Eine Weitreisende mit Blick für die Macht
Kathrin Stainer-Hämmerle erklärte bisher den Menschen im Fernsehen die Politik dieser Republik. Ab dem 1. Oktober ist sie die neue Rektorin der Carinthia University.

Wie wird es im Machtkampf um die SPÖ-Spitze weitergehen? Wer hat welche Lager hinter sich versammelt, wer kann die Basis ansprechen? Bei Fragen wie diesen müssten andere Leute durchschnaufen und nachdenken. Kathrin Stainer-Hämmerle aber nimmt rhetorischen Anlauf und dekliniert die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der politischen Ränkespiele durch. „Das ist halt das, was ich mein Leben lang schon mache“, sagt die 57-Jährige mit einem Lächeln.
Wobei sie das nicht nur ihr Leben lang schon macht, sondern seit Jahrzehnten auch im Leben anderer Menschen. Die Politikwissenschafterin ist - neben Peter Filzmaier, bei dem sie einst in Innsbruck studierte - eine der Erklärerinnen des Politik-Betriebes in den Sendungen des ORF. Ob Sommergespräche oder Wahlen - sie ist mit Einordnungen parat, liefert Sichtweisen und verweist auf Zusammenhänge, die Laien verborgen sind. „Ich wollte immer schon wissen, was die Leute antreibt, Herrschaft hinterfragen“, erklärt sie ihre einstige Studienwahl. Dass sie auf das Politikwissenschaftsstudium in Innsbruck noch ein Doktorat in Rechtswissenschaften draufsetzte, ist thematisch stimmig, war aber eigentlich eine pragmatische Entscheidung. „Ich dachte mir: Studier auch was richtiges, damit du deine Brötchen verdienen kannst.“
Über Innsbruck nach Klagenfurt
Der Einstieg ins Gerichtsjahr und damit in die Juristinnen-Laufbahn wurde ihr aber mit sanftem Druck verwehrt. Ihre Tochter Leni war damals ein Jahr alt und bei Gericht meinte man, das gehe sich nicht aus für eine junge Mutter. „Was ein Blödsinn war, aber so dockte ich eben wieder bei der Politikwissenschaft an.“ Erst in Innsbruck, eine Universitätsreform später ab 2004 schließlich an der Uni Klagenfurt. Der Plan damals: „Sechs Jahre bleiben, bis meine Tochter mit der Volksschule fertig ist, und dann weiterschauen.“
Ich habe auch für die politische Analyse immer mit allen Fraktionen gesprochen.
— Kathrin Stainer-Hämmerle, Neue Rektorin der Carinthia University

Ein Plan, der freilich nie aufgehen sollte. 2006 lernten sie und Politik-Analyst und Publizist Peter Plaikner einander „besser kennen, als wir es zuvor aus gemeinsamen Zeiten in Innsbruck taten“ und er folgte ihr an den Wörthersee. Der zweite Grund zu bleiben: 2009 wurde sie als FH-Professorin an die FH Kärnten berufen. Auf Lehre und Forschung folgte der Aufbau neuer Lehrgänge und nun der Wechsel ins Hochschulmanagement: Mit 1. Oktober wird sie Rektorin der Carinthia University. Ein lange gehegter Plan? „Nein, eher etwas, das sich aus dem Gefühl des Aufbruchs entwickelt hat, den wir hier nun spüren.“ Mit einer neuen Geschäftsführung und dem neuen Markenauftritt der einstigen FH Kärnten entwickelt sich eine etablierte Einrichtung nochmals in eine neue Richtung. Dass sie dabei selbst zur Interessenpolitikerin wurde, Stichwort: Standortfrage, ist ein Umstand, an den sie sich rasch gewöhnt hat. „Ich habe ja auch davor für die Analyse immer mit allen politischen Fraktionen gesprochen.“
Bunte Debatten am Küchentisch
Die Offenheit in alle politischen Richtungen hat sie übrigens aus dem Elternhaus in Vorarlberg. „Mein Vater war sozialdemokratisch geprägt, meine Großmutter mit einem Abgeordneten der FPÖ liiert und meine Schwester, die etwas älter ist als ich, war auf kommunaler Ebene bei der Gründung der Grünen mit dabei. Wir hatten also immer recht bunte Debatten am Küchentisch.“ Dass die in Vorarlberg damals wie heute dominierende ÖVP in dieser Aufzählung fehlt, hat auch ihre Spuren hinterlassen. „Ich wusste gewissermaßen von klein auf, was es heißt, Teil einer Minderheit zu sein.“
Zur Person
Kathrin Stainer-Hämmerle (57) ist ab 1. Oktober neue Rektorin der Carinthia University of Applied Sciences. Die gebürtige Vorarlbergerin studierte in Innsbruck Rechts- und Politikwissenschaft, seit 2004 lebt sie in Kärnten. Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter und mit dem Politik-Analysten und Publizisten Peter Plaikner liiert.
Live-Podcast. Wer ihre politischen Analysen schätzt, kann sie am 6. November in den Kammerlichtspielen Klagenfurt live erleben. Sie ist Gast des satirischen Nachrichten-Podcasts „Maurer & Cik“, der an diesem Abend live aufgezeichnet wird. Tickets: www.kammerlichtspiele.at
Reisen, nicht urlauben
Der Schritt, sich mit 57 Jahren noch einmal beruflich neu zu erfinden, hat aber auch „mit einer neuen Freiheit zu tun, die man spürt, wenn das eigene Kind erwachsen wird“. Tochter Leni absolviert gerade in Schweden ihr Master-Studium und „leidet nicht mehr unter der Mutter“. Ein zynischer Spruch? „Nein, sie hatte es tatsächlich manchmal nicht leicht als Tochter einer Frau, die im Fernsehen Politik erklärt. Wenn sie im Unterricht eine Frage zum Tagesgeschehen nicht wusste, fragten Lehrer, ob die Mama nicht enttäuscht sei – was ich natürlich nie war. Aber gerade das machte sie auch durchsetzungsstärker und selbstbewusster.“ Dass das Verhältnis der beiden Frauen trotzdem eng und innig ist, zeigt der Blick ins Reisetagebuch. Im Vorjahr waren sie gemeinsam drei Wochen im Oman unterwegs, im Jahr davor ging es sieben Wochen nach Südamerika. „Leichtes Gepäck, reisen mit Öffis, das liebe ich und ist eine Freiheit, die ich jetzt erst wieder entdeckt habe und die ich mir auch nicht nehmen lassen will.“
Eine andere Freiheit, die sie sich nicht nehmen lassen will: den Kontakt mit den Studierenden. „Freilich wird es weniger werden, aber ich will weiter unterrichten und Master-Arbeiten betreuen.“ Schließlich entwickle sich mit der Nutzung der Werkzeuge der künstlichen Intelligenz auch dieses Feld in eine völlig neue Richtung.

Gibt es bei all den Plänen und Ideen überhaupt Zeit und Raum für Gelassenheit? „Jedenfalls am Abend am Herd oder wenn ich bei mir daheim hinters Haus gehe. Dort beginnt das Klagenfurter Kreuzbergl und für mich die Ruhe.“