Sie kennt die schönste Literatur in Ausseerland und Ennstal
Germanistin Alice Kolb hat ein Buch über die Literatur des Bezirks Liezen geschrieben. Was alle Texte vereint und welcher Autor mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Wie viele Literaturliebhaber startete Alice Kolb früh: „Ich habe von klein auf alles gelesen, was es bei uns im Haus gegeben hat. Zuerst Karl May, die Russen wie Tolstoi und Dostojewski und dann deutsche Klassiker wie Hermann Hesse und Thomas Mann“, erzählt die gebürtige Aicherin.
Kein Wunder, dass die 63-Jährige diese Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Kolb studierte Germanistik und Romanistik an der Karl-Franzens-Universität in Graz, wo sie auch jahrzehntelang als Dozentin für neuere deutsche Literatur tätig war. In ihrer Habilitation, also der Prüfung zur Lehrbefähigung an einer Universität, befasste sie sich mit dem österreichischen Schriftsteller Adalbert Stifter.
Von Romanen bis Kinderliteratur
Die Faszination der Aicherin für deutsche Literatur konnte auch die Pension nicht mindern. Ganz im Gegenteil: „Damit hatte ich endlich Zeit, literaturwissenschaftliche Bücher zu schreiben“, betont sie im Gespräch mit der Kleinen Zeitung. Ihre Schwester brachte die in Graz Lebende auf die Idee, Literatur aus der Heimat als erstes Thema zu wählen: „Wobei ich zuerst gedacht habe, da gibt es nicht viel und ich bin schnell am Ende angelangt“, sagt sie heute schmunzelnd und eines Besseren belehrt. „Tatsächlich ist es eine spannende Entdeckungsreise geworden.“ Und auf dieser Reise fand Kolb im Endeffekt so viel, dass sie lange nicht alles verwenden konnte.
In ihrem im August erschienenen Werk „Vom wilden Dachstein ins Haller Dörfl“ zeigt sie daher ausgesuchte „Streiflichter“ auf die Literatur aus dem Ennstal und dem steirischen Salzkammergut. Kolb entschied sich für 15 Autorinnen und Autoren, die gleichzeitig die Vielfalt des Vorhandenen zeigen sollen. Sie beschreibt Romane, Gedichte und Essays über Theaterstücke und Sagen bis hin zur Kinderliteratur aus den vergangenen 100 Jahren, von Paula Grogger, deren „Grimmingtor genau heuer den 100. Geburtstag feiert, bis zu ganz jungen Autorinnen.

Liebe zur Landschaft vereint
In Kolbs Buch finden sich bekannte Literaten wie Barbara Frischmuth, Bodo Hell und Ferdinand Schmalz, aber auch unbekanntere wie Heinz Dietmayr, Hildegard Tramberger und Friederike Amort. Die Literaturwissenschafterin beschreibt in ihren Kapiteln jeweils ein Werk aus dem teils sehr umfangreichen Œuvre der Autorinnen und Autoren, das sich konkret mit dem Bezirk beschäftigt.
Lesung im Regionalbüro Liezen
Alice Kolb wird ihr neues Buch am 6. November um 19:00 Uhr im Regionalbüro Liezen vorstellen und auch Auszüge aus den Texten der besprochenen Autorinnen und Autoren lesen.
Interessierte sind herzlich eingeladen, eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich unter: Tel. (03612) 255 70 oder liezen@kleinezeitung.at
Was eint sie alle? „Der starke Bezug zur Landschaft. Die Berge, der Fluss, das Tal – diese Dreifaltigkeit spielt eine besondere Rolle.“ Wie der Blick selbst aber aussieht, sei sehr unterschiedlich: „Bei Dietmayr ist er nostalgisch mit Augenzwinkern, bei Grogger pathetisch, bei Schmalz sehr kritisch“, erklärt Kolb.
Vergessener mit „großer, großer Literatur“
Geht man mit diesem Blick nun über den regionalen Tellerrand, wie schlagen sich die Texte aus dem Bezirk? „Es ist alles gute Literatur, aber nicht immer Weltliteratur.“ Wobei: Es gebe da einen, der habe „große, große Literatur“ geschrieben, sei aber in Vergessenheit geraten, weiß die Expertin. Sie spricht dabei von Herbert Zand aus Knoppen (Bad Mitterndorf).
„Er ist durchaus mit den großen Autoren der Nachkriegszeit wie Günter Grass, Heinrich Böll oder Ilse Aichinger zu vergleichen.“ Als Leseempfehlung bringt Kolb dabei Zands Roman „Letzte Ausfahrt. Roman der Eingekesselten“ aufs Tapet, der sich um den Rückzug der Deutschen von der russischen Front im Zweiten Weltkrieg dreht. Diesen hatte Zand selbst erlebt. „Er wurde verwundet und starb letztendlich an den Spätfolgen eines Granatsplitters 1970 viel zu jung“, weiß Kolb.
Einige Verlage interessiert
Dieses Beispiel zeigt sehr gut, worum es der Aicherin geht. „Vom wilden Dachstein ins Haller Dörfl“ ist ein wissenschaftliches Buch und nichts, was man „von A bis Z durchliest. Mein Hauptanliegen ist es, dass Menschen immer wieder hineinlesen und dann Lust bekommen, einen der beschriebenen Texte in die Hand zu nehmen.“ So ist Kolbs Werk auch in einem wissenschaftlichen Verlag erschienen, in einer kleinen Auflage und dadurch mit rund 87 Euro teurer als ein normales Buch. Fiel es ihr eigentlich schwer, einen Verlag zu finden? „Nein, überhaupt nicht, weil es zu diesem Thema bis jetzt noch nichts anderes gibt.“
