Nationalratswahl 1986, als ÖVP und SPÖ bei den über 60-Jährigen jeweils rund zehn Prozentpunkte besser abschnitten als bei den unter 30-Jährigen.

Dasselbe Muster ist auch bei den Wahlen in jüngerer Vergangenheit zu erkennen. 2017 und 2019 kam die SPÖ laut Foresight-Zahlen bei der älteren Wählergruppe immerhin noch auf über 30 Prozent, bei den Jüngeren nur auf rund die Hälfte. 2024 verringerte sich der Abstand auf 18 zu 24 Prozent – allerdings wurden als jüngste Altersgruppe diesmal die unter 35-Jährigen herangezogen, um eine ausreichend große Stichprobe auswerten zu können.

Dafür fiel 2024 das Altersgefälle bei der ÖVP besonders stark aus. So konnte die Volkspartei nur bei rund 20 Prozent der unter 35-Jährigen punkten, bei den über 60-Jährigen waren es fast doppelt so viele. Auch 2019, als die ÖVP unter Sebastian Kurz ihr bestes Ergebnis seit 2002 erzielte, blieb zwischen Alt und Jung ein Unterschied von rund 16 Prozentpunkten. Einzige Ausnahmen in den vergangenen zwei Jahrzehnten waren für die SPÖ die Nationalratswahl 2006 und für die ÖVP 2008. Hier schnitten die Parteien unter Alfred Gusenbauer beziehungsweise Wilhelm Molterer in beiden Altersgruppen nahezu gleich stark ab.

Alter allein nicht entscheidend für Wahlentscheidung

Aber wenden sich junge Menschen, die FPÖ, Grüne oder Neos wählen, im Laufe ihres Lebens den beiden Altparteien zu? Für Österreich gebe es dafür keine aussagekräftigen Daten, sagt Ennser-Jedenastik. Beruf, Familie und Lebensumstände könnten dazu führen, dass sich die Parteipräferenz im Laufe des Lebens verändert. Aus anderen Ländern wisse man, dass Wählerinnen und Wähler mit zunehmendem Alter etwas konservativer würden. Der entscheidende Faktor für die Wahlentscheidung sei es aber nicht, sagt Ennser-Jedenastik. „Wäre nur das persönliche Lebensalter relevant, hätten ÖVP und SPÖ über die vergangenen Jahrzehnte keine Stimmen verloren.“

Die Realität sieht freilich anders aus: Die SPÖ hat sich in den vergangenen 20 Jahren fast kontinuierlich verschlechtert, die ÖVP erlebte unter Sebastian Kurz nur eine vorübergehende Trendwende. Im selben Zeitraum sind in Österreich mehr als 1,5 Millionen Personen gestorben.

Wechselwähler einst die Ausnahme

Viele dieser Menschen dürften sich ihr ganzes Erwachsenenleben lang stark einer der beiden Großparteien verbunden gefühlt haben. Ist es heute für viele selbstverständlich, von Wahl zu Wahl einer anderen Partei ihre Stimme zu geben, waren Wechselwähler in Österreich bis in die 1980er-Jahre die Ausnahme.

Dass sich diese Entwicklung noch einmal umkehrt, erwartet Ennser-Jedenastik nicht. „Die heute jüngeren Generationen werden nie so ein stabiles, loyales Wahlverhalten aufweisen wie ihre Eltern und Großeltern.“ Die von Stammwählern und zwei Großparteien geprägten ersten Jahrzehnte der Zweiten Republik waren „eine historisch ziemlich einmalige Phase“.