Der steirische herbst und Ampeln, die niemals auf Grün schalten
Der steirische herbst hat eröffnet. Mit einem kulturpolitischen Wrestlingmatch. Und mit einer scharfsinnigen Rede von Intendantin Ekaterina Degot.

Pyrotechnikeffekte, Cheerleaderinnen, ein Chor für Buh- und Jubelrufe und eine Blaskapelle im Dienst der Avantgarde: Auf dem Grazer Karmeliterplatz herrscht Donnerstagabend Heumarktstimmung – beim Open-Air-Wrestling-Match des „Falschen Propheten“ („Ihr verbrennt das steirische Steuergeld und nennt es Kunst. Ich nenne es entartet!“) gegen „Die weltberühmte queere Künstlerin“ („Ihr provinziellen Seppeln bekommt es jetzt mit der Kraft der Kunst zu tun!“).
Ein Stellvertreterduell also, mit reichlich Wumms und klatschenden Körpern. Und tatsächlich, so schwungvoll war der Eröffnungsakt des steirischen herbst schon lange nicht mehr. Steirisches Kulturgeschehen als Showkampf und in der Cartoon-Version des Wrestling-Kosmos: Gut gegen Böse. Die Kämpfer werden mehr, bald bröckelt das „bürgerliche Lager“ und das destruktive Element scheint zu obsiegen. Erst als sich der „Steirerman“ entschließt, für Diversität und Inklusion in den Ring zu steigen, wendet sich das Glück doch noch zugunsten der Künste.
Bewusste Irrführung
„Paradise Lost: Dieser Kampf ist kein Zeichen“ nannte Julian Warner sein Performance-Spektakel zum herbst-Auftakt. Der Titel ist eine bewusste Irreführung, denn natürlich ist hier die schlichte Handlungslogik des Wrestling mit Bezügen auf die kulturpolitischen Entwicklungen im Land unterfüttert.
Die hatte zuvor auch schon die herbst-Intendantin Ekaterina Degot in einer hintergründigen Eröffnungsrede ins Visier genommen – auf einem wackeligen Rednerpult, und nicht wie geplant vom Balkon der ÖVP-Zentrale herunter. Die Partei, die, so Degot, „in ihren prähistorischen liberalen Zeiten“ einst „den Dschinn des steirischen herbst aus der Flasche gelassen hat“, ist zu dem Festival offenbar auf Distanz gegangen. Oder auch nicht: Kulturlandesrat Karlheinz Kornhäusl (VP), bei der Eröffnung zugegen, versicherte der Kleinen Zeitung, er hätte den Akt auf jeden Fall ermöglicht – aber man habe ihn halt nicht gefragt.

Möglicherweise war das „Nein“ eines Parteifunktionärs ja genau eine Folge jener grassierenden Risikovermeidung, die Degot in ihrer Rede aufs Korn nahm: „Wir sind zu unseren eigenen Wächtern geworden, wenn nicht gar zu unseren eigenen Gefängniswärtern“, stellte die Intendantin fest, in einer mit „Red Flags“ (Warnsignalen) gespickten Zeit, in der die Regelwerke wuchern und das Misstrauen steigt – was letztlich die geistige Bewegungsfreiheit lähmt: Die Gesellschaft habe sich mit Ampeln umgeben, „die niemals auf Grün schalten“, so Degots Befund. „Zunehmend geht es beim richtigen Verhalten nicht mehr nur um korrekte Sprache, die niemanden beleidigen darf, sondern um korrektes Denken; sich auf das Terrain der Provokation zu wagen, wird intellektuell nicht wirklich willkommen geheißen.“
„Wir haben am konservativen Konsens Anteil“
Diese zivilgesellschaftliche Erstarrung, so Degot weiter, markiere aber auch „eine klar antimoderne Wende, da die Moderne für all unsere Katastrophen verantwortlich gemacht wird, vom Kolonialismus bis zur Überindustrialisierung“. Die links und liberal ausgerichtete Kulturszene müsse sich nun eingestehen, „dass es in der Kultur einen konservativen Konsens gibt und wir selbst daran teilhaben“, in der heutigen Kultur und im Diskurs liege der Schwerpunkt „darauf, zu bewahren, das Bestehende gegenüber dem Neuen zu privilegieren, sich Traditionen anzuschauen und große Erzählungen sowie universalistische Konzepte abzulehnen, da diese durch koloniale und andere Formen der Gewalt kontaminiert sein könnten.“ Dieser angeblich „gesunde Konservatismus“ befördere nun Tendenzen, den steirischen herbst „näher an den lokalen Kontext“ zu bringen, kritisierte Degot – ganz im Sinne der Rechtsextremen, denen das Festival seit jeher als „entwurzelt“ und zu kosmopolitisch gelte.

Dem entgegen plädierte die Intendantin für eine internationale Kultur und große Zusammenhänge: „Es gibt Künstler, die zufällig in der Steiermark leben, aber so etwas wie ,steirische Kunst‘ gibt es nicht. Kein Nachhaltigkeitsslogan kann einen Lokalpatriotismus rechtfertigen, der gefährlich nahe an Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit liegt.“ Ihr Fazit: Der Kultur geschieht nichts Gutes, „wenn ihr primärer kreativer Impuls darin besteht, politische, moralische und ökologische Fehler zu vermeiden“. Sie brauche das Risiko ebenso wie Persönlichkeiten mit dem „Mut, um die Ecke zu denken, kühn zu schreiben“, Kunst zu schaffen, die manchen missfällt, „die Grauzone des Gesetzes auszuloten und Politik und Gesellschaft gegen den Strich zu bürsten.“
Die Tradition „sozial verantwortungsbewusster ,Nestbeschmutzer‘, abenteuerlustiger Dissidenten und radikaler Denker und Künstler“ von Jelinek bis Brus und rund um Institutionen wie „herbst“, Forum, „manuskripte“, sei daher „die Tradition, zu der sich Graz und die Steiermark öffentlich bekennen müssen; sie sind das, was sie im ganzen Land, wenn nicht sogar weltweit, einzigartig macht.“ Der herbst selbst setzt diese Tradition vorerst bis 18. Oktober fort.
„herbst“ heute
17 Uhr: Eröffnung der „herbst“-Hauptausstellung: Graz, Griesplatz 34. Mit Performance „Slamming Unplugged“ von Xenua Koghilaki.
20.30 Uhr: Premiere „Austria Demenzia“, Orpheum Graz.
20.30 Uhr: „Angelic Coinversations“, Tanzperformance, Helmut-List-Halle. www.steirischerherbst.at