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Patienten betäubt und gefilmt? „Er war ein guter Arzt, aber ...“

Frühere Patientin des beschuldigten Grazer Mediziners spricht über ein besonderes Vertrauensverhältnis, aber auch über „ein großes Machtgefälle zwischen einer damals 19-Jährigen und einem renommierten Arzt“.

Gegen den Arzt (Symbolbild) laufen Ermittlungen in Graz und Zürich
© APA / Helmut Fohringer
Gegen den Arzt (Symbolbild) laufen Ermittlungen in Graz und Zürich
Christian Penz
Redakteur Bundesland Steiermark

„Ein Wahnsinn, dass man davon schon vor sechs Jahren gewusst hat. Jeder Mensch, der betroffen ist, ist sein Leben lang traumatisiert.“ Mit Betroffenheit, wie sie selbst sagt, hat eine Steirerin den Bericht der Kleinen Zeitung aufgenommen, in dem es um schwere Missbrauchsvorwürfe gegen einen Internisten geht. Der Grazer (65) war auch ihr Arzt. „Wenn ich davon lese, überfällt mich ein schlechtes Gewissen. Hätte ich selbst meinen Vorfall melden können? Melden müssen? Hätte es vielleicht sogar etwas verhindert?“, stellt sie während des Gesprächs Fragen in den Raum.

Zur Vorgeschichte: Der Mediziner sitzt ja seit Juli in der Schweiz in Zürich in Untersuchungshaft. Gegen den 65-jährigen Mann wird unter anderem ein „Strafverfahren wegen des Verdachts auf Schändung, Verletzung des Geheim- oder Privatbereichs durch Aufnahmegeräte“ in seiner Zürcher Praxis geführt. Der Beschuldigte, so der Verdacht, habe die Opfer stets unter einem Vorwand gebeten, sich nackt auszuziehen. Manche von ihnen habe der Arzt betäubt und anschließend auf einem Gynäkologenstuhl missbraucht, von ihm versteckte Kameras sollen das Geschehene aufgezeichnet haben. Was irritiert: Bereits 2020 gab es wie berichtet die erste Strafanzeige in der Schweiz – doch der renommierte Mediziner konnte jahrelang unbehelligt weiter praktizieren. Parallel dazu laufen Ermittlungen bei der Grazer Staatsanwaltschaft betreffend die Praxis des Internisten in der Landeshauptstadt. Knapp 30 Betroffene soll es laut Ermittlern geben.

Behandlungserfolg durch den Arzt

„Er war auch mein Arzt. Viele Jahre lang, noch bis vor einigen Jahren. Und er war ein guter Arzt, aber ...“, führt die Steirerin aus, macht eine Gedankenpause. „Ich war damals in den 90ern ja erst 19 Jahre alt. Ich hatte zuvor keinen Mediziner, der mir mit meiner chronischen Erkrankung wirklich weiterhelfen konnte.“ Durch den Behandlungserfolg sei ein „besonderes Vertrauensverhältnis entstanden, es war aber gleichzeitig ein Machtgefälle da. Umso mehr, wenn man erst 19 Jahre alt ist. Er war ja ein sehr renommierter Arzt, überall angesehen“.

Das Vertrauen ging so weit, dass man sich einmal privat getroffen habe. „Er war mir gegenüber sehr anzüglich, machte sehr eindeutige Anspielungen. Dafür hat er eine Ohrfeige von mir kassiert. Für mich war die Sache damit erledigt. Es war eine andere Zeit. 19-Jährige würden heute garantiert anders reagieren, den Vorfall melden ...“

Rückblickend ist die Ex-Patientin froh, dass nicht mehr passiert ist. „Mein Glück: Ich hatte damals für meine Untersuchungen bei ihm kein Geld für seine Privatordination. Ich wurde immer im Spital behandelt, war nie allein mit ihm.“ Und doch mache sie sich Vorwürfe. „Weil er ja ein guter Arzt war, habe ich ihn natürlich weiterempfohlen. Ein Bekannter, der vom Fall gehört hat, ist verunsichert, ob er nicht auch ein Betroffener ist.“ Für den Mediziner, der weiterhin in Untersuchungshaft bleibt, gilt die Unschuldsvermutung.