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Altgriechisch entziffert: KI soll antike Textlücken füllen

Das KI-Modell Apollo ergänzt antike Textlücken und entziffert Papyri mit rund 80 Prozent Trefferquote für die Wissenschaft.

Verkohlte Schriftrollen und unlesbare antike Texte können jetzt entschlüsselt werden
© APA/ÖAW
Verkohlte Schriftrollen und unlesbare antike Texte können jetzt entschlüsselt werden
Alice Samec
Redakteurin News & Social Media

Verkohlte Schriftrollen und unlesbare antike Texte: Ein Großteil von hunderttausenden Inschriften und Papyrusfragmenten aus der Antike, die weltweit in Museen und Bibliotheken lagern, sind nicht vollständig entziffert. Ändern soll sich dies durch das KI-Modell "Apollo", das Altgriechisch "versteht" und von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zusammen mit den europäischen KI-Unternehmen Mistral AI und SAIL Reply entwickelt wurde. Trefferquote: 80 Prozent.

Debatten um KI seien derzeit vorwiegend von Dystopien geprägt, "wir dürfen sie aber nicht Extremisten, Frauenhassern oder Spaltern überlassen", erklärte Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ) bei einer Pressekonferenz in Wien, in der das "weltweit erste große KI-Sprachmodell für Altgriechisch" vorgestellt wurde und sein Können gleich unter Beweis gestellt hat. Im Zusammenspiel mit wissenschaftlicher Exzellenz könne Großartiges entstehen und Mehrwert für alle generiert werden, etwa wenn die Aufarbeitung unvollständiger Papyri verbessert wird, so die Ministerin. Wichtig sei auch, dass es um europäische Expertise gehe, meinte sie im Hinblick auf die zuletzt viel genannte Souveränität.

Apollo ergänzt fehlende Inhalte

Apollo kann fehlende Inhalte - einzelne Wörter oder ganze Textpassagen - von Fragmenten eigenständig ergänzen, um die Schriftstücke zu verstehen und historisch einzuordnen. Die Vorschläge des Large Language Models (LLM) werden von den Forschenden geprüft, strich ÖAW-Präsident Heinz Faßmann hervor. "KI revolutioniert die Wissenschaften, ist eine Assistentin, die bei Fragen zur Verfügung steht, die Texte übersetzt - und das 24 Stunden sieben Tage die Woche. Sie ist eine exzellente Kollegin, die Wirkstoffe entwirft und die wissenschaftliche Prozesse selbstständig weiterführt, also KI ist schon etwas", so Faßmann. Er verwies darauf, dass die Geisteswissenschaften bisher "ein bisschen außen vor waren. Das ändert sich jetzt".

"Apollo" sei auf Textwiederherstellung optimiert und ermögliche letztendlich aus Überlieferungen neue Erkenntnisse über unsere gemeinsame Vergangenheit, so Anna Dolganov, Althistorikerin und Papyrologin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW. Noch heute seien die Folgen des Römischen Reichs - von Rechtsprechung bis zu Aquädukten - sichtbar. Historische Quellen gebe es reichlich, etwa 200.000 Inschriften, hunderttausende Archivdokumente und rund eine Million Papyri. Allerdings seien weniger als acht Prozent der Papyri erfasst und entziffert. Das herkömmlich zu Ende zu bringen, könnte rund 2.000 Jahre dauern, rechnete die Expertin vor. Die neuen Möglichkeiten würden die Geschichtsschreibung in diesem Bereich und die Altertumsforschung definitiv ändern.

600 Millionen Wörter zum Training verwendet

Zwar wurden für das Training der KI nur 600 Millionen Wörter verwendet - bei LLMs sind dutzende Milliarden üblich -, dennoch erreicht "Apollo" laut Dolganov eine Trefferquote von rund 80 Prozent. Überprüft wurde das anhand eines Originaltextes auf Papyrus, bei dem man bestimmte Passagen bewusst versteckt hat. Bei einer Blindstudie mit unbekannten Textlücken bewerteten internationale Fachleute die KI-Ergebnisse den Angaben zufolge in 77 Prozent der Fälle als mindestens ebenso gut wie die "menschlichen" Ergänzungen. In 16 bis 20 Prozent der Fälle habe "Apollo" die Expertinnen und Experten aus Fleisch und Blut sogar übertroffen.

Das Modell könne auch präzise zwischen verschiedenen Sprachstufen des Griechischen unterscheiden, so die ÖAW-Projektleiterin. Anhand von Satzbau und Vokabular erkenne die KI präzise, ob ein Text zum Beispiel aus Homers "Odyssee" stammt. Bei der Pressekonferenz wurden die Fähigkeiten von "Apollo", der in der Antike als Gott des Lichts und Schutzgott der Künste und Wissenschaften galt, an mehreren Beispielen gezeigt: Das Sprachmodell machte eine beim Ausbruch des Vesuvs verkohlte Schriftrolle vollständig lesbar und rekonstruierte eine antike Geburtsanzeige sowie eine fragmentarische Inschrift aus dem Schwarzmeerraum.

Apollo berücksichtigt Kontext beiderseits der Lücke

Die Vorhersagen der nächsten Wörter durch die KI würden sich nicht nur auf den Text davor beziehen, vielmehr berücksichtige "Apollo" den Kontext auf beiden Seiten der Lücke, strich die Althistorikerin hervor. Geliefert werden bis zu zehn Vorschläge, abhängig von der Wahrscheinlichkeit können es auch weniger sein. "Das hilft sehr, bestimmte Hypothesen auszutesten, und liefert wichtige Anregungen", so Dolganov. Die ÖAW hat "Apollo" den Angaben zufolge mit rund 400.000 Euro finanziert und ist nun Eigentümerin des Sprachmodells, das ab sofort in einer ersten Stufe der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

Im nächsten Schritt soll das Modell um eine thematische und semantische Suche in der gesamten griechischen Textüberlieferung erweitert werden, wobei gefundene Parallelstellen gleich die von der KI gelieferten Ergänzungsvorschläge untermauern könnten. Gearbeitet werde auch an einer automatisierten Transkription der griechischen Papyri. Außerdem soll die KI künftig mit einem lateinischen Textkorpus trainiert werden. Dafür stehen dann rund zwölf Milliarden Wörter zur Verfügung.

Projekte wie diese würden Europa voranbringen und seien ein gutes Beispiel, was KI für die Gesellschaft leisten könne, gaben sich William El Sayed von Mistral und Dimitris Vlitas von SAIL Reply überzeugt. Mit spezifischen Anwendungen sei es möglich, abseits von "energiehungrigen Riesenmodellen" große Aufgaben mit wenig Aufwand zu lösen, erklärte El Sayed. Er sieht darin ein Vorbild für viele weitere Anwendungen in allen möglichen Bereichen, "von Halbleitern bis Mathematik". Vom Aufwand und den Kosten sei das Projekt sehr effizient aufgesetzt und in vier Monaten umgesetzt worden, so Vlitas.