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Mit fast 100 klettert Maria Kittl noch immer durch die Wand

Die Bad Ischlerin Maria Kittl ist eine Botschafterin der unerschütterlichen Lebensfreude. Die beeindruckende Lebensgeschichte der bald 95-Jährigen gibt es jetzt in Buchform.

Maria Kittl aus Bad Ischl ist auch mit 94 Jahren noch sicher in der Wand
© Andreas Lattner-Czerny
Maria Kittl aus Bad Ischl ist auch mit 94 Jahren noch sicher in der Wand
Verena Wannisch
Von   und Christoph Zöpfl/Oberösterreichische Nachrichten

Da haben einander zwei gefunden. Die eine, Marlies Lattner-Czerny, hat als erste Österreicherin alle 82 Viertausender der Alpen bestiegen und lebt ihre Kreativität nicht nur auf steilen Routen in den Kletterwänden aus. Auch auf der Tastatur ihres Laptops ist die ehemalige Sportjournalistin beim Erspüren der richtigen Erzählrichtung ein trittsicheres Bewegungstalent. Die andere, Maria Kittl, klettert nicht nur, sie lebt das Klettern geradezu – und das seit Jahrzehnten. Aktuell kraxelt sie ihrem 95. Geburtstag entgegen.

Auf ihrem langen Lebensweg durch verschiedene Epochen der Weltgeschichte musste Kittl steilste Herausforderungen meistern. Was ihr Halt gab und sie nie abstürzen ließ, war neben dem eisernen Willen und einer bewundernswerten Selbstdisziplin ein Mantra, das sich wie eine Art „Betriebsanleitung“ in ihrem Bewusstsein manifestiert hat: „Alles, was ich will, kann ich noch schaffen.“

Als Botschafterin einer unerschütterlichen Lebensfreude klettert Maria Kittl immer noch die Berge hinauf. Die „Ewige Wand“ bei Bad Goisern ist inzwischen ihr Lieblingssportplatz. Der Name ist Programm. „Ich werde 100 und immer noch klettern“, erzählt Kittl jeden Tag am Morgen im Badezimmer ihrem Spiegelbild. Und dann wird geturnt, weil die Bewegung seit klein auf ihr wichtigstes Lebensmittel ist.

Maria Kittl (links) und Marlies Lattner-Czerny
© Andreas Lattner-Czerny
Maria Kittl (links) und Marlies Lattner-Czerny

Vorführmodell der Longevity-Mode

Die Wege von Marlies und Maria haben sich vor Jahren gekreuzt. Ein Glücksfall, denn die erstaunliche Lebensgeschichte der – dieses Sprachbild bitte nicht als Respektlosigkeit missverstehen, es ist eine Verbeugung – steinalten Kletterin gibt es jetzt in Buchform. „Mit fast 100 durch die Wand“ heißt die Biografie, die mit viel Empathie und Erzählkraft einen Menschen beschreibt, der außergewöhnliche Wege beschritten und sich dabei wenig um Konventionen oder kleinkarierte zeitgeistige Verhaltensnormen geschert hat. Aus einfachsten Verhältnissen stammend, turnte Kittl schon als Kind und Jugendliche über Hindernisse, die ihr der Zweite Weltkrieg und die harte Nachkriegszeit in den Weg gestellt hatten.

Vor der Erfindung des Begriffs Emanzipation war Kittl schon eine Art Frauenrechtlerin, die sich nicht auf die Rolle der Mutter und Hausfrau reduzieren ließ.

Und weil jetzt überall von „Longevity“ die Rede ist: Ein Vorführmodell für die Sehnsucht nach dem ewigen Leben ist die Grande Dame der Ewigen Wand schon länger. Kittls Rezepte für ein gesundes Altern sind im Gegensatz zu den oft vom geschäftlichen Interesse getriebenen Gebrauchsanweisungen der zeitgenössischen Longevity-Gurus simpel und billig. Nein, teure Nahrungsergänzungsmittel, Wässerchen oder Schmiermittel für Haut und Gelenke braucht es nicht unbedingt.

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Maria Kittl hält sich auch mit fast 95 Jahren noch fit: In der Kletterhalle ...
Maria Kittl hält sich auch mit fast 95 Jahren noch fit: In der Kletterhalle ... © Andreas Lattner-Czerny

Eine gesunde Ernährung, die Kittl schon in frühen Jahren von ihrem Schwager, einem selbsternannten „Gesundheitsapostel“, vermittelt bekam („Er hat mir bestimmt einige Jahre meines Lebens geschenkt“), ist natürlich wichtig, aber dann hilft neben viel Bewegung vor allem die positive Lebenseinstellung, im heutigen Sprachgebrauch: das richtige Mindset.

„Ich hab nur noch Bröselknochen“

Zu Marias Mantra zählt auch diese Überzeugung: „Entweder du gibst auf, oder du wirst stärker.“ Die eine oder andere Klettertour wird die ehemalige Lehrerin für gehörlose Kinder schon aufgegeben haben, sich selbst aber nie. Gründe für so eine Selbstaufgabe hätte es genügend gegeben.

