Zwei Liezener Häuser und die Rolle, die sie für die Nazis spielten
Forschungsprojekt um die Rolle von Gebäuden in der NS-Zeit nahm auch Bezirksgericht und einstiges Vermessungsamt ins Visier. Das geschah in ihnen von 1938 bis 1945.

Was sich hinter den Fassaden diverser Gebäude im Besitz der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) in der NS-Zeit abgespielt hat, das haben Forscher des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung – wie berichtet – untersucht. Dazu wurde auch eine Online-Landkarte erstellt, auf der ersichtlich ist, wo sich die Gebäude befinden, die als „kontaminiertes Erbe“ betitelt werden. Zwei der 21 steirischen Objekte finden sich in Liezen.
Es sind das Bezirksgericht und das ehemalige Vermessungsamt, beide in der Ausseer Straße gelegen. Ersteres war 1904 eröffnet worden und „diente nach dem autoritären Schwenk der Regierung Dollfuß 1933 als Inhaftierungsort von Nationalsozialisten“, wird auf der Homepage kontaminiertes-erbe-bik.lgb.at berichtet. Nach dem Anschluss im März 1938 wurden dort Entmündigungen ausgesprochen, „was die zwanghafte Unterbringung von Patienten in einer ,Gau-Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke‘ im Nachhinein gerichtlich legitimierte“, heißt es weiter.

In Tötungsanstalt gelandet
„Viele der Entmündigten sind in Hartheim gelandet“, weiß Katharina Enecker, Leiterin des Liezener Stadtarchivs. Von den Nationalsozialisten war das Schloss im oberösterreichischen Alkoven zu einer Tötungsanstalt umgebaut worden. Schätzungen zufolge fanden rund 30.000 Menschen dort den Tod.
Gefangene in Gestalt von politischen Gegnern wurden auch während des NS-Regimes im Amtsgericht, wie es damals genannt wurde, beziehungsweise einem Nebengebäude untergebracht. „Das Haus ist später abgerissen worden“, erklärt Karl Hödl, der Vorgänger Eneckers. Das Amtsgericht bekam nach Kriegsende wieder den Namen „Bezirksgericht“.
Ausgabe von Bezugsscheinen
Und das Gebäude in der Ausseer Straße 70? Es war von den Nationalsozialisten 1940 als Wirtschaftsamt errichtet worden, zumindest „jener Teil parallel zur Straße. Der zweite Teil wurde 1954 erbaut“, so Hödl. Das Amt war hauptsächlich Ausgabeort für Bezugsscheine, die man für die Besorgung von Gebrauchsgütern wie Lebensmitteln oder Kleidern brauchte.

Nach 1945 wurde das Gebäude von verschiedenen Behörden genutzt, so beherbergte es etwa das Finanzamt oder eben das Vermessungsamt. Letzteres zog 2012 aus, danach diente es Arbeiterkammer und Gewerkschaftsbund kurz als Unterkunft bis zur Fertigstellung ihres neuen Gebäudes. Seither steht es leer.
Kinder mussten weichen
Auch von anderen Gebäuden, die in Liezen von den Nationalsozialisten für sich beansprucht wurden, berichtet die Archivleiterin. So etwa vom Kindererholungsheim Grafenegg nahe der Liezener Westeinfahrt. „Es gibt eine Aufzeichnung, in der es heißt: ,Wegen der Nazis müssen die armen Kinder weichen‘. Das Haus wurde zu einem NSDAP-Verwaltungsposten“, sagt Enecker.

Und, dass in der ehemaligen Volksschule und dem anschließenden Gebäude am Beginn der Ausseer Straße Kriegsgefangenenwache und -lager untergebracht waren. „Die Stadtchronistin aus dieser Zeit, Schulrätin Margarete Aigner, hat die Nutzung des Hauses Ausseer Straße 1 als Gefangenenlager in einem Foto festgehalten“, so die Stadtarchivleiterin.
Die einstige Schule wie auch Grafenegg wurden übrigens 1982 abgerissen.