Make-up-Kurse für Krebspatientinnen: „Viel mehr als nur Farbe“
Sich einen Tag wie vor der Diagnose zu fühlen, wünschen sich Betroffene wie Mercedes Striemitzer. Der Verein „Feel Again“ veranstaltet deshalb Make-up-Workshops.

22.363 Frauen in Österreich erhielten im Jahr 2024 eine Krebsdiagnose, den größten Anteil nimmt mit 6959 Fällen Brustkrebs ein. Eine der Betroffenen: Mercedes Striemitzer. Gerade einmal 26 Jahre alt ist die Steirerin, als bei der jungen Frau Brustkrebs festgestellt wurde. Ein Schock, wie sie erzählt: „Die genetische Veranlagung war da, aber natürlich wirft einen eine solche Diagnose immer aus der Bahn, es war eine heftige Zeit.“ Vor allem, weil der jüngste Sohn der Dreifach-Mama zu diesem Zeitpunkt erst ein Jahr alt war. „Da gehen einem wirklich schlimme Dinge durch den Kopf: Wie sage ich es meinen Kindern? Werde ich sie aufwachsen sehen? Was passiert mit mir?“
Das Leben mit der Krankheit veränderte nicht nur Striemitzers Alltag, sondern auch ihren Körper. Durch die Chemotherapie verlor die junge Frau ihre Haare, sie kämpfte mit unreiner, trockener und schmerzender Haut. „Neben den Beschwerden fühlt man sich plötzlich völlig fremd im eigenen Körper, muss sich ganz neu kennenlernen.“ Ein Nachmittag im Hotel Weitzer in Graz gab Striemitzer während der schweren Zeit kurzzeitig das Gefühl von Normalität zurück.

Einmal nicht vom Krebs fremdbestimmt
Denn: Zwei Mal im Jahr veranstaltet der burgenländische Verein „Feel Again“ sogenannte „Wohlfühlstunden“ für an Krebs erkrankte Frauen. In einem mehrstündigen Workshop wird Betroffenen im Hotel Weitzer die Möglichkeit gegeben, sich auszutauschen, ausgebildete Make-up-Artistinnen zeigen zudem, wie das alte Selbst mit Make-up wieder zum Vorschein kommen kann. „Sich als krebskranke Frau zu schminken, ist nicht dasselbe wie bei einem gesunden Menschen“, sagt Striemitzer.
Augenbrauen füllen, die Haut wieder ebenmäßig erscheinen lassen, all das lernte Striemitzer im Workshop. „Man will sich als Frau am Ende doch auch von außen schön fühlen, und manchmal einfach ,normal‘ und nicht krank aussehen. Das Leben wird durch den Krebs so fremdbestimmt, da ist es schön, selbst entscheiden zu können, wem und wann man welche Version zeigen will.“
Ein Workshop als sicherer Hafen
Schicksale wie Striemitzers sind, was Vereinsgründerin Catharina Flieger antreibt. 2018 hob sie „Feel Again“ gemeinsam mit Fotografin Birgit Ehrenreich den Verein aus der Taufe, mit dem Ziel, an Krebs erkrankten Frauen für kurze Zeit wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. „In den Spiegel schauen und einmal wieder mehr als die eigene Erkrankung sehen, sich wieder mehr wie man selbst fühlen – das wünschen sich viele Betroffene sehr“, so Flieger. Teilnehmen können Frauen an den Workshops sowohl vor, während als auch nach der Chemotherapie.
Heute ist Striemitzer bereits seit einem Jahr in Komplettremission, auch eine Mastektomie hat die Steirerin hinter sich. Denkt sie an die Zeit während der Behandlung zurück, bleibt neben der Ungewissheit und der Angst auch die positive Erfahrung bei den „Wohlfühlstunden“. „Es wurden am Ende auch Fotos gemacht, auf denen ich mich selbst vor der Erkrankung das erste Mal ein wenig wiedererkannt habe. Die Bilder habe ich heute noch“, wird die Steirerin ein wenig emotional. Der Workshop sei ein „Safe Space“ gewesen. „Viele Frauen sind mit Perücken gekommen und haben sie dann irgendwann abgelegt.“
Viele Frauen sind mit Perücken gekommen und haben sie dann irgendwann abgelegt
— Mercedes Striemitzer
60 Veranstaltungen im Jahr
60 Veranstaltungen wie diese organisiert „Feel Again“ jedes Jahr, nicht nur in der Steiermark, sondern auch im Burgenland, Nieder- und Oberösterreich und in Wien. Flieger und ihr Team wollen die Zahl der Coachings in der Steiermark in Zukunft erhöhen, auch „Wohlfühlnachmittage“ mit Kreativ- oder Bewegungs-Workshops soll es in Zukunft vermehrt geben. „Denn es geht um so viel mehr als ein bisschen Farbe im Gesicht, sondern primär darum, seine Sorgen kurzfristig zu vergessen“, sagt Flieger. Das bestätigt Striemitzer. „Dieser Nachmittag war für mich auch eine Erinnerung, dass da mehr ist als der Krebs und wie stark wir eigentlich sind.“