Mit 46 zieht sie sich beim Reiten – neben dem Klettern in den schwierigsten Wänden der Alpen war Kittl auch eine erfolgreiche Dressurreiterin – einen fünffachen Beckenbruch zu. Mit 55 muss sie den Kampf mit dem Brustkrebs aufnehmen. Dazu kommen Wirbelbrüche – einer beim Fensterputzen, einer beim Skifahren –, zwei Bandscheibenvorfälle, eine Stenose in der Wirbelsäule, die spät, aber doch operiert wurde, ein Kreuzbeinbruch, ein Schambeinbruch, ein Schlaganfall, diverse Rippenbrüche, mit 91 ein Oberschenkelhalsbruch nach einem Stolperer im Garten.

Vorige Woche kamen nach einem „Hoppala“ beim Geschirrspülerausräumen ein weiterer Schambeinbruch und ein gebrochener Brustwirbel dazu.. Kittl: „Ich habe halt nur noch Bröselknochen.“ Aber schon im Krankenbett wird gerade für die nächste Klettertour trainiert. Und da wäre noch etwas: Ihre Herzleistung ist im Lauf der Zeit auf 30 Prozent gesunken.

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© Andreas Lattner-Czerny

Wenn das Schicksal zuschlägt

Diese Verletzungen und körperlichen „Baustellen“ sind vergleichsweise zu zwei wirklich brutalen Schicksalsschlägen allerdings eher in der Rubrik „Allfälliges“ abgelegt. Am Silvestertag 1975 verunglückt Kittls damals 16 Jahre alter Sohn Harald beim Drachenfliegen am Loser. Zuerst wagt ihr Mann Robert mit dem ausgeliehenen Hängegleiter einen Flug, dann darf das einzige Kind des Ehepaars in die Luft gehen. Harald verschätzt sich offenbar bei der Einteilung der Flughöhe, er landet im Altausseer See, die schweren Ski samt Skischuhen ziehen ihn in die Tiefe, er ertrinkt. Für Robert und Maria Kittl, damals 42 und 44 Jahre alt, ist das der gefühlte Weltuntergang.

Zum Schock und zur Trauer kommt ein dumpfes mediales Echo. „Vater hetzt Sohn in den Tod“, titelt eine Zeitung. „Es ist das Schlimmste, was dir im Leben passieren kann: dein Kind zu verlieren. Einen ganzen Monat lang habe auch ich nicht mehr gelebt“, erzählt Maria Kittl im dunkelsten Kapitel des Buchs. Ein Kapitel, das sie selbst nicht lesen wird, weil sie der tragische Tod ihres Sohnes auch nach Jahrzehnten immer noch zu sehr aufwühlt.

Am 12. Mai 2008, da ist sie längst Pensionistin, schlägt das Schicksal noch einmal mit voller Härte zu. Klaus Hoi, ein Kletterpartner ihres Mannes, steht vor der Tür. Sein Gesicht ist weiß, Kittl begreift schnell, was das bedeutet. Ihr Mann Robert, mit dem sie im Vorjahr noch die Goldene Hochzeit mit einer Klettertour in der Südwand des Kleinen Koppenkarsteins gefeiert hatte, war im Dachsteingebiet bei einer Skitour wenige Tage vor seinem 74. Geburtstag in den Tod gestürzt. Als ein alter Freund am Tag danach telefonisch kondoliert, sagt Kittl: „Jetzt geh ich auf die Trisselwand und springe hinten runter.“ Der Freund, der bei der Bergrettung ist, erwidert: „Das kannst du nicht tun. Denk zumindest an die, die dich dann aufsammeln müssen.“

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© Privat

Zweite Karriere mit 80

Maria Kittl schlägt daraufhin einen neuen Weg ein, der hart ist, aber zurück ins Leben führt. Das Klettern hinter um Jahrzehnte jüngere Bergführer, die sie ans Seil nehmen, hilft ihr, die Lebensfreude zurückzugewinnen. „Mit knapp 80 hat meine zweite Kletterära begonnen“, sagt sie rückblickend und strahlt dabei über das ganze Gesicht.

Apropos 80: Im Dezember 2025 hat Kittel nach einer Tour ihrer Biografie-Autorin eine WhatsApp-Nachricht – ja, in der digitalen Welt der „Wisch-Handys“ bewegt sich die 94-Jährige inzwischen auch (fast) absturzfrei – mit diesem Text geschickt: „Das Klettern war ganz super heute. Ich habe mich wie achtzig gefühlt.“

Marlies Lattner-Czerny muss jetzt noch lachen, wenn sie daran denkt. Sie ist noch keine vierzig. Marias Mantra hat sie während der anspruchsvollen gemeinsamen autobiografischen Klettertour von den ersten Gesprächen über den vorläufigen Textentwurf bis hin zum fertigen Buch wohl verinnerlicht. „Alles, was ich will, kann ich noch schaffen.“